Berlin/Sanaa

Die vergessene Katastrophe

Der Krieg im Jemen dauert schon 1003 Tage. Die Menschen hungern, leiden an Diphtherie und Cholera und haben kein sauberes Wasser

Berlin/Sanaa.  Das Leid der Menschen im Jemen ist gut dokumentiert. In Bildern und in Zahlen. Auf den Bildern sind abgemagerte Kinder zu sehen, weinende Frauen, verzweifelte und vom Krieg verstümmelte Männer.

Doch die Zahlen, die kalten Fakten über den Jemen, erschüttern nicht weniger. Der Krieg, der seit dem 26. März 2015 in dem Land wütet, dauert seit 1003 Tagen an. Und das, obwohl das beteiligte Saudi-Arabien ein schnelles Ende erwartet hatte. Im Kriegsgebiet, das sich fast auf den ganzen Jemen erstreckt, sind 20 Millionen Menschen von insgesamt 27 Millionen Bürgern von der steten Unterstützung von Hilfsorganisationen abhängig.

Das Hilfswerk Oxfam berichtet, dass sieben Millionen Menschen im Jemen der Tod drohe, denn nur ein Drittel der benötigten Nahrungsmittel in den umkämpften Teilen des Landes erreiche die Menschen überhaupt. 16 Millionen von ihnen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Acht Millionen davon sind Kinder. 930.000 Menschen sind an Cholera erkrankt, davon sind ein Drittel Kinder. Ändert sich die Situation in dem von Bürgerkrieg und Einfuhr-Blockade gequälten Land nicht, droht 400.000 Kindern der Hungertod, sie sind unterernährt, warnte Unicef-Exekutivdirektor Anthony Lake bereits Anfang Dezember.

Die Blockade eines Hafens verschlechtert die Lage

Seit Anfang November blockieren Saudi-Arabien und eine Koalition von Staaten den Norden des Landes. Kaum ein Flugzeug mit Hilfsgütern durfte auf dem Flughafen in Sanaa landen und nur selten durfte ein Schiff beladen mit Lebensmitteln, Benzin oder Wasser im Hafen von Hodeida anlegen. Gerade diese Blockade ist laut Experten die stärkste Waffe im Krieg gegen die Huthi-Rebellen. Denn der Jemen muss 90 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren. Das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis wollte mit der Blockade eigentlich die Rebellen schwächen – und erwischt die gesamte Bevölkerung des Landes. Hilfsorganisationen wie Unicef warnen vor einer der weltweit schlimmsten Hungerkatastrophen.

Auslöser für die Sperrung der See- und Flughäfen war eine Rakete, welche Huthi-Rebellen, die den Norden des Landes besetzen, kürzlich auf die saudische Stadt Riad abschossen. Am Dienstag wiederholte sich das. Das Geschoss sei südlich von Riad in der Luft zerstört worden, berichtete der saudische Oberst Turki al-Malki. Es sei niemand verletzt worden. Die Rakete sei wieder von den Huthi-Rebellen abgefeuert worden. Als Vergeltung bombardierte das saudi-arabisch geführte Bündnis die Huthi-Rebellen. Nach jemenitischen Angaben starben bei zwei Luftangriffen in der Provinz Saada elf Zivilisten.

Die Bundesregierung hat den Beschuss verurteilt. Diese Angriffe müssten endlich ein Ende haben. Alle Konfliktparteien seien aufgefordert, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Es könne nur einen diplomatischen Weg aus dem Jemenkonflikt geben. Zugleich sehe es die Bundesregierung mit Sorge, dass der Iran offensichtlich Waffen an den Jemen geliefert habe und gegen UN-Resolutionen verstoße. Nach Darstellung eines UN-Berichts gebe es auch Hinweise, dass der Iran in den Beschuss Saudi-Arabiens aus dem Jemen am 22. Juli und 4. November verwickelt sei.

Im Frühjahr 2015 begann im Jemen die Militärintervention durch eine von Saudi-Arabien angeführte Allianz von Staaten, der Ägypten, Bahrain, Katar, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Marokko, der Sudan und Senegal angehören. Die Allianz griff damit in einen andauernden innerjemenitischen Bürgerkrieg ein und unterstützt den jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi gegen die Huthi-Rebellen. Der Konflikt gilt als Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Durch die Kämpfe und Luftangriffe der saudischen Koalition wurden große Teile der Infrastruktur des Landes zerstört.

Im Jemen spitzt sich die Lage nun zu, Experten wie Dominik Stillhart vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) sprechen ebenfalls von einer humanitären Katastrophe. Seit den bewaffneten Auseinandersetzungen in der vorletzten Woche, an deren Höhepunkt der frühere jemenitische Präsident Ali Abdullah Salih von den Huthi-Rebellen getötet wurde, die er bislang unterstützt hatte, habe sich die humanitäre Situation weiter verschlechtert. „Seither ist die Lage in Sanaa extrem angespannt und in Hodeida bereiten sich auf einen neuen Angriff der von den Saudis und Emiratis angeführten Koalition vor“, so Stillhart. Das ICRC ist mit 50 internationalen Mitarbeitern sowie über 300 jemenitischen Arbeitskräften vor Ort im Einsatz. „Wir konzentrieren uns darauf, Spitäler mit Medikamenten und Diesel zu versorgen, um die Gesundheitsversorgung vom totalen Kollaps zu bewahren.“

Seit mehreren Wochen warnen die Vereinten Nationen vor einem Teufelskreis aus Hunger und Cholera. Denn Unterernährung mache Kinder anfälliger für Cholera und Cholera sorge für noch mehr Unterernährung. „Eine tödliche Kombination“, sagt Stillhart, der im April dieses Jahres den Ausbruch der Epidemie im Jemen miterlebt hat. „Es begann damals mit 100 Fällen, jetzt leiden eine Million Menschen an der Cholera.“ Die Not sei in den zweieinhalb Jahren des Konflikts immer größer geworden. Ein anderes Problem sei das Wasser. „Weil das Elektrizitätsnetz zusammengebrochen ist, müssen die Wasseranlagen mit Dieselmotoren betrieben werden. Und ohne Diesel kann kein Wasser gepumpt werden. So leiden die Menschen selbst, wenn sie nicht beschossen werden, indirekt an den Folgen des Krieges.“

Sauberes Wasser ist für die Bekämpfung der Cholera essenziell. Die Menschen haben Durchfall und trocknen ohne Wasser aus, und wenn sie keine medizinische Behandlung erhalten, sterben sie daran. Vor allem die Kindersterblichkeit im Jemen habe sich dramatisch entwickelt.

Gibt es eine Lösung? Der Schweizer Dominik Stillhart ist skeptisch: „Der Konflikt im Jemen ist von der internationalen Gemeinschaft vergessen worden. Man hat sich auf Syrien konzen­triert. Außerdem stehen viele westliche Länder der Koalition um Saudi-Arabien näher, daher ist es für sie schwierig, eine neutrale Vermittlerrolle einzunehmen.“

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