Bürgerkrieg

Assad, Putin, Erdogan – Wer kämpft in Syrien gegen wen?

Im Syrien-Krieg toben die schlimmsten Angriffe seit Jahren. Viele Parteien mischen mit. Wir erklären, wo die Frontlinien verlaufen.

Das Bombardement nimmt kein Ende: In Ost-Ghuta bei Damaskus soll der letzte Widerstand gegen den syrischen Machthaber Assad gebrochen werden.

Das Bombardement nimmt kein Ende: In Ost-Ghuta bei Damaskus soll der letzte Widerstand gegen den syrischen Machthaber Assad gebrochen werden.

Foto: Getty Images / AFP/Getty Images

Berlin.  Die jüngsten Angriffswellen auf das Rebellengebiet in Ost-Ghuta waren die schlimmsten seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs vor knapp sieben Jahren. Die Kräfte von Präsident Baschar al-Assad wollen die verbliebenen islamistischen Widerständler vernichten. Gleichzeitig droht im weitgehend von Kurden gehaltenen Nordsyrien ein Waffengang zwischen der Türkei und Syrien. Die vielen Frontlinien werden immer undurchsichtiger. Wer will was? Wer kämpft gegen wen?

Syrien ­– Assad klammert sich an die Macht

Der Autokrat will die Hoheit über das gesamte syrische Staatsgebiet wiederherstellen. Die eigene Schwäche kompensierte er zunehmend durch die militärische Unterstützung von außen: die russische Luftwaffe, iranische Revolutionsgardisten und schiitische Milizen aus dem Libanon und dem Irak. Gegen die Rebellen führte Assad einen Vernichtungskrieg und schreckte dabei auch nicht vor Giftgas-Attacken zurück. Er rechtfertigte seine brachialen Militäreinsätze mit der Notwendigkeit, den dschihadistischen Terror – vor allem den IS – auszurotten.

Assad ging aber gegen alle vor, die gegen ihn waren und nahm hohe Zahlen ziviler Opfer in Kauf. Am Anfang bestanden die Widerständler vor allem aus der eher säkularen Freien Syrischen Armee. Sie setzte sich aus übergelaufenen syrischen Soldaten, Assad-Gegnern und Kämpfern aus arabischen Ländern zusammen. Die Gruppierung spielt heute kaum noch eine Rolle. In den letzten drei Jahren dominierten islamistische Milizen, zum Beispiel Ableger von al-Qaida. Das Problem der Anti-Assad-Opposition: Sie war von Beginn an unkoordiniert, ist in mehr als 100 verschiedene Gruppen zersplittert.

Russland – Der Kreml sieht sich als Hüter des Status quo

Russlands Präsident Putin hat in Syrien zwei Motive. Zum einen will er den Weltmacht-Status seines Landes wiederherstellen. Als die Assad-Truppen im Bürgerkrieg immer mehr in die Defensive geraten waren, entschloss sich Putin im September 2015 zur Intervention. Mit Hilfe der russischen Luftwaffe konnten die Anti-Assad-Rebellen in die Flucht geschlagen werden.

Zudem will der Kremlchef im Nahen Osten einen Fuß in der Tür haben. Die unruhige, aber ölreiche Region gehörte bereits zu Zeiten des Kalten Krieges zum wichtigen Einfluss-Terrain der Sowjetunion. In der russischen Außenpolitik der vergangenen Jahrzehnte gibt es für Putin drei Trauma-Momente: die westlichen Militär-Interventionen in Afghanistan nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, im Irak 2003 sowie in Libyen 2011.

In allen drei Fällen waren für Moskau verloren gegangene Staaten das Ergebnis, die für permanente Instabilität sorgen. Deshalb begreift sich Putin als Hüter des Status quo. Sein Kalkül: Assad an der Macht halten, die Integrität des syrischen Staats verteidigen. Putin sieht sich als oberste politische und militärische Instanz in Syrien, die für ein halbwegs funktionierendes Kräftegleichgewicht sorgt. Mal greift er ein, mal lässt er gewähren.

Türkei – Erdogan will eine Pufferzone in Nordsyrien

Das strategische Kalkül des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan lautet: keine kurdische Autonomie – weder in Syrien noch in der Türkei oder anderswo. Derzeit wird Nordsyrien zum großen Teil von Kurden verwaltet. Erdogan hat Angst, dass der Funke der kurdischen Autonomie von Nordsyrien auf die Türkei überspringt. Deshalb haben türkische Truppen zusammen mit verbündeten Milizen am 20. Januar eine Offensive gegen die Provinz Afrin begonnen.

Erdogan strebt eine 30 Kilometer tiefe Pufferzone entlang der syrisch-türkischen Grenze an. Die kurdische Volksmiliz YPG gilt in Ankara als Ableger der verbotenen türkischen Arbeiterpartei PKK und „Terrororganisation“. Das Problem: Die YPG gehört für die USA zu den wichtigsten Partnern in der Kampagne gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Obwohl Erdogan ein Assad-Gegner ist, arbeitet er mit den Assad-Freunden Russland und dem Iran zusammen. Der Grund: Sie bestimmen, wohin in Syrien die Reise geht. Das strategische Ziel Ankaras, die Kurden kleinzuhalten, überragt alles.

Kurdische Rebellen – Die Kurden streben eine weitgehende Autonomie an

Im Zuge des Bürgerkriegs hat die syrische Regierung Ende 2013 die Kontrolle über die Regionen an der Nordgrenze aufgegeben. Im März 2016 riefen die kurdischen Parteien die autonome „Föderation Nordsyrien“, bzw. „Rojava“, mit den drei Provinzen Afrin, Kobane und Cizire aus. Sie wollen ein flächendeckendes Gebiet mit weitgehenden Autonomierechten und schielen langfristig auf die Unabhängigkeit.

Erdogan kündigt Belagerung der Kurden-Stadt Afrin in Syrien an
Erdogan kündigt Belagerung der Kurden-Stadt Afrin in Syrien an

Aus Sorge vor der Einkreisungstaktik der Türken haben die Kurden nun die syrische Regierung in Damaskus um die Entsendung von Truppen gebeten. Nach Angaben des Führers der syrischen Kurden, Salih Muslim, hat das Assad-Regime zwar zugesagt, dass die syrische Armee die Grenze der Provinz Afrin zur Türkei verteidigen werde. Die Lage ist allerdings unklar. Bislang sind nach Medienberichten keine syrischen Truppen, sondern lediglich regierungsnahe Volksmilizen in der Stadt Afrin eingetroffen. Andere kurdische Quellen sagen, dass Russlands Präsident Wladimir Putin Erdogan stillschweigend grünes Licht für die Zerstörung Afrins gegeben habe.

USA – Trump hat vor allem ein Ziel: den islamistischen Terror besiegen

Die Russen konnten in Syrien nur so schalten und walten, weil die US-Amerikaner dem Nahen Osten weitgehend den Rücken gekehrt haben. Dieser Prozess begann bereits unter Präsident Barack Obama. Der hatte Assad 2013 mit „roten Linien“ gedroht – aber ohne Konsequenzen.

Heute verfolgt die US-Außenpolitik im Nahen Osten insbesondere zwei Ziele: Bekämpfung islamistischer Terroristen. In dieser Mission arbeiten sie mit den kurdischen YPG-Milizen zusammen. Entlang des östlichen Euphratufers kämpfen arabisch-kurdische Einheiten der Syrisch-Demokratischen Front gegen die Überbleibsel des IS-Kalifats. Die Verbände werden von Amerika ausgerüstet und bekommen Unterstützung der Luftwaffe.

Zweitens soll die Entwicklung und Verbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindert werden. Präsident Donald Trump bezeichnete das internationale Atomabkommen mit dem Iran als „schlechtesten Deal aller Zeiten“. Er unterstellt Teheran weiter Nuklearwaffen-Pläne und spielt mit dem Gedanken, den Vertrag zu kündigen. Israel und Saudi-Arabien fühlen sich daher ermutigt, dem Mullah-Staat die Stirn zu bieten.

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