Jamaika-Drama

Warum FDP-Chef Lindner nicht für die Schurkenrolle taugt

Ja, die FDP ließ Jamaika letztlich platzen. Nein, eine solide Regierungskoalition haben die Liberalen dadurch nicht verhindert.

FDP rechtfertigt Jamaika-Aus

Nach dem Aus für die Jamaika-Sondierungen ist die FDP bemüht, den Abbruch mit den politischen Überzeugungen der Liberalen zu rechtfertigen. Geht es nach der FDP, sollte nun die SPD ein Bündnis ...

FDP rechtfertigt Jamaika-Aus

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Berlin.  Kaum war am Sonntagabend kurz vor Mitternacht der Vorhang gefallen im Berliner Jamaika-Drama, da begann die Rollenverteilung. Eines schien schnell klar: Der Schurke im Stück war FDP-Chef Christian Lindner, der mit seinem nächtlichen Auftritt die Vorstellung abrupt beendet hatte.

Unionisten und Grüne verbrüderten sich und schimpften Schulter an Schulter über Lindner und seine Liberalen, die sich so schändlich aus dem Staub gemacht hätten. Dabei sei man doch sooooo nah dran gewesen am Happy End namens Jamaika, versicherten sich Cem Özdemir und Horst Seehofer gegenseitig mit treuherzigen Blicken. Zum Greifen nah sei die Koalition gewesen, betonte auch Kanzlerin Angela Merkel.

Taugt Lindner tatsächlich zum Bösewicht?

Auch von Seiten vieler Medien bekam Lindner verbale Prügel. „Möchtegern-Macron“ höhnte der „Stern“. Die „Süddeutsche Zeitung“ schimpfte über den „Spielverderber“ Lindner. Der „Spiegel“-Kommentator fragte sich: „Wollte er überhaupt eine Einigung?“ Und bei Twitter und Facebook ist Lindner-Bashing der Trend der Stunde.

Die Frage ist allerdings: Taugt Lindner tatsächlich zum Bösewicht? Oder reicht diese Sichtweise bestenfalls für ein inszeniertes Drama, nicht aber für die reale Jamaika-Geschichte?

Auch die Grünen dachten immer wieder an Abbruch

Dass die FDP jedenfalls nicht allein war mit einer ausgeprägten Skepsis gegenüber dem „Projekt Jamaika“, beweist ein Eingeständnis des Grünen-Unterhändlers Robert Habeck. „Es lag von Anfang an kein Segen drauf“, sagte Habeck dem „Spiegel“ über die Sondierungen. Auch seine Partei habe „sicher mehr als ein Dutzend Mal an Abbruch gedacht“. Und weiter: „Man sollte jetzt nicht so tun, als hätte die Sonne über Jamaika geschienen, wenn die FDP geblieben wäre.“

Wer in der „Hart aber fair“-Sendung am Montagabend in der ARD genau hinschaute, der konnte erkennen, dass es mit der angeblich zum Greifen nahen Einigung so weit nicht her gewesen sein konnte. Wie sich da Grünen-Chefin Simone Peter und FDP-Generalsekretärin Nicola Beer vor laufender Kamera zankten, was denn nun in dem Jamaika-Papier gestanden habe und was nicht, der kann sich vorstellen, was manche Grüne und Christdemokraten in vertraulichen Gesprächen einräumen: Die in den endlosen Sondierungsrunden mühsam gefundenen, immer wieder verworfenen und neu überarbeiteten Formulierungen waren in vielen Themenbereichen so vage, so unkonkret, dass letztlich jeder herauslesen konnte, was er wollte.

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Keine belastbare Grundlage für eine dauerhafte Koalition

Eine belastbare Grundlage für eine dauerhafte Koalition aber entstand so nicht. „Das wäre eine grausame Veranstaltung geworden“, urteilte FDP-Unterhändler Wolfgang Kubicki in gewohnt drastischer Manier. Es sollte zusammenwachsen, was nicht zusammenpasste.

Kubicki: Einigung war nicht in Sicht

Die Kritik an seiner Partei nach dem Abbruch der Jamaika-Sondierungen sei absehbar gewesen. Aussagen der SPD dazu wollte Kubicki am Montag nicht stehenlassen.
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FDP-Chef Lindner taugt also nur bedingt für die Schurkenrolle. Er hat letztlich lediglich das ausgesprochen, was sich auch bei Union und Grünen viele fragten: „Wo war denn die Jamaika-Idee der letzten 50 Tage?“

Was Lindner freilich unterschätzt hat, ist die Außenwirkung seines spektakulären Auftritts zu mitternächtlicher Stunde. Statt – wie wohl von ihm erhofft – als strahlender, weil prinzipientreuer Held, steht er nun als Buhmann auf der Bühne. Ob er – und mit ihm die FDP – diese Rolle noch einmal los wird, ist fraglich. Kommt es zu Neuwahlen, könnte er vom Wahlvolk böse ausgepfiffen werden.

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