Fehlalarm

Falscher Raketenalarm: 38 Minuten Todesangst auf Hawaii

Ein Fehlalarm hat auf Hawaii Panik ausgelöst. Menschen suchten Schutz unter Matratzen oder in Tunneln. Nun weicht die Angst der Wut.

Ein elektronisches Schild in Oahu, Hawaii, mit der Meldung „Es gibt keine Bedrohung“. Ein falscher Raketenalarm hat für Panik gesorgt.

Ein elektronisches Schild in Oahu, Hawaii, mit der Meldung „Es gibt keine Bedrohung“. Ein falscher Raketenalarm hat für Panik gesorgt.

Foto: SOCIAL MEDIA / REUTERS

Als der Adrenalin-Spiegel von Brook Conner wieder auf Normalniveau gesunken war, überkam den 49-jährigen Computer-Fachmann, der vor kurzem von New York City nach Hawaii umgezogen ist, die kalte Wut.

38 elend lange Minuten lang schwebten er, seine Frau und die dreijährige Tochter Georgia ebenso wie Hunderttausende andere Bewohner des amerikanischen Insel-Archipels im Pazifik am Samstagmorgen zwischen Todesangst und Panik.

Um 8.07 Uhr hatte der Katastrophenschutz des US-Bundesstaats, die EMA, über ein mit den großen Telefonkonzernen verbundenes System eine Eilmeldung auf alle Mobiltelefone zwischen Big Island und Kaua'i geschickt, die apokalyptische Ängste auslöste: "Bedrohung durch ballistische Rakete Richtung Hawaii. Suchen Sie umgehend den Schutzraum auf. Das ist keine Übung."

Hawaiianer dachten wegen Spannungen mit Nordkorea an Ernstfall

Sofort, so berichteten Augenzeugen der Lokalzeitung "Honolulu Star Advertiser", dachten viele Hawaiianer an den Ernstfall, der seit Monaten durch den zuletzt immer schärfer gewordenen Krieg der Worte zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un in der Luft liegt: ein Atomangriff aus Pjöngjang.

Zeitgleich lief die Hiobsbotschaft im Radio, im Fernsehen und auf digitalisierten Schautafeln im Straßenverkehr. Binnen Minuten leerten sich Strände, Restaurants und Fußgängerzonen.

"Es dauerte eine Minute", erzählte Connor Journalisten, "bis ich begriff." Hastigen Telefonversuchen, um Verwandte zu erreichen, folgten das hektische Abfüllen von Wasser, Weinkrämpfe der Gattin, Gänsehaut überall und die bange Frage: "Ist das wahr? Werden sie das Ding rechtzeitig abschießen? Was passiert, wenn unsere Haus zusammenfällt und wir unser kleines Mädchen nicht mehr erreichen können".

Brooke Connor musste fast eine Fußball-Halbzeit lang warten, bis – wieder via Mobiltelefon – die offizielle Entwarnung kam: Falscher Alarm. Bei einem Schichtwechsel, so erklärte später Vern Miyagi, der oberste Katastrophenschützer Hawaiis, hatte ein einzelner Mitarbeiter "auf den falschen Knopf gedrückt". Zu keinem Zeitpunkt, das bestätigte das zuständige Pazifik-Oberkommando des Verteidigungsministeriums in Washington, habe im Luftraum über der Inselgruppe eine Gefahr bestanden.

Warnsystem anfällig für Fehler

Aber warum hat die Aufklärung so lange gedauert? Warum stieg in Honolulu der Notruf 911 bereits nach 5000 Anrufen wegen Überlastung aus?

Nach ersten Analysen von Experten, das gestand Gouverneur David Ige, ein, ist das Warnsystem insgesamt anfällig für Fehler. So gab die EMA bereits nach zehn Minuten Entwarnung. Aber nur über den Kurzmitteilungsdienst Twitter. Wer dort kein Kunde ist, für den blieb der Smartphone-Bildschirm 30 Minuten länger schwarz – und die Angst vor einem baldigen Tod sehr real.

"Bitte, lieber Gott, lass diese Bombendrohung nicht wahr sein", schrieb John Peterson gegen 8.30 Uhr aus seinem Hotel. Der Golf-Profi hatte mit "Frau, Kindern und Schwiegereltern unter Matratzen in der Badewanne" nach Schutz gesucht.

John McComb, ein Militär-Analyst aus Maryland, hatte im Autoradio von der Raketenwarnung erfahren. "Ich suchte schnell nach dem nächsten Tunnel", berichtete der Tourist, "dort parkten bereits Dutzende Wagen."

Wie ihm, so war den meisten Menschen im Inselreich, das an Warnungen über Erdbeben, Wirbelstürme oder Tsunamis gewöhnt ist, die Dramatik bedingt durch die Nordkorea-Krise "sehr bewusst". Seit Dezember finden häufiger Evakuierungsübungen auf Hawaii statt. Die US-Luftwaffe veranstaltet regelmäßig Drills; inklusive Sirenen-Alarm.

Regierungsoffizielle rechneten zuletzt in Fernseh-Interviews vor, dass mit einer Raketenflugdauer von rund 35 Minuten aus Nordkorea zu rechnen sei. Und einem Zeitfenster von circa 12 Minuten für die Einwohner Hawaiis, um sich in Luftschutzeinrichtungen zu flüchten – vom Zeitpunkt der ersten Warnung an gerechnet.

Experte: System ist vor Hackerangriffen nicht sicher

Und jetzt das: eine kolossale Falsch-Meldung, die keine Sicherheit schafft. Sondern nur Panik und tiefe Verunsicherung auslöst. Im Bereich der Prävention der größte anzunehmende Unfall.

Während örtliche Politiker und Vertreter der verschiedenen Agenturen, die zuständig sind, noch nach plausiblen Erklärungen suchten, bilanzierte Bruce Blair, ein renommierter Experte für atomare Sicherheit der Universität Princeton, bereits nüchtern und drastisch: "Das System heutzutage ist menschlichem und technischem Irrtum ausgesetzt und vor Hacker-Angriffen nicht sicher." Die Verantwortlichen widersprechen dem nicht. Im Gegenteil. In einem ersten Schritt wurde angeordnet, das ab sofort mindestens zwei Sicherheitsbeamte in der Kommandozentrale der EMA unterschreiben müssen, bevor ein Katastrophen-Alarm zur Verbreitung freigegeben wird.

Keine Reaktion von Donald Trump

Das ist aber nur eine Facette. Sowohl bei Hurrikan Harvey in Texas wie auch bei den extremen Bränden zuletzt in Kalifornien, berichten betroffene Senatoren, schafften es die großen Telekommunikationskonzerne wie Verizon oder AT & T nicht, zielgerichtet Anwohner in gefährdeten Gebieten via Handy passgenau und rechtzeitig mit Warn-Botschaften der Behörden zu versorgen. In Hawaii, so die demokratische Kongressabgeordnete Tulsi Gabbard, ging es um noch viel mehr. "Die Menschen bekamen die Nachricht und dachten: 15 Minuten. Wir haben 15 Minuten, dann können wir und unsere Familien tot sein."

All das ging jedoch vollständig an einem Mann vorbei, von dem sich viele Amerikaner nicht nur auf Hawaii ein klärendes, Beruhigung erzeugendes Wort erhofft hätten, wenn nicht die Versicherung, dass sich die Mega-Panne nicht wiederholen wird: Donald Trump.

Der Präsident weilte zum Zeitpunkt des Fehlalarms in seinem privaten Florida-Refugium Mar-a-Lago. Golfspielen. Zum 120. Mal seit Amtsantritt. Ein Wort zu Hawaii? Wenigstens Seelentröstung auf Twitter? Bisher Fehlanzeige. Stattdessen hatte das Weiße Haus, in völliger Verkennung der Lage, von einer "Übung" gesprochen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.