Bundestag

Warum der Fraktionsvorsitz der SPD ein Schleudersitz ist

Die neue SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles übernimmt einen undankbaren Job. Doch das Amt bietet auch Chancen für noch höhere Aufgaben.

Drei Ex-Fraktionschefs der Bundestags-SPD (v.l.): Rudolf Scharping, Hans-Ulrich Klose und Peter Struck auf einem Foto aus dem Jahr 1994.

Drei Ex-Fraktionschefs der Bundestags-SPD (v.l.): Rudolf Scharping, Hans-Ulrich Klose und Peter Struck auf einem Foto aus dem Jahr 1994.

Foto: imago stock&people

Berlin.  Fraktionschef im Bundestag ist ein Knochenjob: Man muss in Debatten Flagge, medial Präsenz zeigen und gleichzeitig die Fraktion bei Laune halten. Bei der SPD, wo jetzt mit Andrea Nahles erstmals eine Frau die Leitung der nunmehr 153-köpfigen Fraktion übernimmt, kommt noch hinzu, dass der Vorsitz auch zum Schleudersitz geworden ist.

Denn: Seit Anfang der 90er-Jahre war für alle Fraktionschefs nach spätestens vier Jahren Schluss mit dem Job. Einer allerdings übernahm sogar zweimal den Posten. Aber der Reihe nach.

Herbert Wehner hielt den Laden zusammen

Die SPD-Ikone Herbert Wehner hält immer noch den Rekord, was die Verweildauer an der Spitze der Sozialdemokraten im Bundestag betrifft. Von 1969 bis zum seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1983 führte „Zuchtmeister“ Wehner die Fraktion mit straffen Zügeln durch die Zeit der sozial-liberalen Koalition. Er hielt den Laden zusammen – und den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt den Rücken frei.

Auch Wehners Nachfolger Hans-Jochen Vogel hielt sich immerhin noch acht Jahre im Amt. Der pedantisch-dröge Bayer „regierte“ wenig charismatisch mit Vorlagen und Aktenvermerken. Die Klarsichthülle wurde zu seinem Markenzeichen.

Peter Struck traute sich gleich zweimal

Nach Vogels Abschied aber wurde die Taktung der Männer an der Fraktionsspitze deutlich schneller. Hans-Ulrich Klose (drei Jahre), Rudolf Scharping (vier Jahre), Peter Struck (knapp vier Jahre), Ludwig Stiegler (zwei Monate) und Franz Müntefering (drei Jahre) gaben alle spätestens nach einer Legislaturperiode das Amt wieder ab. Wobei Scharping, Struck und Müntefering jeweils in ein Ministeramt wechselten.

Peter Struck ist auch der einzige, der sich den Job ein zweites Mal antat. 2005 übernahm der Mann mit dem markanten Schnauzbart das Amt von Müntefering und hielt noch einmal bis 2009 durch. Auf ihn folgte 2009 Frank-Walter Steinmeier, bis 2013 Thomas Oppermann antrat. Und nun also Andrea Nahles.

„Ich war Vorsitzender einer Regierungsfraktion, ich habe das gerne gemacht. Jetzt geht es darum, eine Person zu finden, die eine Oppositionsfraktion im Bundestag anführt“, kommentierte Oppermann kühl seinen eigenen Abschied.

Ein Job als Karriere-Sprungbrett

Ein Blick auf diese Ahnengalerie zeigt – der Knochenjob bietet auch eine gute Bühne für jene, die sich für Höheres empfehlen wollen. Helmut Schmidt etwa, der von 1967 bis 1969 die SPD-Fraktion anführte, wurde anschließend Minister und später sogar Bundeskanzler. Franz Müntefering brachte es zum Vizekanzler und Stellvertreter Angela Merkels in der großen Koalition. Und Frank-Walter Steinmeier ist heute Bundespräsident. Höher geht’s nicht.