Asyl

Glaube oder Trick? Wenn Flüchtlinge Christen werden

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Wenig
Ein Schild am Frankfurter Flughafen weist Angehörigen verschiedener Religionen den Weg.

Ein Schild am Frankfurter Flughafen weist Angehörigen verschiedener Religionen den Weg.

Foto: imago stock&people / imago/epd

Eine christliche Familie aus dem Iran bittet um Asyl, ihr Antrag wird abgelehnt. Ein Richter muss entscheiden: Glauben sie wirklich?

Hamburg.  Manches in dieser Verhandlung erinnert an die TV-Show „Wer wird Millionär?“, anderes an die Gewissensprüfung, die es früher für Kriegsdienstverweigerer gab. Doch im Gerichtssaal geht es an diesem Tag weder um Geld noch um die Bundeswehr. Die Frage lautet: Darf eine aus dem Iran geflohene Familie in Deutschland bleiben? Oder müssen Naser O. (33), Maryam K. (28) mit Tochter Paniz (6) zurück in ihre Heimat?

Naser O. und Maryam K. sagen, sie wären durch ihren Übertritt vom Islam zum Christentum bei einer Rückkehr in den Iran als Konvertiten in höchster Gefahr. Wahrer Glaube? Oder doch nur ein vorgeschobenes Argument, um die Chancen auf das erhoffte Asyl in Deutschland zu erhöhen? Das soll der Verwaltungsrichter herausfinden.

Sachbearbeiter glaubte nicht an Glaubenswechsel

Der Sachbearbeiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hatte bei der ersten Anhörung dem Ehepaar den Glaubenswechsel nicht abgenommen und den Asylantrag abgelehnt. Dagegen klagen die Iraner nun. Der Platz auf der Beklagten-Seite am ovalen Tisch bleibt leer, vom Bamf ist wie fast immer bei solchen Verhandlungen niemand gekommen. „Wir haben einfach zu viel zu tun“, heißt es im Bundesamt.

Der Fall Naser O./Maryam K. ist kein Einzelfall. Auch wenn das Bamf die Asylgründe statistisch nicht erfasst, ist sicher, dass derzeit Tausende Flüchtlinge als Konvertiten um Asyl bitten. Die Bluttat Anfang Juni im bayerischen Arnschwang, wo ein afghanischer Flüchtling einen Fünfjährigen erstach, hat die Diskussion um die Frage „Glaube oder Asyl-Trick?“ neu entfacht.

Bayerns Innenminister forderte intensivere Prüfung von Konvertiten

Denn der Täter hatte sich im Gefängnis, wo er eine mehrjährige Haftstrafe wegen schwerer Brandstiftung verbüßte, katholisch taufen lassen. Das Verwaltungsgericht München verhängte einen Abschiebestopp, da ihm als Christ in seiner Heimat der Tod drohe. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) forderte Kirche und Justiz auf, Konvertierte genauer zu prüfen.

Der auf Asylrecht spezialisierte Verwaltungsrichter erklärt zunächst langsam das Prozedere, ein Dolmetscher übersetzt. Der Richter deutet auf sein Diktiergerät, hiermit werde er immer wieder die Antworten der beiden Flüchtlinge für das Protokoll zusammenfassen: „Es ist sehr wichtig, dass Sie widersprechen, wenn Sie das Gefühl haben, dass ich Sie nicht richtig zitiert habe.“

Wer wurde ans Kreuz geschlagen?

Naser O. und Maryam K. werden getrennt einvernommen, um Widersprüche zu erkennen. Wie heißen die vier Evangelisten? Wer starb am Kreuz? Welche Bedeutung hat Pfingsten? Maryam K. weiß viel, zum Beispiel, dass Jesus von Judas für 30 Silberlinge verraten wurde. Doch ihr Mann schwimmt bei der Frage, was das Osterfest bedeute, er sagt, darüber habe man in seiner evangelisch-freikirchlichen Gemeinde noch nicht intensiv gesprochen.

An Karfreitag, sagt Naser O., sei Gott ans Kreuz geschlagen worden. „Wirklich Gott?“, fragt der Richter. Anwalt Carsten Kerschies rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her – und atmet erleichtert auf, als sein Mandant schließlich seine Antwort auf „Jesus“ korrigiert.

Naser O. und Maryam K. berichten von Verfolgung im Iran

Um 11.30 Uhr ruft der Richter die einzige Zeugin auf, eine Pastoralassistentin in Nasers Gemeinde. Die Gemeinde-Mitarbeiterin lobt das Engagement der beiden Asylbewerber, auch nach der Taufe würden sie jeden Sonntag zu den Gottesdiensten kommen: „Sie haben ihr Herz für Gott geöffnet.“

Im zweiten Teil forscht der Richter nach den Beweggründen der Flucht; das Ehepaar beteuert, es habe schon in seiner Heimatstadt Rascht, 320 Kilometer nordwestlich von Teheran, einer verbotenen christlichen Hausgemeinde angehört. Sie schildern, dass ihr Auto mit der iranischen Parole „Du bist ein Abtrünniger“ besprüht worden sei, Sittenwächter hätten ihre Wohnung durchsucht. Aus Angst vor einer Verhaftung seien sie mithilfe eines Schleusers über Italien nach Deutschland geflohen.

Kann ein Richter entscheiden, ob der Glaube echt ist oder nicht?

Der Richter schließt die Verhandlung. Das Urteil, sagt er, könne etwas dauern, 56 Minuten Diktat seien schließlich auf dem Band. 56 Minuten, die nun entscheidend sind bei der Frage: Asyl oder nicht Asyl?

Geht das überhaupt? Kann ein Richter in vier Stunden feststellen, ob der Glaube echt oder vorgeschoben ist? Für die evangelische Kirche ein Unding: Die Prüfung einer religiösen Identität stehe Gerichten nicht zu. Glaube werde sonst auf die Aneignung von Wissen reduziert. Das Bamf hält dagegen, dass man die Taufbescheinigung nicht anzweifele: „Sie sagt aber nichts darüber aus, wie der Antragsteller seinen neuen Glauben bei Rückkehr in sein Heimatland voraussichtlich leben wird und welche Gefahren sich hieraus ergeben.“ Dies sei in der Asylfrage aber entscheidend.

Naser O. rechnet fest mit einem erfreulichen Urteil

Zehn Tage nach der Verhandlung sitzt Naser O. in einem Café. Stolz zeigt er auf seinem Smartphone ein Foto seiner Tochter Paniz. Sie gehe auf die Grundschule, fühle sich wohl, spreche schon gut Deutsch. Er erzählt von seinem Vater, einem überzeugten Moslem, der mit ihm nichts mehr zu tun haben wolle: „Für ihn bin ich ein Ungläubiger.“

Naser O. rechnet fest mit einem erfreulichen Urteil. Dann, sagt er, will er endlich eine Ausbildung machen, seine Deutschkenntnisse aufpolieren: „Ich möchte nicht länger vom Sozialamt leben, sondern richtig arbeiten.“ Und dann raus aus dem Ein-Zimmer-Appartement. Die Wohnung sei zwar viel besser als die Unterkünfte in Zelten und Containern in der ersten Zeit nach ihrer Flucht im September 2015, aber einfach zu klein für eine Familie.

Sechs Tage später kommt die große Enttäuschung

Sechs Tage später erreicht ihn ein Anruf aus der Kanzlei. Der Richter hat den Asylantrag abgelehnt. „Das Urteil macht mich wütend“, sagt Rechtsanwalt Kerschies. Seine Mandanten hätten doch bei der Verhandlung „total glaubwürdig“ gewirkt: „Sie haben sich mit dem christlichen Glauben wirklich auseinandergesetzt.“

Man spürt: Das Urteil nimmt ihn mit. Zumal er seinen Mandanten kaum Hoffnungen machen kann. Die Hürden im Asylrecht sind hoch, eine Berufung vor dem Oberverwaltungsgericht muss erst beantragt werden. „Ich persönlich hatte noch keinen Fall, wo eine Berufung am Ende zugelassen wurde“, sagt Kerschies.

Richter sieht keinen „individuellen Zugang zum christlichen Glaubensinhalt“

Das Urteil taugt keineswegs als Beleg für den angeblich inhumanen Umgang mit Asylbewerbern in Deutschland, den Flüchtlingsorganisationen immer wieder anprangern. Wer die 13 eng beschrieben Seiten liest, stellt fest, dass sich der Richter sehr wohl genau mit den Argumenten der Kläger auseinandergesetzt hat. Doch auf ihn hätten „die Ausführungen auswendig gelernt gewirkt“. Er habe nicht erkennen können, „dass die Kläger einen individuellen Zugang zum christlichen Glaubensinhalt haben“.

Zum Verhängnis wurden dem Ehepaar auch die Umstände ihrer Flucht – beide hatten ausgesagt, dass sie dank des Schleusers mit ihren echten Papieren vom Flughafen Teheran nach Rom hätten fliegen können, obwohl die Sicherheitspolizei ihnen schon auf den Fersen gewesen sei. Das passe einfach nicht zusammen, heißt es im Urteil. Die iranischen Behörden hätten gesuchte Landsleute nicht einfach ausreisen lassen. Daher sei es sehr unwahrscheinlich, dass sie im Iran verfolgte Mitglieder einer Hauskirche gewesen seien.

Die Familie kann wohl immerhin auf Duldung hoffen

Maryam K. sagt, dass sie nach dem Urteil fünf Tage nichts habe essen können. An Schlaf sei nicht zu denken, ohnehin leide sie an Depressionen. Ihr Mann fragt: „Was soll jetzt aus uns werden?“ Auf diese Frage gibt es keine wirkliche Antwort. Immerhin existiert zumindest noch die vage Chance auf eine Berufung. Und selbst bei dem erwarteten Scheitern rechnet Anwalt Kerschies nicht mit einer schnellen Abschiebung, als Familie würden sie wohl in Deutschland geduldet.

Naser O. kann das kaum trösten.