Gesundheitssystem

Grippewelle stürzt britisches Gesundheitssystem ins Chaos

Patienten in Großbritannien sterben an Grippe, weil es an Pflegekräften fehlt. 55.000 Operationen müssen verschoben werden.

Die Bedingungen in Notfallaufnahmen sind „entsetzlich“, klagen britische Ärzte S(Symbolfoto).

Die Bedingungen in Notfallaufnahmen sind „entsetzlich“, klagen britische Ärzte S(Symbolfoto).

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Byrne / picture alliance / empics

London.  Eine junge Frau wird zum Gesicht der schlimmsten Krise, die das britische Gesundheitssystem jemals erlebt hat. Bethany Walker starb in einem Krankenhaus in Inverness, nachdem ihre Grippe zu einer Lungenentzündung geführt hatte. Die 18-Jährige, die in Schottland eine Ausbildung als Hebamme ansteuerte, ist eine von bisher 93 Grippetoten in England und Schottland in diesem Winter. Ihre Mutter postete bewegende Abschiedsworte auf Facebook: „Meine Welt bricht zusammen. Schlaf gut, meine wundervolle Tochter, dein Bruder und ich werden dich immer lieben.“

Bethany Walker steht stellvertretend für die Opfer einer üblen Grippewelle, die zurzeit das Königreich erfasst. In der letzten Woche stiegen die Krankenhauseinlieferungen aufgrund von Influenzasymptomen um 77 Prozent. Horrorgeschichten von dem chronisch überlasteten und unterfinanzierten staatlichen Gesundheitsdienstleister National Health Service (NHS) sind die Briten gewohnt, aber so schlimm wie derzeit war es noch nie.

Seniorin musste vier Stunden auf einen Notarzt warten

Aber nicht nur bei der Behandlung Grippekranker kommt das britische Gesundheitssystem seiner Verantwortung nicht nach. Schlagzeilen machte auch der Tod einer Seniorin im englischen Seebad Clacton, die vergangene Woche starb, nachdem sie in ihrer Wohnung vier Stunden auf einen Notarztwagen warten musste. Am Neujahrstag musste in der Großstadt Portsmouth eine Patientin, die einen Schlaganfall erlitten hatte, sieben Stunden auf ein Krankenhausbett warten. Auch sie ist gestorben.

Eine andere Patientin berichtete in der BBC von einer gynäkologischen Untersuchung auf einem überfüllten Krankenhausflur, weil kein Zimmer verfügbar gewesen sei. An einer renommierten Klinik in der englischen Universitätsstadt Oxford hat ein leitender Arzt sogar angekündigt, Chemotherapiebehandlungen für Krebspatienten müssten rationiert werden, weil das Krankenhaus zu wenige qualifizierte Pflegekräfte habe.

Die Influenzaepidemie kommt zu einer Zeit, in der der National Health Service sowieso schon in einer Krise steckt, die Experten als die schlimmste seiner 70-jährigen Geschichte bezeichnen.

Theresa May musste sich öffentlich entschuldigen

Die britische Premierministerin Theresa May musste sich in der letzten Woche öffentlich entschuldigen, nachdem der NHS rund 55.000 geplante Operationen absagen musste, weil es schlicht an freien Betten in den Krankenhäusern fehlt. Anders könne die hohe Zahl der medizinischen Notfälle von den Krankenhäusern nicht bewältigt werden, rechtfertigt der NHS die radikale Maßnahme, die in Großbritannien beispiellos ist.

68 leitende Ärzte, die in den Notfallaufnahmen von NHS-Kliniken arbeiten, beklagen in einem Brandbrief an die Premierministerin die katastrophalen Zustände in den Krankenhäusern. Patienten würden „vorzeitig sterben“, weil die Bedingungen in den Notfallaufnahmen oft „entsetzlich“ seien und man bis zu 120 Patienten in Korridoren betreuen müsse. Die Ärzte machten die chronische Unterfinanzierung des Gesundheitssystems für die Krise verantwortlich.

May bildet britische Regierung auf mehreren Posten um
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Konservative Politiker denken über Krankenversicherung nach

Während Deutschland gut elf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts aufwendet, stecken die Briten nur 8,5 Prozent in ihren Gesundheitsdienst. Nach den jetzigen Plänen der Regierung wird Großbritannien frühestens 2021 das Niveau der EU-Staaten erreichen, das bei rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt.

Dabei wird der NHS vollständig aus Steuermitteln finanziert, sodass viele medizinische Leistungen kostenlos sind. Vielleicht, so gibt es jetzt Überlegungen bei konservativen Politikern, sollte man in Zukunft auch einen Teil der notwendigen Gelder über eine Krankenversicherung einholen.

Das deutsche Gesundheitssystem basiert wiederum auf Bismarcks Modell der Sozialversicherungen, in dem einkommensabhängig regelmäßige Beiträge an Krankenversicherungen zu zahlen sind. Diese Krankenversicherungen erstatten dann im Krankheitsfall Leistungen, die versichert sind.

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