Berlin

Tricksereien und Schlupflöcher beim Mindestlohn

Studie: 1,8 Millionen Beschäftigte bekommen weniger Lohn als erlaubt

Berlin.  Mal sind die Schichtpläne nicht auffindbar, wenn die amtlichen Kontrolleure kommen. Mal findet sich in Arbeitsverträgen zu 450-Euro-Jobs der alarmierende Satz: "Hiermit bestätige ich, dass ich genau so viele Stunden arbeite, dass ich auf den Mindestlohn komme." Doch was, wenn der Chef Überstunden verlangt und sonst mit Rausschmiss droht? Es gibt viele Möglichkeiten den gesetzlichen Mindestlohn zu umgehen. Einer neuen Studie zufolge bekamen im letzten Jahr in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen, die ein Anrecht auf Mindestlohn hatten, deutlich weniger als die damals vorgeschriebenen 8,50 Euro pro Stunde.

Für die Studie haben Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Universität Potsdam Daten einer Langzeitumfrage ausgewertet, bei der Beschäftigte Angaben zu ihrem Lohn und ihrer tatsächlichen Arbeitszeit gemacht hatten. Das Ergebnis: 2016 bekamen rund sieben Prozent der anspruchsberechtigten Arbeitnehmer weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. Besonders viele Fälle gibt es in der Baubranche, in der Gastronomie und beim Einzelhandel. Besonders betroffen sind Beschäftigte in kleinen Betrieben, Mini-Jobber und Arbeitnehmer mit ausländischen Wurzeln. Insgesamt berichten Frauen häufiger als Männer, dass sie unterhalb des Mindestlohns bezahlt werden.

Mit 1,8 Millionen Fällen liegen die Berechnungen der DIW-Studie allerdings deutlich über den Angaben der amtlichen Statistik. Sie kommt auf rund 1,1 Millionen Fälle. Der Unterschied dürfte unter anderem daran liegen, dass für die offizielle Statistik nicht die Beschäftigten befragt worden waren, sondern die Arbeitgeber Daten aus der Personalbuchhaltung liefern sollten. Der Befund aber ist der gleiche: Auch zwei Jahre nach Einführung des gesetzlichen Mindestlohns profitieren noch längst nicht alle davon.

Die Forscher fordern deswegen mehr Kontrollen und strengere Dokumentationspflichten, sowie schärfere Sanktionen für die Arbeitgeber. "Es gibt nicht genug Anreize, den Mindestlohn zu zahlen", beklagte DIW-Forscherin Alexandra Fedorets bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

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