Berlin

Wer gewinnt die Unentschlossenen?

Heute in einem Monat ist Bundestagswahl. 46 Prozent der Bürger wissen nach einer neuen Umfrage noch nicht, wie sie abstimmen werden

Berlin. Geht da noch was? Einen Monat vor der Bundestagswahl wissen 46 Prozent der Bürger nicht, für wen sie stimmen wollen. Die Zahl der Unentschlossenen ist nach einer Allensbach-Analyse im Auftrag der „FAZ“ so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Diese 46 Prozent halten den SPD-Kandidaten Martin Schulz in einem Rennen, über das drei von vier Bürgern glauben, es sei längst gelaufen – für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Zu dem Ergebnis kommen Allensbach wie Forsa in einer „Stern“-Umfrage. Wie wollen die Parteien die Unentschlossenen gewinnen?

Nicht lockerlassen lautet die Devise. „Die Entscheidung fällt in den letzten Tagen und Wochen“, sagte Schulz der WAZ. Er macht in der heißen Phase des Wahlkampfs 40 Großveranstaltungen. Gerade beackert er das Ruhrgebiet, hier will er „massiv mobilsieren“, während seine Rivalin zwei Tage in Bayern unterwegs ist. Am Freitag tritt Merkel mit dem CSU-Spitzenkandidaten Joachim Herrmann auf. Er gilt als desi­gnierter Innenminister. Bei einem Wahlsieg müsste er umsetzen, was Parteichef Horst Seehofer soeben bekräftigt hat: Die Bundespolizei anzuweisen, die Flüchtlinge an der Grenze zurückzuweisen, sobald eine Obergrenze erreicht ist.

Die Menschen kommen in Scharen zu Schulz wie Merkel, wie eigentlich keine Partei sich über mangelnden Zulauf beklagt. „Wir haben 23.000 neue Mitglieder“, behauptet Schulz. Auf die Graswurzelarbeitet setzt aber auch die CDU. Sie schwört diesmal auf Haustürbesuche. Bislang hat sie bundesweit schon 375.000-mal die Klinken geputzt.

Die Plakate hängen schon seit Wochen. Ab Montagabend starten die TV-Spots. Dann wird es nahezu unmöglich, sich dem Wahlkampf zu entziehen – der Stimmabgabe schon. Allensbach sieht Anzeichen dafür, dass die Wahlbeteiligung niedriger als 2013 ausfallen wird.

Wer die Wähler nicht aufgeben will, muss in der Schlussphase zwei Punkte beherzigen: im Gespräch bleiben und eine Basisbotschaft durchhalten. Das ist bei Schulz die Gerechtigkeitsfrage. Er hat allerdings noch andere Pfeile im Köcher. Nach der Kritik an der Türkei profiliert er sich auf Kosten der USA. Merkel wird in die Nähe eines Buhmanns gerückt: von US-Präsident Donald Trump. Erst kritisierte die SPD an der CDU-Kanzlerin, dass sie auf Druck des Amerikaners die Verteidigungsausgaben erhöhen wolle; 30 Milliarden Euro, die Schulz lieber in Bildung investieren würde. Nach den Ausschreitungen in Charlottesville warf er Merkel vor, sich nicht entschieden genug von Trump zu distanzieren. Und gerade erst versprach Schulz, als Kanzler sich für einen Abzug aller (amerikanischen) Atomwaffen aus Deutschland einzusetzen. Nach einem ähnlichen Muster hatte Gerhard Schröder 2002 in der Irak-Politik Merkel in die Nähe eines unbeliebten US-Präsidenten gerückt, damals George W. Bush, damals mit vertauschten Rollen, denn Schröder war der Amtsinhaber und Merkel die Oppositionschefin.

Wie man aus einem objektiven Nachteil – nicht im Bundestag vertreten zu sein – einen Vorteil machen kann, führt gerade Christian Lindner für die FDP vor. Auf ihren Plakaten heißt es: „Jetzt wieder verfügbar: Wirtschaftspolitik.“ Das verfängt. Zumindest bei Allensbach sind die Liberalen drittstärkste Kraft, vor der Linken, Grünen und AfD. Die Diesel-Affäre lenkte immerhin die Aufmerksamkeit auf ein klassisches Thema der Grünen, auf die Umweltfrage. Hingegen gab es für die AfD schon mal günstigere Zeitfenster, zum Beispiel auf dem Höhepunkt der Euro- und der Flüchtlingskrise. In gewisser Weise leichter hat es die Linke, seit klar geworden ist, dass die SPD nicht um sie wirbt. Das erspart der Linken, irgendwelche Kompromisse mit Blick auf künftige Koalitionen gedanklich durchzuspielen. Bei ihr wissen auch Unentschlossene, was sie bekommen, nämlich Linke pur.

Merkel schließt nur eine Zusammenarbeit mit Linken und AfD aus. Ihr Vorteil ist, dass den Umfragen zufolge alle anderen Optionen nicht nur politisch denkbar, sondern auch rechnerisch machbar sind, wohingegen Schulz aktuell potenziell keine Machtoption hat. Selbst im Dreierbündnis mit FDP und Grünen hat er keine Mehrheit.

Merkel hat ein Alleinstellungsmerkmal: Das ist ihr Amtsbonus, und den nutzt sie gnadenlos aus. Die Kanzlerin ist überall begehrt. Sie kann bestimmen, mit wem und wann sie spricht. Gerade gab sie „Bundeswehr aktuell“ ein Interview, sprach mit der ADAC-Mitgliederzeitung „Motorwelt“ und verriet der „Bunten“, dass ihr Ehemann „oft für uns einkauft“, sodass sie sich „auf den Wahlkampf konzentrieren kann“. So spricht sie unterschiedliche Milieus und Schichten an. Unentschlossene sind ja nicht nur Menschen, die sich nicht entscheiden können. Häufig haben sie nichts mit Politik zu tun. Die Frage ist nur, wo man sie abholen kann. Die ADAC-„Motorwelt“ hat eine Auflage von 13,5 Millionen. Noch Fragen?

Merkel hatte das Losglück und das letzte Wort beim TV-Duell

Merkel weiß nicht nur, wie sie ein Zielpublikum ansprechen kann, sondern auch, sich in unangenehmen Situationen klein-, unsichtbar zu machen. Den Diesel-Krisengipfel mit all seinen negativen Schlagzeilen überließ sie ihrem Verkehrsminister. Das Gespräch mit Kommunen über „moderne Verkehrskonzepte“ aber führt sie im September selbst, selbstredend arbeitet sie daran, „Fahrverbote zu verhindern“. So besetzt sie Themen positiv und in einer Art und Weise, die Schulz ausschließt. Er kann zwar auch mit den Kommunen sprechen, aber nicht für den Bund. Er strebt die Macht an, die sie bereits hat. So ist der Wahlkampf auch eine Studie über den Amtsbonus, über die Vorteile des Regierungsapparates. „Airforce One wegen Würselen“, sagt Schulz dazu und hält trotzig dagegen: „Es gibt deutlich mehr Wählerinnen und Wähler in Städten wie Würselen in der Airforce One“.

Schulz glaubt, dass die Union am 24. September Opfer ihrer eigenen Strategie wird und große Teile ihrer Anhänger die Wahl „schon für entschieden halten“. Damit sie doch wählen gehen, ist Merkel auf allen Kanälen. Am Wochenende ist sie in der ARD, ein paar Tage später tritt sie vor der Bundespressekonferenz auf, Anfang September folgt das TV-Duell mit Schulz. Die gute Nachricht ist: Vor vier Jahren drängte ihr damaliger Herausforderer Peer Steinbrück sie so in die Ecke, dass sie nicht mehr ausweichen konnte und Stellung bezog: Sie erteilte der Pkw-Maut eine Absage.

So einen Coup könnte auch Schulz erzielen. Die schlechte Nachricht ist: Merkel gewann die Wahl. Die Maut kam trotzdem, der Wortbruch (Sigmar Gabriel) schadete ihr nicht. Schulz braucht beim Duell einen perfekten Abend. Das letzte Wort wird er nicht haben. Über das Schlussstatement haben SPD und Union gestritten und am Ende das Los entscheiden lassen. Merkel gewann.

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