Schönefeld

Zwei Flughäfen und ein ganz großes Problem

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Joachim Fahrun
BER-Gegner fragen sich, wann die SPD ihre damalige Idee "verraten" habe

BER-Gegner fragen sich, wann die SPD ihre damalige Idee "verraten" habe

Foto: dpa Picture-Alliance / Gregor Fischer / picture alliance / Gregor Fische

1995 sah die Berliner SPD die Schwierigkeiten eines stadtnahen Airports in Schönefeld klar voraus – geholfen hat es ihr nicht.

Wer am Abend verspätet an einem ausländischen Flughafen startet, um nach Berlin zu fliegen, hat im Moment schlechte Karten. In der Nacht zum Montag konnten allein drei Easyjet-Maschinen aus Nizza, Pisa und London nicht in Schönefeld landen, weil sie es nicht vor Mitternacht zum Boden geschafft hätten. Seit am Flughafen die für 24-Stunden-Betrieb zugelassene nördliche Landebahn saniert wird und die Jets die neue Südpiste nutzen, gilt auch am SXF ein Nachtflugverbot. Reisende berichten vom Chaos am Flugplatz Rostock-Laage: keine Infos, keine Taxis, kein Essen. Die Airline hatte drei Busse geschickt, die längst nicht für alle Gestrandeten reichten. Die Glücklicheren waren um vier Uhr morgens in Schönefeld.

Nach Mitternacht landen verspätete Jets in Rostock

Die Vorkommnisse der letzten Wochen bieten einen Vorgeschmack auf das, was nach einer Eröffnung des BER die Regel sein könnte. Bisher wichen verspätete Flieger in nächtlichen Randzeiten gerne nach Schönefeld aus. Weil auch am BER nachts nicht gelandet werden soll, wird das künftig nicht mehr möglich sein. Mehr Umleitungen werden die Folge sein.

Auch solche Erfahrungen versorgen die Debatte um Berlins Flughafenpolitik mit neuer Nahrung. Jüngst hatte der Marketing-Vorstand der irischen Billigfluglinie Ryanair, Kenny Jacobs, bereits für Berlin einen dritten Flughafen gefordert. Das Echo fiel verhalten aus. Denn die Stadt streitet gerade darüber, ob der Flughafen Tegel offen bleiben sollte, wenn der BER vielleicht 2019 oder später ans Netz geht.

Die BER-Gegner der Initiative „Neue Aktion“ um den früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Ferdi Breidbach haben jetzt in ihren Archiven gestöbert und einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen der Frage eines weiter außerhalb gelegenen Flughafens und der Schließungsdebatte um TXL und BER zutage gefördert. Die Aktivisten fanden einen Wahlkampf-Flyer der SPD für die Abgeordnetenhauswahlen vom November 1995. Damals ging es auch um die Standortfrage für einen neuen Flughafen.

Berliner sollten sich damals für Schließung aller innerstädtischen Flughäfen einsetzen

Die damalige SPD-Spitzenkandidatin Ingrid Stahmer fordert darin die Berliner auf, sich für die „Schließung aller innerstädtischen Flughäfen“ einzusetzen. Dazu zählte die damalige Senatorin wegen der Nähe zum südlichen Stadtrand auch Schönefeld. Stattdessen sollte ein großer, internationaler Umsteige-Airport 40 Kilometer südlich Berlins in Sperenberg errichtet werden, mit 24-Stunden-Flugbetrieb und leistungsfähigem Schnellbahnanschluss. Stahmer formulierte weitblickend das Dilemma, das mehr als 20 Jahre später die Stadt einholt: In Schönefeld könne es keinen 24-Stunden-Betrieb geben, viel zu viele Menschen lebten in der Nähe, und die Verkehrsanbindungen seien nur „begrenzt ausbaubar“, heißt es in dem Flugblatt: „Schönefeld kann also gar nicht so weit ausgebaut werden, dass Tempelhof und Tegel überflüssig werden“, so Stahmer in dem Wahlkampf-Flyer: „Mindestens der Flughafen Tegel müsste auf Dauer weiter betrieben werden.“ Die SPD-Spitzenfrau formulierte das, was heute die FDP und die Unterstützer des Tegel-Volksentscheides sagen und worüber die Wähler am 24. September abstimmen sollen.

Für ihre Weitsicht wurde Stahmer übrigens nicht belohnt. Die Berliner SPD verlor die Wahl 1995 deutlich. Eberhard Diepgen (CDU) blieb Regierender Bürgermeister. 1996 setzte er gemeinsam mit Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) und Brandenburgs Regierungschef Manfred Stolpe (SPD) durch, dass der Großflughafen in Schönefeld entstehen sollte. Für entsprechende Überlegungen kritisierte SPD-Spitzenkandidatin Stahmer die CDU-geführte Bundesregierung, die sich nur die Anbindungskosten für das weiter entfernte Sperenberg sparen wolle. Im Kabinett Kohl saß seinerzeit als Wirtschaftsminister auch der Berliner FDP-Politiker Günter Rexrodt.

BER-Gegner setzen auf Neustart nach der Wahl

Die BER-Gegner jedenfalls fragen sich, wann die SPD ihre damaligen Ideen „verraten“ habe. Sie setzen auf eine Wende in der Flughafenpolitik nach der Bundestagswahl und der Volksabstimmung über Tegel. Tatsächlich sind die Terminalkapazitäten am BER der größte Engpass. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup geht davon aus, 45 Millionen Passagiere ab 2021 abfertigen zu können, 2017 werden circa 35 Millionen erwartet. Bis 2040 plant der Flughafenchef den Ausbau auf 55 Millionen Fluggäste. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Flughafenexperten gehen von einer höheren Nach­frage aus und zweifeln an den Ausbauplänen.

Wechsel: Die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg hat einen neuen Kommunikationschef. Den Posten übernimmt Hannes Hönemann (50). Er arbeitete acht Jahre als Sprecher des Energiekonzerns Vattenfall in Berlin. Davor war er Sprecher der Berliner SPD. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup war bis März SPD-Staatssekretär.

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