Berlin

Am Südkreuz startet Pilotprojekt zur Gesichtserkennung

Die sechsmonatige Testphase begann in der Nacht von Montag zu Dienstag. Die Reaktionen reichen von Ablehnung bis Zustimmung.

Am Bahnhof Südkreuz weisen Bodenaufkleber auf Erkennungsbereiche zur Gesichtserkennung hin

Am Bahnhof Südkreuz weisen Bodenaufkleber auf Erkennungsbereiche zur Gesichtserkennung hin

Foto: Jörg Carstensen/dpa

Dass die neue Videotechnik zur Gesichtserkennung im Bahnhof Südkreuz die Gemüter spaltet, kann man bereits an den Reaktionen der Bahnhofsbesucher ablesen. Ein Mann stockt beim Betreten der Bahnhofshalle, liest die Hinweise auf dem Boden und entscheidet sich dann, seinen Fahrradhelm vor das Gesicht zu halten, während er sich samt Fahrrad seinen Weg zu den Gleisen bahnt. Seine Begleiterin muss lachen und schiebt ihr Fahrrad neben ihm her – ohne Helm vorm Gesicht.

In der Nacht von Montag zu Dienstag wurde am Bahnhof Südkreuz die neue Videotechnik scharf geschaltet. Blaue Hinweispfeile weisen Reisende darauf hin, welcher Teil des Bahnhofes mit Gesichtserkennung überwacht wird und welcher nicht. In einer ersten Phase des Projektes geht es um die Gesichtserkennung. In einer zweiten Phase soll die Software auch gefährliche Situationen erkennen und Alarm schlagen können. Der Testlauf ist auf sechs Monate ausgelegt. "Danach gehen wir in die Auswertung", sagte Bundespolizei-Sprecher Jens Schobranski der Berliner Morgenpost.

An dem Test beteiligen sich 300 Freiwillige

Getestet wird die neue Technik an 300 Freiwilligen in zwei Zonen. Eine ist am Eingang Hildegard-Knef-Platz. Auf drei der sechs Türen sind Kameras mit Gesichtserkennung gerichtet. Die zweite Zone ist an der Treppe vom Bahnsteig zur Westhalle. Dort werden Teile der Rolltreppe und der normalen Treppe erfasst. Für den Test wurden von der Bundespolizei drei Hersteller unterschiedlicher Systeme im Bereich der Gesichtserkennungstechnik ausgewählt. Einer der 300 Freiwilligen, die bei der Erprobung mitmachen, ist Uwe Köpsel. Der ehemalige Bundeswehr-Mitarbeiter hatte sich sofort, nachdem er von dem Projekt erfahren hatte, freiwillig gemeldet. Für den Testlauf wurden seine Daten erfasst und biometrische Fotos angefertigt. Außerdem trägt der Berliner einen kleinen Transponder bei sich. So soll das System erkennen, dass er auch tatsächlich am Bahnhof ist. Diese Daten werden dann mit denen der Kamera verglichen. So soll die Fehlerquote bestimmt werden. "Wir dürfen technisch nicht stehen bleiben. Deshalb unterstütze ich den Testlauf", sagte Köpsel der Berliner Morgenpost.

Doch längst nicht alle sind bei dem neuen Projekt so aufgeschlossen. Benjamin Kees vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Er sagt, dass die Gesichtserkennung schon unter Laborbedingungen – mit perfektem Licht und idealer Perspektive – eine zu hohe Fehlerquote aufweise. "Es reicht, wenn ich auf den Boden schaue oder mir einen Schal ins Gesicht ziehe", sagt Kees. Der Informatiker fordert, dass das Geld lieber an anderer Stelle ausgegeben werden soll. "Zum Beispiel für mehr Sozialarbeit auf der Straße. Das ist besser, als massenhaft Grundrechte unbescholtener Bürger einzuschränken", sagt Kees.

Innenminister: Öffentliche Plätze müssen sicher sein

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) verteidigte den sechsmonatigen Test mit Freiwilligen gegen Kritiker. "Unsere öffentlichen Plätze müssen sicher sein", so der Minister. Videoüberwachung schrecke ab und helfe bei der Aufklärung von Straftaten. Der Innenminister will sich am 24. August die Erprobung der Technik in dem Bahnhof ansehen und das Projekt dann offiziell vorstellen. Beim offiziellen Start eines der wichtigsten Sicherheitsprojekte der vergangenen Jahre war kein Ministeriumsvertreter vor Ort.

Zu den größten Kritikern des Innenministers gehört neben den Datenschützern der Deutsche Anwaltsverein. Dessen Vorsitzender Ulrich Schellenberg hat zwar kein Problem mit dem Test, weist aber daraufhin, dass es für einen flächendeckenden Einsatz keinerlei Rechtsgrundlage gibt. "Hier greift der Staat schwerwiegend in Grundrechte ein", sagt Schellenberg.

Zugriff auf die Daten haben allein Strafverfolgungsbehörden

Bundesweit werden etwa 900 Bahnhöfe mit mehr als 6000 Videokameras überwacht. In rund 50 großen Bahnhöfen werden die Videobilder live ausgewertet. Auch die Bundespolizei kann diese Bilder verfolgen. Zugriff auf die aufgezeichneten Videodaten haben laut Innenministerium allein die Strafverfolgungsbehörden sowie die Bundespolizei. Problematisch ist, dass die Daten händisch ausgewertet werden müssen. Speziell geschulte Ermittler schauen sich die Aufnahmen an und hoffen, dass sie darauf etwas erkennen. Denn die Aufnahmequalität ist nicht überall so gut wie am Bahnhof Südkreuz, der über modernste Technik verfügt.

Ein aktuelles Beispiel war der Fall des Syrers Dschaber al-Bakr, der sich im Oktober vergangenen Jahres in einer Gefängniszelle in Leipzig erhängt hatte. Al-Bakr stand im Verdacht, Mitglied der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu sein und einen Terroranschlag in Berlin verüben zu wollen. Dafür hatte er den Flughafen Tegel ausgekundschaftet. Ermittler mussten Stunden von Videomaterial mit Tausenden Reisenden sichten. Softwaregesteuert wäre das um ein Vielfaches schneller gegangen.

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