Hongkong

Guter Bürger, böser Bürger

Kontrolle der Menschen via Internet – was nach orwellschem Horror klingt, ist in China vielleicht bald Realität

Hongkong.  Wer bei Ebay einkauft, für den ist es völlig normal, seine Zahlungsmoral anschließend bewerten zu lassen. Umgekehrt können Ebay-Käufer Sterne verteilen, wenn der Anbieter das einhält, was er verspricht. Banken prüfen bei der Kreditvergabe sehr genau, ob ihr potenzieller Kunde finanziell abgesichert ist. Was aber die chinesische Regierung derzeit vorbereitet, geht einen gewaltigen Schritt weiter.

Sie erwägt, künftig das Nutzerverhalten ihrer Bürger im Internet nicht nur genau zu erfassen, sondern es auch begutachten zu lassen. Nutzer, die über das Internet etwa gesunde Babynahrung oder Bücher kommunistischer Staatsführer bestellen, sollen Pluspunkte erhalten. Gleiches gilt für Bestellungen von umweltfreundlichem Papier oder Gemüse aus dem Umland. Wer sich hingegen Sex-Videos im Netz ansieht oder zu viel modische Kleidung bestellt, muss mit Minuspunkten rechnen. Vor einem Jahr hatte Chinas Regierung die Einführung eines "Social Credit System" angekündigt, eine Art Schufa für so gut wie alle Belange des gesellschaftlichen Lebens. In der chinesischen Online-Community ist seitdem von "Citizen Scoring" die Rede.

Bislang ist die Teilnahme an Punktesystemen freiwillig

Noch sind es Überlegungen. Doch den Entwürfen zufolge will China das gesamte Verhalten seiner Bürger im Internet erfassen und dafür Punkte vergeben. Verkehrsdelikte oder Steuersünden sollen ebenso in die Bewertung einfließen, wie soziales und politisches Verhalten. Wer häufig etwa regierungskritische Kommentare verfasst, soll neben der ohnehin drohenden politischen Repression via Citizen Scoring künftig Minuspunkte erhalten, die dann für alle einsehbar sind.

Vorgesehen ist, dass Nutzer mit einer hohen Punktzahl, die diesen Wert auch halten können, vergünstigte Kredite oder Gutscheine für Auslandsreisen erhalten. Wer hingegen konstant niedrig bewertet wird, muss sogar damit rechnen, seinen Job zu verlieren. Über eine Smartphone-App kann sich jeder über den eigenen Punktestand informieren. Nicht nur Behörden, Banken und Einkaufsplattformen sollen Einsicht erhalten, sondern auch Unternehmen und sogar Reiseveranstalter sowie Fluggesellschaften.

Ausgangspunkt dieser Überlegungen sind zahlreiche Berichte über das rüpelhafte Verhalten vieler chinesischer Touristen der vergangenen Jahre, insbesondere im Ausland. Seitdem sich immer mehr Chinesen Fernreisen leisten können, häufen sich weltweit die Klagen über ihr Benehmen. Sie drängeln, unterhalten sich sehr laut und schreien in ihre Smartphones. Beim Trinkgeld knausern sie, lassen in Hotels Besteck und Handtücher mitgehen. Obwohl sie als kaufkräftig gelten, haben in Frankreich einige Pensionen bereits die Aufnahme von Reisegruppen verweigert. Als die Stewardess einer thailändischen Fluggesellschaft im vergangenen Jahr nicht gleich parierte, wie es der chinesische Fluggast wollte, kippte er heißes Wasser über sie. Daraufhin hatte die Staatsführung vor drei Jahren ein Gesetz verabschiedet, das schlechtes Benehmen von Touristen im Ausland unter Strafe stellt. Chinesische Reisende, die unangenehm im Ausland auffallen, landen seitdem auf schwarzen Listen und erhalten Reiseverbot.

Daten von einer halben Milliarde Nutzer gesammelt

Die nun vorgelegten Pläne zum Citizen Scoring gehen aber noch einen deutlichen Schritt weiter. Die chinesische Führung wirbt für ihr Vorhaben mit der Begründung, dass ebenso Firmen bewertet würden und die Ergebnisse für jeden dann öffentlich einsehbar seien. Nach diversen Milchpulver- und Gammelfleischskandalen begegnen viele Bürger der Lebensmittelindustrie mit Misstrauen. Das Sammeln von Big Data werde "tief in das Wirtschaftsleben eingreifen", warnt Sebastian Heilmann vom Berliner China-Institut Merics. Auch deutsche Unternehmen würden damit Gefahr laufen, "die Kontrolle über sensible Daten zu verlieren".

Bislang ist die Teilnahme freiwillig. Doch den Plänen zufolge könnte es schon 2020 zur Pflicht für jeden chinesischen Staatsbürger werden, sich mit seiner Personalausweisnummer für eines dieser Punktesysteme registrieren zu lassen. Schon jetzt erproben diverse chinesische Online-Dienste in Pilotprojekten unterschiedliche Bewertungssysteme. Derzeit am weitesten verbreitet ist der Dienst von "Sesame Credit", hinter dem Chinas größter Online-Konzern Alibaba steht. Mit seinen Handelsplattformen Taobao und Tmall hat Alibaba bereits jede Menge Daten von nahezu einer halben Milliarde Nutzer gesammelt. "Wer zehn Stunden am Tag vor dem Rechner sitzt und Videospiele spielt, dürfte nicht gerade sehr agil sein", wird Li Yingyun von Sesame Credit in dem chinesischen Wirtschaftsmagazin Caixin zitiert. Der erhalte dann schon jetzt Minuspunkte. Wer hingegen häufig gesundes Gemüse online bestellt, zeige Gesundheitsbewusstsein. Das wird positiv bewertet.

Auch Tencent, der Betreiber des in China weit verbreiteten Kurznachrichtendienstes Weixin (WeChat), testet ein System, dass das Verhalten seiner Nutzer bewertet. Auf Geheiß der chinesischen Führung durchleuchtet Tencent schon jetzt immer wieder die Einträge der Nutzer und lässt dann politisch Heikles löschen. Wer also künftig häufig regierungskritische Kommentare verfasst, soll neben der ohnehin schon drohenden politischen Repression künftig zusätzlich auf seinem Citizen Scoring Minuspunkte erhalten.

Citizen Scoring gehe weit über Maßnahmen für höflichere Bürger im Ausland und eine bessere Unternehmensmoral hinaus, kritisiert daher der chinesische Netzaktivist Wang Bo. Der Schritt zum komplett gläsernen Menschen sei dann nicht mehr weit.

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