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Von der Leyen in Jordanien: "Der IS ist nicht verschwunden"

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen besucht Soldaten in Jordanien. Sie dämpft Hoffnungen auf ein schnelles Ende des Einsatzes.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wird nach ihrer Landung in Jordanien vom Jordanischen Air-Base-Commander Mohammad Fathi Hiyasat begrüßt

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wird nach ihrer Landung in Jordanien vom Jordanischen Air-Base-Commander Mohammad Fathi Hiyasat begrüßt

Foto: Michael Kappeler / dpa

Al Azrak/Amman.  Wenn sich Ursula von der Leyen (CDU) schon selbst in die Wüste schickt, dann nur mit Begleitung. Als sie am Sonnabendmittag im jordanischen al Azrak aus dem Airbus A340 steigt, sind sieben Abgeordnete im Schlepptau der Verteidigungsministerin.

Das ist an diesem Ort mehr als eine Frage der politischen Etikette – es ist ein Statement. Sie besuchen einen Stützpunkt der Luftwaffe, der von Incirlik hierhin verlegt wurde, weil die Parlamentarier in Jordanien anders als in der Türkei willkommen sind.

Eine Reihe von Hilfsleistungen für Jordanien

Es ist von der Leyens zweiter Besuch im Camp. Ein Anlass der Reise ist diesmal die sogenannte Ertüchtigungsinitiative. Darunter versteht man eine Reihe von Hilfsleistungen für Jordanien.

Von der Leyen übergibt die letzten von insgesamt 70 Lastwagen und 56 Kleinbussen, darüber hinaus zwei Schul- und Trainingsflugzeuge. Die Fahrzeuge sind für die Betreuung der 600.000 Flüchtlinge in Jordanien, von denen 50.000 in al Azrak kampieren, nur 50 Kilometer südlich der Grenze nach Syrien.

Die Flugzeuge dienen der Ausbildung auf der Muwaffaq Salti Airbase, welche die Jordanier seit Ende der 70er-Jahre zum Militärflughafen ausgebaut haben. Von hier werden Angriffe gegen Stellungen der Terrormiliz "Islamischer Staat" im Nachbarland geflogen.

Es heißt, schon der Brite Thomas Edward Lawrence habe den Stützpunkt genutzt, der legendäre "Lawrence von Arabien". Wenn es nicht stimmt, ist es wenigstens schön erfunden.

Jordanien spielt eine Schlüsselrolle in der Region

Der Militäreinsatz steht für das Primat des Parlaments und die Vernetzung von militärischer und ziviler Hilfe. Allein die Ertüchtigungsinitiative ließ sich die Bundesregierung 2017 rund 130 Millionen Euro kosten. Nach der Analyse der Bundesregierung spielt Jordanien eine Schlüsselrolle für die Stabilität der Region.

Als von der Leyen am Mittag ankommt, steht die Sonne hoch am Himmel, es ist fast 20 Grad warm. Die Luft ist trocken, die Sicht klar, der Horizont schier endlos, eine karge Wüstenlandschaft, flach wie ein straff gezogenes Laken.

Camp Sonic ist riesig, man fährt minutenlang an Zelten, Hangars und Gebäuden vorbei, an Kampfmaschinen von F15, F16 oder Mirage, an Transportflugzeugen und an den Drohnen der Amerikaner. Die Bundeswehr hat einen mobilen Gefechtsstand aufgestellt, 27 klimatisierte Container. Dieses Projekt wird man nicht in den Sand setzen; die Container sind weltweit verlegbar.

Aus der Luft machen sich die Alliierten ein Bild

Seit Oktober 2017 sind hier vier Tornados stationiert, zwei weitere der zweisitzigen Kampfflugzeuge stehen in Deutschland in Bereitschaft. Die Bordkanone oder Raketen sucht man vergebens. Was diese Maschinen in al Azrak auszeichnet, ist die Elektronik, die schwenkbare Telekamera, die Panoramakamera mit fünf Objektiven, die In­frarotkamera.

Suchen, finden, bestätigen, so lässt sich auf einen Nenner bringen, was die Luftwaffe hier tut. Die Fotos und Daten, die noch im Flug an die Basisstation gesendet werden, helfen den Alliierten, sich ein Bild von der Lage zu machen, von den verbliebenen Stellungen der IS.

Von der Leyen trägt eine hellbeige Hose und eine Weste über eine hellblaue Bluse. Nach einem Rundgang und einem Gespräch mit den Soldaten stellt sie sich vor einen Tornado, das perfekte Fotomotiv.

Verhindern, dass der IS sich an Rückzugsorten einnistet

Das Terrornetzwerk IS, verkündet von der Leyen markig, sei zwar "vertrieben" worden. "Aber wir sehen auch, dass immer wieder Kämpfe aufflackern, dass der IS nicht verschwunden ist." Der IS sei nicht zu unterschätzen, sagt die Ministerin.

"Wir wissen, dass wir verhindern müssen, dass er sich an Rückzugsorten einnistet." Die Tornados, das ist die Botschaft, werden weiter gebraucht.

Das Hauptquartier der Allianz liegt in Katar. Dort sitzt – im Nato-Jargon – der "Red Card Holder". Das ist ein Offizier, der darauf achtet, dass jeder Auftrag auch dem Mandat entspricht.

Mehr als 1100 Einsatzflüge seit Beginn der Mission

In einem zweiten Schritt werden die von den deutschen Tornados gewonnenen Informationen geprüft, bevor sie an die Alliierten weitergereicht werden. So wird Sorge dafür getragen, dass die Truppe nur das umsetzt, was der Bundestag in Berlin ihr aufgetragen hat.

Mehr als 1100 Einsatzflüge haben sie seit Beginn der Mission "Operation Inherent Resolve" (OIR) im Dezember 2015 absolviert, davon immerhin schon 150 in Jordanien.

Der Vorteil der Tornados ist die Geschwindigkeit und Reichweite, binnen kürzester Zeit können sie eine große Fläche erkunden. Die Militärs schwärmen, die Sensorik an Bord sei von hoher Qualität, die Bilder gestochen scharf.

Im Schnitt bleiben die Soldaten 80 Tage

Eine weitere Spezialistenaufgabe der Bundeswehr ist die Luftbetankung. Auf dem Rollfeld wartet ein grauer Airbus A310. Die Luftwaffe besitzt vier davon, jeweils einen für den Transport von Truppen und Fracht, einen zur medizinischen Evakuierung von Verletzten und eben dieser fliegende Tanker.

280 Soldaten sind in al Azrak stationiert, weit unterhalb der Mandatsobergrenze von 1200. Im Schnitt bleiben sie 80 Tage hier, dann werden sie ausgewechselt.

Hinzurechnen muss man noch einige wenige Stabsoffiziere bei der Allianz, die in Katar, Jordanien, Kuwait und Irak Verbindungs-, Beratungs- und Unterstützungsaufgaben haben.

Enormer Aufwand für die Verlegung des Stützpunkts

Von der Leyen hat lange gezögert mit der Verlegung aus der Türkei nach Jordanien. Der Aufwand war enorm, über 200 Container mit Geräten, Ersatzteilen – von der kleinsten Schraube bis zum Ersatztriebwerk –, Gefechtsstände und Büros mussten transportiert werden.

Aber nach dem schikanösen Umgang der Türken mit deutschen Parlamentariern blieb der Bundesregierung nichts anders übrig. Vielleicht wäre es von vornherein besser gewesen, den Nato-Partner Türkei links liegen zu lassen, denn Jordanien ist aufgrund der Nähe zum Einsatzgebiet die bessere Alternative.

Die Entfernungen zum Operationsgebiet sind kurz, Drittstaaten müssen nicht überflogen werden. Das Mandat endet Ende März 2018, dürfte verlängert werden, aber kann, wie es in der Sondierungsvereinbarung von Union und SPD heißt, "deutlich abgesenkt werden". Von der Leyen kann damit leben, sie spricht selber von einer "sehr üppigen Obergrenze".

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