Politik

In Europa stark

Wie deutsche Universitäten und Hochschulen besser von der Forschungsförderung durch die EU profitieren können

Hiesige EU-Kritiker behaupten gern, dass Deutschland erheblich mehr Geld zum Etat beisteuere, als es im Gegenzug auf der Leistungsseite gewinne. Die Bilanz der Forschungsförderung scheint diese These auf den ersten Blick zu bestätigen. Deutschland trägt knapp über 20 Prozent des EU-Etats, erhält aber aus dem gemeinsamen Topf der Wissenschaftsprogramme nur 17 Prozent der zur Verfügung stehenden Mittel. Wie kann das verbessert werden und wo kann man ansetzen?

Das aktuelle Forschungsrahmenprogramm der EU mit dem Titel "Horizon 2020" verstärkt die angewandte Wissenschaft. Im Zentrum stehen Förderlinien zur "Führenden Rolle bei grundlegenden industriellen Technologien" und zu "Gesellschaftlichen Herausforderungen". Ein besonderes Augenmerk richtet sich auf forschungsintensive mittelständische Unternehmen, deren Zusammenarbeit mit Wissenschaftspartnern befördert werden soll. Hier hat Deutschland in den vergangenen Jahren Boden gutgemacht, aber noch immer besteht Verbesserungsbedarf. Gerade die wissenschaftliche Kooperation mit kleineren und mittleren Firmen ist zu intensivieren. Wir reden hier nicht von der Forschung, die in großindustriellen Dimensionen betrieben wird. Sie geht oft andere Wege als die Grundlagenarbeit der Universitäten, weil sie strikt zielorientiert abläuft. Aber zwischen Fachhochschulen und Universitäten und mittelständischen Unternehmen sind durchaus Schnittstellen für einen weiteren Ausbau von Forschungskooperationen gegeben. Deutschland fördert zwar seine Start-ups, die häufig eng mit den Universitäten zusammenarbeiten, aber es wird zu wenig dafür getan, dass die gewachsenen Unternehmen diese Verbindung fortsetzen. Wir brauchen mehr überzeugende Anträge für die EU, die genau dieses Feld bespielen.

Ein zweiter Bereich, in dem Deutschland lange Zeit zurücklag, waren die ERC Grants des European Research Council – das sind jene Fördermittel, die der Europäische Forschungsrat für Nachwuchswissenschaftler ("Starting Grants") oder etablierte Forscher ("Advanced Grants") zur Verfügung stellt. Lange Zeit wurden die deutschen Misserfolge in dieser Programmlinie mit Hinweis auf die bürokratisch komplizierte Antragsstruktur und die Vorteile einer Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft bemäntelt. Inzwischen erkennt man hierzulande, dass es keine Ausreden gibt, wenn es um schlechte Quoten bei der EU-Förderung geht. Gerade große deutsche Universitäten haben sich besser auf den Wettbewerb eingestellt. Zur Strategie gehören eine detaillierte Antragsberatung, entsprechendes Coaching für die Verteidigung der Projekte und professionelle Unterstützung bei der administrativen Umsetzung der Vorhaben. An der Freien Universität Berlin hat die Abteilung für Forschung in den vergangenen Jahren diverse Anträge sachkundig beraten. Die sorgfältige Vorbereitung zeitigt mittlerweile gute Ergebnisse: Erst vor wenigen Tagen wurden vier junge Wissenschaftler der FU mit einem ERC Starting Grant ausgezeichnet. Die jeweils mit einer Summe von bis zu 1,5 Millionen Euro geförderten Projekte, die über fünf Jahre laufen, befassen sich mit der neuen Literatur Palästinas, mit geometrischen Algorithmen und deren Bedeutung für die Erzeugung von Wegen, Standorten und Mustern, mit den neuronalen Grundlagen der Kommunikation von Singvögeln und mit dem Einfluss politischen Protests auf moderne westliche Demokratien.

Deutschland holt bei den EU-Anträgen auf. Die These, dass die Balance zwischen Investment und eingeworbenen Mitteln fehle, greift nicht mehr. Ebenso entscheidend wie der wachsende Erfolg in Brüssel ist aber noch ein anderer Punkt. Immer mehr junge Wissenschaftler aus dem Ausland, die einen ERC Grant eingeworben haben, bemühen sich um einen Wechsel an eine deutsche Universität. Arbeitsmöglichkeiten in Berlin, München und Heidelberg sind besonders stark nachgefragt. Das unterstreicht die große Bedeutung, die der Standortförderung durch die Exzellenzprogramme von Bund und Land zufällt.

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