Berlin/Würselen

Schwester von Martin Schulz rechnet mit der SPD ab

| Lesedauer: 4 Minuten
Alexander Kohnen

Doris Harst kritisiert Andrea Nahles und Olaf Scholz: „Mein Bruder ist nur belogen und betrogen worden.“ Die „Schlangengrube Berlin“ habe der EU-Politiker völlig unterschätzt

Berlin/Würselen.  Nach dem Verlust des SPD-Vorsitzes und dem Verzicht auf das Amt des Außenministers hat die Schwester von Martin Schulz die übrige Führungsriege der SPD scharf kritisiert. Die SPD habe sich im Umgang mit ihrem Bruder als „echte Schlangengrube“ erwiesen, sagte die Sozialdemokratin Doris Harst der „Welt am Sonntag“. Jetzt sagten Politiker mit Führungsverantwortung: „Martin ist an allem Schuld“, sagte Harst. „Andrea Nahles, Olaf Scholz und andere machen ihn zum Sündenbock für alles.“

Schulz’ Schwester betonte, die anderen SPD-Spitzenpolitiker müssten ihrem Bruder dankbar sein. Nicht nur, weil er in ihrem Sinne Sigmar Gabriel als Außenminister abserviert habe. „Mein Bruder ist nur belogen und betrogen worden. Deshalb war, nach seiner erfolgreichen Zeit als Spitzenpolitiker in Brüssel und Straßburg, die Schlangengrube Berlin, die er völlig unterschätzt hat, nichts für ihn.“

Da Schulz den Gang in ein Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach der Bundestagswahl ausgeschlossen hatte, dann aber trotzdem das Außenministerium von Parteifreund Sigmar Gabriel übernehmen wollte, gab es massiven Widerstand an der Parteibasis. Auch Gabriel hatte Schulz kritisiert. „Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt“, hatte Gabriel dieser Zeitung gesagt. Am Freitagvormittag sollen führende Sozialdemokraten im Bund und in den Ländern Schulz aufgefordert haben, auf das Außenministerium zu verzichten. Darüber sei Schulz verärgert gewesen, schreibt der „Spiegel“. Schließlich erklärte er, doch nicht ins Kabinett einziehen zu wollen.

Nahles will, wie am Mittwoch bekannt wurde, von Schulz den SPD-Vorsitz übernehmen, der Hamburger Regierungschef Olaf Scholz ist als Vizekanzler und Finanzminister eingeplant, wenn die SPD-Mitglieder bei dem Votum grünes Licht für den mit CDU/CSU ausgehandelten Koalitionsvertrag geben. Laut dem Bericht hatte Schulz schon länger mit dem Gedanken gespielt, den Parteivorsitz an Nahles weiterzugeben: Sie sprachen offenbar zum ersten Mal Ende Januar, kurz vor dem Parteitag in Bonn, über einen Wechsel an der Spitze. Der Parteitag, auf dem Schulz ausgebuht wurde und Nahles eine emotionale Rede hielt, mit der sie die knappe Mehrheit der Delegierten von Koalitionsgesprächen mit der Union überzeugte, soll seine Wechselgedanken beschleunigt haben.

Mehrere SPD-Spitzenpolitiker forderten am Sonnabend, dass nun Schluss mit den Personaldebatten sein müsse. Laut dpa hat sich Gabriel mit seinen gegen Schulz gerichteten Aussagen ex­trem geschadet. Da zudem auch sein Verhältnis zur designierten neuen SPD-Vorsitzenden Nahles als stark belastet gilt, werden ihm kaum noch Chancen auf das Außenministerium eingeräumt. Besonders bitter stieß in der SPD eine Aussage Gabriels über Schulz auf – seine Tochter habe gesagt: „Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“

Ex-Vorsitzender Engholm kritisiert Gabriel – und Schulz

Aus Sicht des SPD-Vizechefs Thorsten Schäfer-Gümbel muss nach den Querelen in der SPD der Neuanfang über personelle Fragen hinausgehen. „Es wird auch um Fragen des Umgangs und der politischen Kultur gehen müssen“, schrieb er auf Twitter. Der frühere SPD-Chef Björn Engholm kritisierte das Verhalten von Schulz und Gabriel. „Ich finde beider Verhalten als unangemessen: Martin Schulz hat durch seine Amtsambition, die er vorher kategorisch verneint hat, ebenso wie durch die Aufgabe des Parteivorsitzes, aus dem heraus er die Erneuerung der SPD betreiben wollte, sowohl sich beschädigt wie seine Partei in Unsicherheit gestürzt“, sagte Engholm der „Heilbronner Stimme“. „Und Sigmar Gabriel hätte weniger an sich als die Sache denken sollen.“

Zu den Zielen der neuen SPD-Führung erklärte Scholz, es gelte, die Partei wieder auf Augenhöhe mit der CDU zu führen. „Wir müssen die SPD jetzt gemeinsam aufrichten, um wieder Wahlergebnisse oberhalb der 30 Prozent zu erreichen“, erklärte er. Dabei setze er auf die designierte Parteichefin Nahles, die als „kämpferische und dynamische Frau“ die Richtige sei, um „die Erneuerung voranzutreiben“.

( BM/dpa )

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