Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.

Der Mann, der Berlin heilen will

Spaziergänge haben normalerweise mit Bewegung zu tun. Wer spaziert, streift durch den Raum. Dieser Spaziergang beginnt anders, statisch an einem Schreibtisch. Darauf eine dicke Mappe, die der Architekt Franco Stella nicht aus den Augen lässt. Darin: Architekturpläne, ein vorgeschriebener Text, E-Mails. Stella wird daraus die längste Zeit unseres Zusammentreffens zitieren. Sein Anker. Sicher ist sicher.

Die anfängliche Bewegungslosigkeit hat aber auch einen anderen Grund. Stella muss momentan mit Krücke laufen. Sein Knie ist kaputt. Also sitzen wir in seinem Büro, wohin Stella zu Beginn geladen hat. Simple Möbel in einem unspektakulären Neubau mit niedriger Decke an der Fischerinsel in Mitte. Nur 500 Meter weiter die riesige Baustelle des Stadtschlosses, dessen Architekt er ist. Von hier oben aber sieht man nichts davon. Nur an den Wänden hängen ausgedruckte Simulationen.

Wie steht es denn nun um das Schloss? Statt direkt zu antworten, kramt Stella in der Mappe. Da ist sie, die Schrift über seine Sicht auf die Stadt Berlin und die Einordnung seines Entwurfs. Ordentlich in Punkte unterteilt, gefettet, irgendwo daneben noch weitere Antwortmöglichkeiten auf eventuelle Fragen, von Hand geschrieben.

Nie zuvor in der gesamten Stadtgeschichte wurden so viele frei stehende Wohnhäuser in inselartigen Wohngebieten konstruiert und gleichermaßen so wenig ‚Stadt‘ gebaut wie in der Nachkriegszeit Berlins.

So spricht er, fast druckreif. Er redet langsam, bedächtig. Über Ökonomie, Stadtplanungen, über Siedlungen wie die Gropiusstadt. Misslungene Orte, wie er findet, fast isoliert vom Rest. Investoren und ökonomische Erwartungen hätten die Dimension dieser Wohnquartiere bestimmt.

Es ist, als würde man einem Professor in der Vorlesung zuhören. Dass man genau das soll, also zuhören, signalisiert der 74-Jährige einem unmissverständlich, indem er kaum eine Unterbrechung zulässt. Er wird lauter, wenn man versucht, das Gespräch mit Kommentaren dynamischer zu machen. Nein, er will sich auf keinen Fall unterbrechen lassen; die Sachen, die er sagen will, sollen ja genau so gesagt werden.

Was ist los? Franco Stella ist empfindlich geworden. Die endlose Debatte um das Schloss hat ihm zugesetzt. „Eine Residenz der Kälte“ entstünde in Mitte, schrieb die „Zeit“. Der „Spiegel“ nannte den Entwurf abfällig „brav-monoton“. Die „taz“ bewertete den Schlosswiederaufbau als hoffnungslos „rückwärtsgewandt“. Dabei wäre es falsch, in Stella nur einen Vertreter des Gestern und Verächter des Modernen zu sehen.

Ich erachte das Alte Museum Schinkels als auch die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes als herausragende Beispiele von gleichzeitiger Schönheit der Stadt und der Architektur.

Schönheit – darum geht es ihm. Sie ist für den Mann aus Vicenza, 60 Kilometer nördlich von Venedig, eine Selbstverständlichkeit. Wie schön sind die Städte Venetiens, ihre Piazzas, Palazzi und Stradas. Womöglich hat er einen Teil der Kritik, die er sich wegen „seines“ Stadtschlosses anhören musste, nie wirklich nachvollziehen können. Paläste, sie sind für ihn eine Selbstverständlichkeit, ob alt oder neu.

Das neue Schloss – eine Kombination aus dem rekonstruierten barocken Schloss samt seiner später gebauten Kuppel und neuen, modernen Bauteilen – übernehme die wichtigsten architektonischen Eckdaten des ehemaligen Schlosses und entwickele sie weiter, erklärt er. Das barocke Schloss als „vierflügeliger Palast“, die Schlossportale als offene „Stadttore“ und die der Innenhöfe als öffentliche „Stadtplätze“.

Eine „Stadt in Form eines Palastes“ sei sein Werk. Lustgarten, Dom, die Spree drumherum, Unter den Linden. Eine mehr als hoheitliche Gegend, die vor Geschichte nur so strotzt. Und an dieser Stelle: einst Residenzschloss, nach 1945 halb intakte Ruine, um 1950 der Abriss, 1976 Eröffnung des Palasts der Republik, ab 2006 dessen Abriss.

Mit Stella geht es also nun zurück zum Ursprung. Der Mann, der halb in Berlin und halb in seiner Heimat, einer Palladiostadt, wie er sagt, lebt, findet, das fehlende Schloss sei viel mehr als nur das Auslöschen eines Baus gewesen. Es war die Zerstörung des Ausgangs- und Schlusspunktes eines Boulevards.

Da ist er wieder, der Italiener – der Mann, der von einer intakten Stadt Berlin träumt; einer Stadt, die bislang von ihren Versatzstücken, seinem Nicht-Zueinanderpassen lebt. Er dagegen will Berlin seinen Mittelpunkt zurückgeben. Stella erklärt und erklärt, alles in seinem überraschend guten und doch stark vom Italienischen geprägten Deutsch.

Kurze Pause. Durchatmen. Er blättert in seinen Aufzeichnungen. Herr Stella, versucht man sein Schweigen zu nutzen. Einen Moment bitte, er wolle nur kurz noch etwas sagen, unterbricht er gleich wieder, während er sucht.

Stella scheint zu befürchten, nicht richtig verstanden zu werden. Sprachlich. Und inhaltlich. Manchmal klopft er im Takt seiner Worte energisch mit dem Zeigefinger auf den Tisch, um auch jedes Wort mit Vehemenz beim Zuhörer abzuliefern. Man traut sich nicht, einzuhaken, klappt ja eh nicht.

Woher er eigentlich so gut Deutsch könne, gelingt es nun doch spontan dazwischenzuschieben. Aus der Schule. Außerdem komme er schon seit den 70er-Jahren regelmäßig nach Berlin, ergänzt er. Stella sucht noch immer nach irgendeiner Information. Da ist sie, weiter geht es. Diesmal geht es um die Flügel seines Palastes.

Nein, nein, nein – so geht es nicht weiter. Diese Palastflügel, schlägt die Autorin vor, die könne man sich ja später direkt vor Ort ansehen. Doch bis dahin brauche es mehr menschliche Momente, mehr Privates. Wer ist er, Franco Stella? Wie lebt er? Was mag er? Ein Porträt kann man nicht auf der Grundlage einer solchen Vorlesung schreiben. So wird es nicht klappen, Herr Stella.

Tatsächlich, er lässt von seinem Anker, seiner Infomappe ab, schaut amüsiert hoch. In leicht kokettierendem Tonfall kommt die Gegenfrage, was man denn so wissen wolle? Dass er Espresso trinke? Keine Krawatte trage? Zu welchem Friseur er gehe? Nun lacht er sogar. Ohne eine Reaktion abzuwarten, sagt er dann aber schnell, dass so etwas vielleicht interessant bei Schauspielern sei. Er aber wolle als Architekt wahrgenommen werden. Punkt.

Er scheint bereits geahnt zu haben, dass seine und die Vorstellung des Interviewers auseinanderlaufen würden. Es war ja nicht nur der ideologische Gegenwind, der ihm entgegenschlug. Sondern auch der formale. Es hieß zwischenzeitlich sogar, die Ausschreibung 2008 sei nicht korrekt verlaufen. Es habe formale Mängel gegeben. Zum Zeitpunkt des Gewinns hatte er nicht genug feste Architekten in seinem Büro, so wie es Voraussetzung gewesen wäre.Überhaupt sei er ein Unbekannter in der Szene. Habe er überhaupt andere große Bauwerke vorzuweisen?

Mit so viel Gegenwind zurechtzukommen, sich immer falsch verstanden zu fühlen, das muss prägen. Irgendwann hat er sich wohl einen Panzer übergezogen, einfach dichtgemacht nach außen hin. Immerhin ging es ja häufig auch gegen ihn als Person. Wer nicht ganz knallhart und abgebrüht ist, den muss das doch irgendwie treffen. „Oder nicht, Herr Stella?“ Nein, sagt der nur, und fragt spöttisch zurück, ob der Interviewer womöglich Psychologe sei? Und ohne zu Zögern fügt er hinzu, dass ihm doch alle dafür zuständigen Gremien am Ende recht gegeben hatten. Wieso also noch darüber nachdenken?

So, Schluss jetzt – dies ist ein Spaziergang, Zeit für den Aufbruch! Die Zeit ist schon weit fortgeschritten. „Wollen wir noch eben zum Schloss?“ Die 500 Meter überwinden. Ja, Stella nickt, aber nicht ohne seine Mappe. Es braucht eine Weile, bis alles zusammen ist.

Wir laufen langsam zum Fahrstuhl, dann Richtung Leipziger Straße. Wenn Stella nicht im Büro ist, ist er am liebsten in Charlottenburg, erzählt er nun. Dort wohnt er jedes Mal in einem Hotel. Auch weil er da keinen Haushalt schmeißen muss, sagt er. Charlottenburg gefällt ihm, auch weil man fühlt, dass es langsam gewachsen ist. Er mag es eben, das Alte. Und wenn Neues, dann im Dialog mit Bestehendem.

Ankunft da, wo er genau das versucht. Das gigantische Schloss. Touristen stehen auf der Brücke und blicken auf den Riesen, während niemand weiß, dass dieser grauhaarige, kleine Mann neben ihnen sein Architekt ist. In zwei Jahren werde alles endlich in seiner vollen Dimension sichtbar sein, sagt er. Überwältigung und sympathische Aufregung liegen in der Stimme.

Der Architekt muss nun posieren für das Foto. Endlich gibt er die Mappe aus der Hand. Immer wieder fragt Stella, ob der Fotograf auch die Umgebung im Ausschnitt habe. Schloss, Ostfront, Barockfassade, Dom. Ist alles drauf? Alles drauf, keine Sorge. Er probiert zu lächeln, fast etwas unsicher wirkt er jetzt, zuppelt sich am Hemdkragen, fragt, ob auch da alles gut sitze. Alles gut, ja.

Wie fühlte es sich denn damals an, zum Gewinner erklärt zu werden? Emotional so groß wie das Schloss selbst, sagt er und lacht. Endlich, so ein befreiter Moment. Aber, und da kommt dann doch gleich wieder der Theoretiker durch: Eigentlich habe es ihn nicht überrascht. Fast sicher war er sich, dass nur eine historische Rekonstruktion siegen könnte. Und er hat recht behalten.

Er, so sagt Stella, habe damit Wurzeln geschlagen, sich verewigt in Berlin. Vicenza als Heimat, Berlin als Wahlheimat. Vicenza die Hauptstadt der Renaissance, Berlin die der Moderne. Verschiedener geht es kaum. Am Schloss vereint er genau das: Altes und Neues. Kritik hin oder her, Stella ist nun Architekt dieser Stadt. Ob er damit wirklich die Mitte Berlins wiederherstellt, das wird sich zeigen.