Nordkorea

Wie der Diktator Kim Jong-un an seine Atomwaffen kam

Nordkorea arbeitet an Kernwaffen. Woher hat das abgeschottete Regime das Wissen dazu? Einige Raketen sind aus sowjetischem Bestand.

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Foto: KCNA / REUTERS

Peking.  Wie ein kleiner Junge, der gerade beim Computerspielen einen Treffer gelandet hat, hüpft Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un vor Freude auf und ab. Vor einer Woche war das. Nordkorea ist soeben der sechste Nu­kleartest gelungen. Umringt ist er von einer Gruppe älterer Herren, allesamt in dunklen Anzügen und mit Brillen auf der Nase. Sie blicken auf einen Bildschirm und klatschen.

Diese Szene mit den Wissenschaftlern wird in diesen Tagen im nordkoreanischen Staatsfernsehen laufend wiederholt. Anders als etwa vor einem Jahr hat Diktator Kim den diesjährigen Nationalfeiertag, den er am Sonnabend beging, nicht einem weiteren Raketentest gewidmet, sondern den Technikern, die diese Tests ermöglicht haben. Als „Glücksfall für die nationale Geschichte“ feierte Kim sie.

Vereinte Nationen sprechen von der „striktesten gezielten Sanktionspolitik“

Seit 2006 gibt es die Resolution 1695. Als eine Reaktion auf einen von Nordkoreas ersten Raketentests. Sie verbietet jeglichen Handel von Waffen- und Raketentechnologien mit Nordkorea. Dennoch ist es dem Regime in den letzten Jahren gelungen, sechs Atombomben zu testen, zudem mehrere Dutzend Raketen, allein 14 seit Jahresbeginn, bei denen es sich in zwei Fällen um die Abschüsse von Interkontinentalraketen handelt. Sie könnten das amerikanische Festland treffen.

Die Vereinten Nationen behaupten, dass sie nach insgesamt sieben Verschärfungen die inzwischen „strikteste gezielte Sanktionspolitik“ betreiben, die sie in ihrer Geschichte je gegen ein Land verhängt haben. Für Montag steht auf Antrag der USA eine weitere Abstimmung im UN-Sicherheitsrat an, die unter anderem auch ein Öl-Embargo gegen Nordkorea vorsieht.

Wie passt das zusammen? Wie ist es diesem weltweit so isolierten Regime trotz der Sanktionen gelungen, innerhalb eines Jahrzehnts sein eigenes Atomwaffenprogramm aufzubauen?

Pakistan lieferte Baupläne für Atomwaffen

Die Entwicklung einer eigenen Atomtechnologie dürfte für das nordkoreanische Regime das geringere Problem gewesen sein. Dies geschah sogar zum Teil mit westlicher Hilfe. In der ersten Hälfte der 90er-Jahre hatten sich die USA und Nordkorea auf den Verbleib Pjöngjangs im Atomwaffensperrvertrag geeinigt. Im Gegenzug würden die USA Nordkorea bei der Umrüstung seiner Kraftwerke zu Leichtwasserreaktoren helfen. Dazu ist es zwar nie gekommen. Die ersten Pläne aber waren ausgetauscht.

Im Oktober 2002 warfen die USA unter der Präsidentschaft von George W. Bush Nordkorea vor, wieder an einem Atomprogramm zu arbeiten. Als die USA daraufhin ein Öl-Embargo verhängten, erklärte Nordkorea seinen Austritt. 2005 gab Nordkorea offiziell bekannt, über einsetzbare Kernwaffen zu verfügen. Kurz zuvor hatte der Chefentwickler des pakistanischen Atomwaffenprogramms, Abdur Kadir Khan, zugegeben, entsprechende Pläne an Nordkorea verkauft zu haben. Khan, den Pakistan bis dahin wie einen Volkshelden feierte, wurde daraufhin in Islamabad unter Hausarrest gestellt. 2013 hat Nordkorea den Atomkomplex von Yongbyon mit seinem Fünf-Megawatt-Reaktor wieder in Betrieb genommen. Yongbyon gilt seitdem als Nordkoreas Hauptquelle bei der Herstellung waffenfähigen Plutoniums.

Rakete mit einer Reichweite von 10.000 Kilometern entwickelt

Sehr viel schwieriger erweist sich für Nordkorea die Entwicklung von Raketen. Um die USA abzuschrecken, müssen sie nicht nur eine große Reichweite hinlegen können, sondern auch mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Die ersten sogenannten ballistischen Raketen hatte noch Kim Jong-uns Vater abschießen lassen. Sie fielen allesamt unkontrolliert ins Meer. Südkoreanische Experten hatten sie analysiert und festgestellt, dass es sich dabei vorwiegend um Scud-Raketen handelte – aus sowjetischem Bestand.

Anfang Juli dieses Jahres vermeldete das nordkoreanische Staatsfernsehen erstmals den Test einer Interkontinentalrakete des Typs Hwasong-14. Experten schätzen, dass die Rakete eine potenzielle Reichweite von 6700 Kilometern hat und damit theoretisch den US-Bundesstaat Alaska erreichen könnte. Zum zweiten und bislang letzten nordkoreanischen Test am 28. Juli verkündete Pjöngjang, die dabei verwendete Rakete könne mit einer theoretischen Reichweite von 10.000 Kilometern das „gesamte US-Festland“ erreichen.

Pjöngjang könnte demnächst auch Kernwaffen verkaufen

Wie Nordkorea an diese Technik gelangt ist, wird nun weltweit eifrig untersucht. Die USA hatten jahrelang China im Verdacht. Doch das ist nicht erwiesen. Eine Spur führt in die Ukraine. Anfang August berichtete die „New York Times“ über mögliche Lieferungen von Triebwerken aus der ehemals sowjetischen Raketenfabrik in der ukra­inischen Stadt Dnipro. Der Artikel nannte explizit den Staatskonzern „Juschmasch“. Doch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko dementierte. Sein Sicherheitsratschef sprach gar von einer gezielten „antiukrainischen Kampagne“, die von russischen Geheimdiensten lanciert sei, um von eigenen Verbrechen abzulenken.

Und offenbar bezieht Nordkorea nicht nur Waffentechnik aus dem Ausland. Das Land könnte selbst zu einem Exporteur werden. Südkoreanische und US-amerikanische Experten befürchten, dass Pjöngjang Technologie exportieren und damit anderen Staaten beim Aufbau nuklearer Fachkenntnisse helfen könnte. Die bedrohliche Botschaft lautet nach Ansicht von Graham Allison, Nuklearexperte an der Kennedy School der Universität Harvard: „Atomwaffen stehen zum Verkauf.“

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