Fehltage

AOK-Studie: Lebenskrisen beeinträchtigen Arbeitsfähigkeit

Eine neu AOK-Studie verzeichnet immer mehr Fehlzeiten wegen psychischer Probleme. Der Grund liegt demnach oft im privaten Bereich.

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage beim Arbeitgeber. Laut einer AOK-Studie haben die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen zugenommen.

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage beim Arbeitgeber. Laut einer AOK-Studie haben die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen zugenommen.

Foto: Arno Burgi / dpa

Berlin.  Bergeweise Taschentücher, eine Tasse Tee nach der anderen und E-Mails statt Telefonate, weil die Stimme weg ist: Wer so am Arbeitsplatz sitzt, ist erkennbar krank und wird dementsprechend oft heimgeschickt.

Viel subtiler in den Symptomen und für Arbeitgeber oder Kollegen viel schwieriger zu bemerken sind dagegen psychische Erkrankungen. Doch die Sensibilität für Krankheitsbilder wie Depression und Burn-out steigt offenbar: 2016 lag die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen fast 80 Prozent höher als noch 2006. Das geht aus dem neuesten "Fehlzeiten-Report" hervor, den der AOK-Bundesverband am Donnerstag vorgestellt hat .

Mentale Erkrankungen dauern länger

Nach Muskel- und Skeletterkrankungen sind psychische und Verhaltensstörungen mittlerweile für die höchste Zahl von Krankentagen bei längeren Ausfällen von Arbeitnehmern verantwortlich. 10 Prozent der Fälle von Krankschreibungen, die länger als sechs Wochen andauern, gehen auf Diagnosen psychischer Krankheitsbilder zurück. Im Durchschnitt dauern Krankschreibungen wegen mentaler Erkrankungen mehr als doppelt so lang wie andere.

Ein Auslöser für depressive Verstimmungen und andere psychische Krankheiten können dabei sogenannten Lebenskrisen sein. Ob eine Trennung vom Partner, ein Pflegefall in der Familie oder eine schwere Erkrankung: Einschneidende und belastende Erlebnisse im privaten Umfeld wirken sich auch auf das Arbeitsleben von Beschäftigten aus.

So berichteten in der Studie der AOK rund 59 Prozent der Befragten, die schon eine Krise durchlitten hatten, dass sie in diesem Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen hatten. 79 Prozent gaben an, durch die Krise auch von psychischen Symptomen betroffen gewesen zu sein. "Angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels werden vor allem Arbeitgeber mit älteren Angestellten sich mit häufigeren Krisen auseinandersetzen müssen", sagte Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Die Krisen treffen vor allem die Älteren

Denn die Krisen treffen vor allem ältere Menschen: Während unter den Beschäftigen unter 30 nur etwa ein Drittel angab, bereits sehr belastende Situationen im Privaten erlebt zu haben, waren es in der Altersgruppe der 50- bis 65-jährigen Beschäftigen schon fast zwei Drittel. Auch die Art der Krisen variiert mit dem Alter. Jüngere Beschäftigte berichteten vor allem von anstrengenden Konflikten im privaten Umfeld und Schwierigkeiten beim Berufseinstieg wie Mobbing oder Streit am Arbeitsplatz. Ältere Arbeitnehmer erlebten dagegen häufiger den Tod nahestehender Menschen, Erkrankungen im Familienkreis oder eigene schwere Krankheiten.

Trotz unterschiedlicher Ursachen: Die Folgen der Krisen ähneln sich. Mehr als die Hälfte der betroffenen Beschäftigten gab an, dass ein kritisches Lebensereignis ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt habe. Fast ebenso viele (49 Prozent) waren in Krisensituationen nach eigenen Aussagen trotz Krankheit zur Arbeit gegangen. Mehr als ein Drittel reagierte allerdings auch mit häufigeren Krankmeldungen.

Viele Arbeitnehmer reden über ihre Krisen

Wie Angestellte und damit auch Firmen die Auswirkungen von Schicksalschlägen bewältigen, hängt nicht nur von den Betroffenen ab. "Führungskräfte spielen eine zentrale Rolle im Umgang mit Krisen", sagte Schröder. Ein Grund, warum Betroffene ihre Probleme im Betrieb nicht thematisieren würden, sei oft das mangelnde Vertrauen zum Chef.

In den meisten Fällen sprechen Mitarbeiter allerdings bereitwillig darüber, wenn sie sich in einer belastenden Lage befinden. 81 Prozent der Befragten, die schon Krisen erlebt haben, haben auch im Unternehmen darüber geredet: 64 Prozent tauschten sich mit Kollegen aus, 46 Prozent wandten sich an ihren direkten Vorgesetzten. Andere Betroffene entschieden sich, bei Betriebsrat, Vertrauensleuten, der Personalabteilung oder dem Betriebsarzt Hilfe zu suchen.

Doch nicht in jeder Firma stehen alle diese Optionen offen. Große Betriebe können oft schnell auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter reagieren, sei es mit flexiblen Arbeitszeiten, unbezahltem Sonderurlaub oder mit dem Wechsel auf eine andere Stelle innerhalb des Unternehmens. Die Deutsche Bahn etwa, deren Mitarbeiter oft Suizide aus nächster Nähe erleben, hat ein Netz von Betreuungsmaßnahmen aufgebaut, das posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen soll.

Kleinen Unternehmen fehlt der Spielraum zu reagieren

Vielen kleinen Betrieben aber fehlt der Spielraum, in ähnlicher Weise auf die Probleme der Mitarbeiter zu reagieren. "Diese Unternehmen verfügen nicht über die Ressourcen, sich so mit Krisen auseinanderzusetzen wie die Großen", sagte Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands. "Aber sie haben natürlich genauso Mitarbeiter, die diese Krisen erleben."

Diesen Unternehmen rät die Kasse, Netzwerke mit anderen kleinen Firmen zu bilden und auf externe Dienstleister zurückzugreifen. Oft helfe dem Mitarbeiter zudem schon Verständnis und Interesse für die Situation, so Litsch. "Das kann auch einfach die Frage sein: Wie geht's dir?"

Gröhe: Wichtig über Erkrankungen zu sprechen

Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ermutigt Arbeitnehmer in Krisen, sich Hilfe zu holen. "Über seelische Erkrankungen zu sprechen und Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke", sagte Gröhe dieser Redaktion. Es sei wichtig, offen über eine seelische Erkrankung sprechen zu können und zu wissen, dass es Hilfsangebote gebe.

Der Minister verwies auch darauf, dass Psychotherapeuten seit April dieses Jahres verpflichtet sind, Sprechstunden anzubieten. Ohne lange Wartezeiten sollen Menschen in Problemlagen so die Möglichkeit haben, herauszufinden, ob sie psychotherapeutische Hilfe benötigen – oder ob vielleicht eine Selbsthilfegruppe oder Eheberatung genügt. "Die Einführung der Psychotherapeuten-Sprechstunde ist ein wichtiger Schritt, um Betroffenen schnell und unkompliziert zu helfen", sagte der Gesundheitsminister.

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