G20-Gipfel

Die Hamburger räumen das Schanzenviertel auf

Auch in der dritten Nacht kam es zu Ausschreitungen. Anwohner beseitigen die Spuren der Gewalt. Steinmeier besucht verletzte Polizisten.

Im Schanzenviertel haben die Hamburger am Sonntag Besen und Kehrblech in die Hand genommen.

Im Schanzenviertel haben die Hamburger am Sonntag Besen und Kehrblech in die Hand genommen.

Foto: Bodo Marks / dpa

Hamburg.  Sie picken mühsam Glasscherben aus dem Kopfsteinpflaster, kratzen Schmierereien von Scheiben und fegen verbranntes Plastik zusammen. Tausende Menschen folgen dem Facebook-Aufruf von Rebecca Lunderup und treffen sich am Sonntagmittag in der Hamburger Sternschanze zum großen Aufräumen.

Wie eine Protestwelle ziehen die Helfer durch die Straßen, ausgestattet mit vielen roten Eimern, Besen, Handschuhen und Müllsäcken. Sie sind gekommen, nicht nur um den Müll zu beseitigen, sondern auch um ein Zeichen zu setzen: „Das hier zeigt, wie Hamburg wirklich ist. Das ist so ein großer Zusammenhalt“, sagt Lunderup.

Schon im Vorfeld war ein Großteil der Hamburger gegen den Gipfel

Am Tag nach dem G20-Gipfel bleiben in Hamburg Scherben zurück – auch politisch. In der Sternschanze hat ein Anwohner ein Transparent vom Balkon gehängt: „Herr Scholz, wir müssen reden.“ Schon vor dem Gipfel war ein Großteil der Hamburger gegen den Polit-Gipfel in der Hansestadt.

Erneut nächtliche Zusammenstöße im Schanzenviertel
Erneut nächtliche Zusammenstöße im Schanzenviertel

Jetzt gerät Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel das Treffen der Industrienationen nach Hamburg geholt hatte, unter Druck. Die CDU-Opposition fordert seinen Rücktritt, Linke und AfD verlangen in seltener Union einen Untersuchungsausschuss. Hat Scholz die Sicherheitslage falsch eingeschätzt? „Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus“, hatte der SPD-Mann im Juni gesagt.

Es bleiben vor allem die Bilder der Gewalt

Doch neben den vielen friedlichen Demonstrationen, den Tagungen linker Gruppen und natürlich dem G20-Gipfel selbst bleiben vor allem die Bilder der Gewalt. Auch wenn die Lageeinschätzungen der Sicherheitsbehörden von deutlich mehr linksextremistischen Gewalttätern ausgegangen waren, so hatten Polizei und Verfassungsschutz immer gewarnt: Es wird Gewalt geben.

Nach einem Einschreiten der Polizei in einen Block Vermummter bei einer Demonstration am Donnerstag kam es zur Eskalation. Randalierer steckten noch bis Sonntagmorgen in der Stadt Autos in Brand, bauten Barrikaden, plünderten Geschäfte. Am Freitag bekam die Polizei die Lage erst durch das Sondereinsatzkommando in Griff.

Auch viele Gipfel-Gegner sind vom Ausmaß der Gewalt erschüttert

476 Polizisten wurden verletzt, auch etliche Demonstranten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte mit Scholz am Sonntag verletzte Polizisten im Krankenhaus und sprach mit Anwohnern und Ladenbesitzern, deren Eigentum zerstört wurde.

Nacht der Gewalt in Hamburg
Nacht der Gewalt in Hamburg

Radikale Linke, aber auch einzelne friedliche G20-Gegner geben der Polizei durch hartes Vorgehen am Donnerstag eine Mitschuld am Ausbruch der Gewalt. Politik, Polizei und viele Gipfel-Gegner zeigen sich dagegen erschüttert. Der Präsident der Bundespolizei, Dieter Romann, spricht gegenüber dieser Redaktion von einer „neuen Dimension linksterroristischer und autonomer Gewalt“. Mit „bedingtem oder bewusstem Tötungsvorsatz musste man nicht rechnen“. Von den Gerichten erwarte er Urteile mit abschreckender Wirkung.