Parlamentswahl

72 Jahre, 64 Regierungen: So funktioniert Politik in Italien

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Walter Bau
Silvio Berlusconi (l), ehemaliger Ministerpräsident von Italien und Matteo Salvini, Parteivorstand der rechtspopulistischen Lega Nord.

Silvio Berlusconi (l), ehemaliger Ministerpräsident von Italien und Matteo Salvini, Parteivorstand der rechtspopulistischen Lega Nord.

Foto: Domenico Stinellis / dpa

Italien wählt die neue Regierung – die dann 65. seit Kriegsende. Was nach Chaos aussieht, hat Methode, wie ein gründlicher Blick zeigt.

Berlin/Rom.  Mit der Wahl am Sonntag dürfte sich die Amtszeit von Paolo Gentiloni bald erledigt haben – dem blassen Sozialdemokraten werden kaum Chancen zugetraut, auch künftig als Ministerpräsident an der Spitze Italiens zu stehen. Wenn Gentiloni nach rund 15-monatiger Amtszeit abtreten sollte, wäre auch die 64. Nachkriegsregierung in Italiens 72 Jahren Republik Geschichte.

Mit 15 Monaten an der Spitze der Regierung stünde der bedächtige Gentiloni gar nicht mal so schlecht da. Mancher Premier vor ihm war noch kürzer im Amt – einige nur ein paar Wochen.

Beispielsweise Amintore Fanfani. Der Christdemokrat musste am 10. Februar 1954 nach gerade einmal 23 Tagen wieder abtreten – bis heute ein Rekord. Fanfani konnte die Schmach übrigens verschmerzen, er führte insgesamt sechs Mal eine Regierung in Rom.

Berlusconi am längsten an der Macht

Die längste Regierungszeit darf auf der anderen Seite die wohl schillerndste Persönlichkeit für sich verbuchen, die je Chef im ehrwürdigen Palazzo Chigi wurde: Silvio Berlusconi. Viermal war der skandalträchtige Medienunternehmer aus Mailand Ministerpräsident, insgesamt brachte er es auf 3297 Tage im Amt. So lange hielt sich keiner in Rom an der Macht.

Am Sonntag tritt Berlusconi, inzwischen auch schon 81 Jahre alt, mit seiner wieder erstarkten Partei Forza Italia erneut an – doch diesmal nur als Schattenmann. Wegen einer Verurteilung als Steuerhinterzieher darf er aktuell kein öffentliches Amt bekleiden.

Wer aus dem scheinbar wahllosen Wechselspiel an der politische Spitze Italiens schließen würde, in der Politik des Landes ginge es chaotisch zu, der wird bei einem genauen Blick auf das Personalkarussell klüger. Dann zeigt sich nämlich, dass das vermeintliche Durcheinander sehr wohl Methode hat.

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Jahrelang regierte relativ kleine Polit-Clique

Das berühmte Zitate aus Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“, wonach sich alles ändern muss, damit die Dinge letztlich so bleiben wie sie sind – nirgendwo sonst wird es mehr beherzigt als in den Machtzentralen der italienischen Hauptstadt.

Über viele Jahre hinweg teilte sich eine relativ kleine Polit-Clique die Macht – in wechselnder Aufstellung. So bildete der Christdemokrat Alcide De Gasperi, erster Ministerpräsident im Nachkriegs-Italien, bis 1953 acht Kabinette. Es folgt in der Rangliste sein Parteikollege Giulio Andreotti, der insgesamt sieben Mal eine Regierung führte. Andreotti, über Jahrzehnte die graue Eminenz der italienischen Politik, kam zudem auf stattliche 21 Ministerposten. Der bereits erwähnte Amintore Fanfani war sechs Mal Premier – das erste Mal 1954, zuletzt 1987.

Amtssitz lange Zeit konservative Festung

Und Silvio Berlusconi, der wie kein anderer römischer Regent internationale Bekanntheit erreichte, stand an der Spitze von immerhin vier Regierungen. Über 20 Jahre hinweg zog er – mal als Premierminister, mal aus dem Hintergrund – in Italien die Fäden.

Mehr noch als in Deutschland mit den Kanzlern Adenauer, Erhard und Kiesinger war der Amtssitz des Regierungschefs übrigens lange Zeit eine konservative Festung. Erst 1981 schaffte es mit Giovanni Spadolini ein Sozialist, die christdemokratische Dauerregentschaft zu unterbrechen.

Und auch das fällt auf: Politik war und ist in Italien vor allem Männersache: Eine Frau sucht man in der langen Liste der italienischen Ministerpräsidenten bis heute vergebens.

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