Politik

„Jetzt sind die Autobauer gefragt“

Der Australier Tim Butler vom Nachhaltigkeitsinstitut IASS erforscht in Potsdam die Luftverschmutzung durch Stickoxide. Ein Gespräch über das Urteil und die Folgen

Der australische Wissenschaftler Tim Butler (43) leitet am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS in Potsdam ein Team, das sich mit der Grundlagenforschung zur Luftverschmutzung durch Stickoxide beschäftigt. Die Berliner Morgenpost sprach mit ihm über die Wirksamkeit von Fahrverboten für Dieselfahrzeuge.

Herr Butler, die Stickoxidbelastung der Luft ist kein neues Phänomen. Wie kommt es, dass ausgerechnet jetzt plötzlich alle Handlungsbedarf sehen?

Tim Butler: Eine gute Frage. Ich wage mal die Vermutung, dass der VW-Abgasskandal das Thema enorm befördert hat.

Also nur Hysterie? Die Stickoxidbelastung in den deutschen Städten ist doch bereits seit den 90er-Jahren stark rückläufig.

Das ist eine weitverbreitete Annahme, die aber leider so nicht richtig ist. Zwar sind laut den jährlichen Berichten die Emissionen in Deutschland zurückgegangen – aber die Belastung in den Städten und insbesondere an den Straßen so gut wie gar nicht.

Woran liegt das?

Möglicherweise wurden die Emissionen in den Berichten unterschätzt. Mehrere neue Studien deuten darauf hin. Auch wir forschen gerade dazu, indem wir versuchen, die tatsächliche Belastung mit Computermodellen zu berechnen.

Gibt es denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die einen dringenden Handlungsbedarf belegen?

Dass Stickoxide Mensch und Umwelt schädigen, ist keine neue Erkenntnis. Die Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlicht regelmäßig Richtlinien zu sauberer Luft. Die EU hat die Empfehlungen der WHO für Stickoxide in Grenzwerte umgesetzt, die auch in Deutschland gelten. Diese Grenzwerte wurden seit Jahrzehnten überschritten, es hätte längst gehandelt werden müssen. Dass das nicht passiert ist, hat gravierende Wirkungen für die Gesundheit der Menschen.

Welche sind das genau?

Laut Berechnungen der Europäischen Umweltagentur gibt es jedes Jahr rund 10.000 vorzeitige Todesfälle durch Stickoxide in Deutschland. Das betrifft vor allem Menschen mit Vorerkrankungen, die besonders anfällig sind.

Sind Dieselfahrzeuge überhaupt die Hauptschuldigen für die dicke Luft in den Städten?

Statistiken zeigen, dass Dieselfahrzeuge tatsächlich für rund 50 Prozent der Stickstoffemissionen verantwortlich sind. Die andere Hälfte teilen sich Benziner, Industrie, Heizungen und Kraftwerke. Bei Benzinern ist der Ausstoß an Stickoxid um ein Vielfaches geringer, dabei liegen die Grenzwerte sogar niedriger und werden hier auch eingehalten. Dieselfahrzeuge dürfen mehr Stickoxid ausstoßen – und trotzdem überschreiten ihre Emissionen die Grenzwerte im realen Straßenverkehr deutlich. Es bleibt allerdings dabei, dass auch Benzinmotoren das Treibhausgas Kohlendioxid ausstoßen.

Das Bundesverwaltungsgericht hat nun den Weg für Fahrverbote frei gemacht. Eine gute Entscheidung?

Das ist ein sehr wichtiger Schritt in Richtung saubere Luft für deutsche Innenstadtbewohner. Ein Fahrverbot für Dieselautos ist tatsächlich der schnellste Weg zur Einhaltung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid. Es gibt Studien, die zeigen, dass sogar einige der neuesten Euro-6-Dieselfahrzeuge beim Realbetrieb viel mehr Stickoxide ausstoßen als erlaubt.

Wie sieht ein wirksames Fahrverbot aus?

Damit es wirkt, sollten Kraftfahrzeuge mit hohem Ausstoß von Stickoxid generell nicht dort fahren dürfen, wo dichter Verkehr herrscht. Und bei der Frage, welche Autos nicht fahren dürfen, muss es um den Ausstoß bei realen Bedingungen auf der Straße gehen, nicht um die niedrigeren Emissionen, die auf dem Prüfstand gemessen wurden.

Also ein komplettes Fahrverbot für die Innenstadt für schmutzige Diesel?

Ja. Denn es wird ja nichts bringen, wenn nur einzelne Straßen für diese Fahrzeuge gesperrt werden, dann verlagert sich der Stickoxidausstoß nur in den nächsten Straßenzug.

Und was ist mit Nachrüstungen?

Die sind natürlich möglich, und erwiesenermaßen gibt es Dieselmotoren, die danach die Grenzwerte einhalten können. Die Abgasreinigung funktioniert also – man müsste sie bloß richtig einbauen. Wenn man die Gesundheit der Menschen effektiv schützen will, sollte man den öffentlichen Nahverkehr zudem weiter ausbauen und Rad- und Fußgängerwegen mehr Platz verschaffen. Das hätte den größten Effekt. Aber wenn es ein eigenes Auto sein muss, dann ist ein Benziner besser als ein Diesel und noch besser sind natürlich Elektro- und Hybridautos.

Hat der Verbrennungsmotor denn überhaupt noch eine Zukunft?

In den nächsten zehn bis 20 Jahren ganz sicher, zumindest für längere Strecken zwischen den Städten. Allerdings müssten diese Fahrzeuge möglichst emissionsarm fahren. Da sind jetzt die Autobauer gefragt.