Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.

Die beste Lehrerin der Stadt

Als Journalist hofft man ja selten, dass ein Gesprächspartner nicht erscheint. Heute ist das anders. Es ist ein richtig fieser Wintertag, bislang sind wir von solchen Tagen ja eher verschont geblieben. Es ist stürmisch mit Schneeregen. Der Schnee ist so schwer und nass, dass er sich sofort auflöst und Mützen, Schals und Mäntel durchweicht. Auf den Straßen wässriger Matsch um den Gefrierpunkt. Bei dem Wetter treibt man keinen Hund vor die Tür, heißt es so schön. Und erst recht keine Schwangere. Genauer gesagt: Höchstschwangere.

„Liebe Frau Wengler“, hatte die Journalistin am Tag zuvor an die Frau geschrieben, die hier porträtiert werden soll, „ich werde Sie morgen auf einen kleinen Spaziergang begleiten – mit so vielen Pausen, wie Sie möchten. Ich habe Sie in einem aktuellen Fernsehbericht gesehen, darum ahne ich, Sie sitzen auf gepackten Kreißsaal-Taschen. Ich stehe dann morgen früh an der Ecke; sollten Sie nicht auftauchen, weiß ich ja, warum. Überhaupt kein Problem.“ Jetzt steht die Journalistin im eiskalten Schneeregen und betet inständig, Clara Maria Wengler möge einfach zu Hause geblieben sein. Eine Handynummer gab es nicht, darum ging auch keine kurzfristige Absage aufgrund des Wetters. Einfach warten. Entweder sie kommt oder nicht.

Bitte nicht. Was, wenn sie sich erkältet? So kurz vor der Geburt!

Dass sie doch gekommen ist, sagt viel über die Lehrerin

Als erstes sieht man einen etwas lädierten, quietschgrünen Schirm. Und dann eine Frau, die bedächtigen Schrittes geht. Der Bauch ist unübersehbar. Beim zweiten Kind wird der Bauch ja meist noch größer als beim ersten.

„Eigentlich wollte ich gar nicht kommen. Ich habe damit geliebäugelt abzusagen“, sagt Clara Maria Wengler, die hier um die Ecke wohnt, freundlich. „Aber jetzt bin ich doch hier.“

Dass sie tatsächlich gekommen ist, sagt viel über die Lehrerin Wengler. Die Privatperson Clara Maria wäre vermutlich daheimgeblieben, aber die Lehrerin, die hat etwas zu sagen – nicht über sich, sondern als Sprachrohr. Für andere Lehrer, aber auch für ihre Schüler. Und als Dank an ihre langjährige Schule, die Kreuzberger Ferdinand-Freiligrath-Sekundarschule, der sie noch sehr verbunden ist. „Natürlich habe ich engagiert gearbeitet. Aber viele, viele andere auch.“ Sie fühle sich verpflichtet zu sprechen. Für alle, denen eine gute Schule am Herzen liegt. Und die ein Herz und einen Blick für ihre Schüler haben.

Warum sie? Die 34-Jährige ist vor wenigen Tagen als eine der besten Lehrer Deutschlands ausgezeichnet worden, eine von 15. Auslöser war ein Brief, den ein früherer Schüler von ihr an die Jury des Deutschen Lehrerpreises geschrieben hatte. Darin erzählt Sören, wie er mit sich selbst und der Schule zu kämpfen hatte. Wie seine Lehrerin, Frau Wengler, ihn aber nicht aufgab und er dabeiblieb. Heute hat der 17-Jährige einen Abschluss in der Tasche und will Modedesigner werden. „Abschließend kann ich sagen, dass ich meine ganze Zukunft Frau Wengler verdanke“, endet sein Brief. Die Jury war berührt und Clara Wengler erhielt die Auszeichnung. Übrigens völlig überraschend – sie wusste im Vorfeld nichts von dem Brief.

Allzu lange könne sie aber nicht laufen, sagt Clara Wengler entschuldigend. Nein, nein, beruhige ich, wir steuern gleich das nächste Café an. Leichter gesagt als getan. Wir haben uns am ­Forckenbeckplatz getroffen, der liegt in Friedrichshain. Friedrichshain, da würde man denken, die Caféhausdichte ist besonders hoch. Schließlich ist hier der Hipsterbezirk, gerade fuhr ein junger Mann mit Bart und langem, zum Dutt – besser: Knödel – gebundenen Haar im Auto vorbei. Aber der Platz, der im Sommer voller tobender Kinder ist, liegt ziemlich verwaist da. Und drumherum stehen nur Wohnhäuser. Wir gehen trotzdem los. Hier draußen im Schneeregen können wir nicht bleiben.

Der Weg ist schlammig. Quatsch, quietsch, saug machen unsere Schritte im Matsch.

Das Geheimnis von Clara Wengler als Lehrerin, wenn man es überhaupt so nennen will, ist ganz einfach: Sie nimmt Anteil. „Aufrichtiges Interesse“ an den Schülern sei zentral, sagt sie. Und zwar nicht nur Interesse dafür, was der Schüler im Fach leistet. Sondern auch, was er im Leben alles stemmt.

Viele Schüler ihrer Kreuzberger Schule, an der sie bis zum Sommer gearbeitet hat, „haben schon als Kinder so viele Brüche, haben so viele Dinge zu bewältigen“, sagt sie. Das Mädchen aus der arabischen Großfamilie, das nachmittags die kleinen Geschwister versorgt. Der Junge aus dem Hartz-IV-Milieu, dessen Eltern es kaum schaffen, mal einen Ausflug zu machen. Das Kind von Analphabeten, das mit seinen Lesefähigkeiten den ganzen Familienalltag managt. Auch als Sören krank wurde, hat sie ihm immer signalisiert: Wir freuen uns auf deine Rückkehr. Du bist immer willkommen. So einfach und doch schwer kann gute Schule sein.

Beim Gehen atmet Clara Wengler hörbar. Wir bleiben auf der Proskauer Straße stehen, sie kramt ein Taschentuch raus. Schluss mit dem Unsinn, wir müssen ins Café! „Jetzt sind wir doch in Richtung Boxi unterwegs“, sagt sie gelassen. In der Gegend würde sie eine hübsche Bäckerei kennen, da könnten wir uns hinsetzen. „Gleich hinter der Frankfurter Allee.“

Die Ferdinand-Freiligrath-Schule gab ihr damals die Möglichkeit, mit den Schülern neue Wege zu gehen. Hier bricht man bewusst mit dem konventionellen Stundenplan, neun Stunden in der Woche lernen die Schüler jahrgangsübergreifend in „Arenen“ – das erinnert an das Prinzip Projektwoche, nur dass Projektunterricht mit Unterstützung von Experten „aus dem echten Leben“ hier nicht die Ausnahme, sondern die Regel wird: Medien, Textildesign, Musik, Gastronomie. Alles Vorbereitung auf das Leben nach der Schule.

Und auch im Unterricht ließ man Clara Wengler Freiheit. Sie unterrichtet Deutsch. In ihrem Deutschunterricht führen alle Schüler ein Schreibbuch, in das sie eigene Texte hineinschreiben. „Für sich Bedeutsames aufschreiben“ nennt sie das. Eine Schulstunde in der Woche nimmt sich die Klasse dafür Zeit, und die Schüler schätzen diese Stunden. „Das sind Selbstläufer“, sagt Clara Wengler. Es ist ruhig, alle arbeiten konzentriert. „Sie haben ganz viel Freude, wenn man ihnen diesen Raum gibt.“

Inzwischen haben wir die stark befahrene Frankfurter Allee überquert, wo Autos die wartenden Passanten an der Fußgängerinsel nass spritzen, und sind in das kleine Café eingekehrt. Clara Wengler bestellt einen Kaffee. Die Tasse stellt sie zwischenzeitlich auf dem großen Bauch ab. Ist ja auch praktisch.

Aber halt, was ist denn mit dem Unterrichtsstoff? Muss nicht gepaukt werden – das/dass, der Konjunktiv, Groß- und Kleinschreibung? Um die deutsche Sprache steht es ja nicht besonders gut. Clara Wengler nimmt die Schreibhefte als Ausgangspunkt, um für jeden Schüler individuelle Arbeitspläne zu erstellen. Wo muss er noch üben, welches Material kann er dafür bearbeiten? Wörter, die falsch geschrieben werden, kommen in einen Karteikasten – die Wörterklinik. Klappt es, werden sie aus dem Karteikasten entlassen. Wichtig sei ihr, dass der Schüler selbst lernen wolle. Denn nur wer selbstbestimmt sei, arbeite motiviert. Je unfreier sich der Schüler fühle, je gegängelter, je weniger der Unterricht also zu seinen individuellen Bedürfnissen passe, sagt sie, desto eher entstünden schwierige Situationen im Unterricht. Krawallmomente – Schüler, die sich nicht mehr konzentrieren können, die aufspringen, den Unterricht stören. Es kommt zur Konfrontation zwischen Schüler und Lehrer. Das versucht sie zu vermeiden.

Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation von Deci und Ryan war schon im Lehramtsstudium ihr Steckenpferd. Davon ist sie überzeugt. Studiert hat sie übrigens in Halle an der Saale, zum Referendariat kam sie dann nach Berlin. Und, stammt sie aus Sachsen-Anhalt? „Ich bin eigentlich Westfälin“, sagt sie. Wenn sie „Kirche“ sagt, zieht sie das „i“ in die Länge. So, wie es nur Westfalen können.

Draußen ist das Wetter nicht besser geworden, aber der Kaffee ist leer und es wird Zeit für den Rückweg. Es müssen ja auch noch Fotos gemacht werden. Wir mummeln uns wieder in die Mäntel, ihrer geht nicht mehr ganz zu.

Heute lebt sie ihren Plan B. Plan A zerschlug sich

Deutschlehrerin zu werden war übrigens nur ihr Plan B. Eigentlich wollte sie in Halle, an der Burg Giebichenstein, Kunst studieren, um Kunstlehrerin zu werden. „Meine Mappe war wohl nicht gut genug“, sagt sie grinsend. Doch am Ende brachte der Plan B den Erfolg. In Germanistik war sie im Studium am erfolgreichsten. Heute genießt sie es, mit ihren Schülern auch anspruchsvollere Texte zu lesen (sie arbeitet seit Sommer an der Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Neukölln, die eine Oberstufe hat). Auch das ist eine wichtige Botschaft an ihre Schüler: Habt ruhig einen Plan A, man braucht Ziele und Träume, um voranzukommen. Aber sollte Plan A nicht klappen, dann wechselt halt zu Plan B. So ist das Leben, das gehört dazu.

Was sie manchmal ärgert, ist die „Erwachsenenarroganz“, wie sie es nennt. Die Art des Hochmuts, mit der heute über Schüler geredet wird. Dumpfbacken, die nur am Handy hängen und die weder schreiben noch rechnen können. „Aber das ist oft unehrlich“, sagt sie verschnupft. Denn Hand aufs Herz, wenn wir Erwachsenen flott eine SMS schreiben, wie häufig würden wir da schludern? Das ginge ihr doch auch so. Überhaupt nerve sie diese „defizitorientierte Betrachtung“, auch das ständige Schimpfen auf die versagenden Elternhäuser. „Meine Aufgabe ist es, das Kind zu sehen und stark zu machen.“

Aber ist es nicht so, dass Lese- und Schreibfähigkeiten tatsächlich zurückgehen? In fast allen Schuluntersuchungen schneidet Berlin unterdurchschnittlich ab. Da, argumentiert sie, müsse man genau hinschauen, was überhaupt gemessen werde. In Teamfähigkeit beispielsweise lägen deutsche Schüler laut PISA recht weit vorne. Und bräuchten wir nicht gerade Teamfähigkeit in dieser modernen, vernetzten Welt? Solche Kompetenzen seien doch für den heutigen Schulabgänger viel wichtiger als lauter dröge Stunden zum Konjunktiv II. Denn müssen wir nicht die Fähigkeiten fördern, die Maschinen nicht haben? Wie Kreativität und Empathie. Oder eben Teamfähigkeit.

Darüber, wie wichtig oder unwichtig trotz allem fundiertes Schülerwissen ist, könnte man jetzt mit ihr diskutieren, aber hey, der errechnete Geburtstermin ist in wenigen Tagen. Höchste Zeit, sie nach Hause zu entlassen. Es hat wieder neuer nasskalter Schneeregen eingesetzt. Die Frage, ob sie bald nach der Geburt wieder in den Beruf einsteigen wird, erübrigt sich. Clara Wengler ist eine leidenschaftliche Lehrerin. Denn nur ein Mensch mit Leidenschaft geht an diesem nasskalten Tag freiwillig raus. Besonders, wenn man so schwanger ist.

Nachtrag: Seit Freitag ist Jonathan Friedrich nun auf der Welt. Er hatte sich Zeit gelassen. Vermutlich war es ihm einfach zu kühl hier draußen.

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