Gipfel

Eine Nacht der Gewalt – War die Polizei bei G20 überfordert?

| Lesedauer: 6 Minuten
Christian Unger und Christoph Heinemann
Aktivisten stehen in der Nacht zum Samstag auf dem Schulterblatt im Schanzenviertel.

Aktivisten stehen in der Nacht zum Samstag auf dem Schulterblatt im Schanzenviertel.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Barrikaden, Plünderungen, Gewalt auf der Straße: Die Lage in der Nacht zum Samstag eskalierte bei G20. Einige Eindrücke aus der Nacht.

Hamburg.  Die junge Frau hockt in einem Hauseingang, wischt sich Schweiß von der Stirn. Sie zieht ihre schwarze Jacke aus, und das schwarze Tuch über ihren Kopf. Dann spült sie sich die Augen mit Wasser aus einer Flasche aus. Vor dem Hauseingang brennen Türme aus Holzlatten, Plastik und Mülltonnen. Die Restaurants und Cafés auf der „Piazza“ hatten ihre Schaufenster mit Pressholzplatten verrammelt, andere die Rollläden runtergezogen.

Alle hier ahnten es, irgendwie.

Und irgendwann, als die Nacht über der Sternschanze vom Scheinwerfer der Hubschrauber zerschnitten wird, brennen die Augen. Tränengas.

Immer wieder neue Gewaltaktionen

Die junge Frau im Hauseingang sagt auf Englisch mit Akzent, dass sie aus Paris angereist sei. Dass es gut laufe für sie und die anderen schwarz Vermummten. Man habe das Viertel unter Kontrolle. Die „Cops“ seien zurückgedrängt, hinter die Barrikaden aus Metallzäunen und Fahrradständern, aus Holzpaletten und Plastikmüll. Ein Mann mit Regenjacke und Handschuhen zieht einen Einkaufskorb hinter sich her. Er schleppt neue Glasflaschen an. Rauch steigt über dem Viertel auf. Den „G20 zum Desaster machen“ sei ihr Ziel, sagt die Frau. Dann rennt sie zurück auf die Straße.

Es ist kurz vor Mitternacht, die Polizei hat sich von dem Platz vor dem linksautonomen Zentrum „Rote Flora“ zurückgezogen. Wasserwerfer und Polizeiketten stehen erst einige Meter hinter den brennenden Barrikaden. Sie haben die Sternschanze den Steinewerfern überlassen. Seit mehr als drei Stunden.

Immer wieder berichten die Polizei, Anwohner oder Journalisten von neuen Gewaltaktionen. Die Randalierer plündern den Drogeriemarkt „Budnikowsky“, auch einen Supermarkt im Viertel und einzelne andere Geschäfte. Nur mit Mühe kann die Feuerwehr in einzelnen Fällen verhindern, dass die Flammen auf Wohnhäuser übergreifen. Laut Polizei sind zu dieser Zeit rund 1500 Linksextremisten im Viertel. Viele der Militanten sprechen Deutsch, einige aber auch Englisch, Italienisch, Spanisch und Russisch. Die Polizei nennt noch keine Details und Zahlen zu den Randalierern.

Nacht der Gewalt in Hamburg
Nacht der Gewalt in Hamburg

SEK-Einheiten durchsuchen Wohnung für Wohnung

Wer über den Fußweg in Richtung Hauptstraße geht, tritt auf Scherben, steigt über Steine und umgeworfene Baustellenabsperrungen.

Vor den geschlossenen Rollläden und in den Hauseingängen stehen Hunderte junge Männer und Frauen mit Bierflaschen in der Hand und schauen der Straßenschlacht zu. Manche grölen, andere feuern die Militanten an oder pöbeln gegen die Polizei, die weit entfernt steht. Nur wenige versuchen, die Brände zu löschen oder die Gewaltberauschten zu bremsen. Einzelne Anwohner sollen per Telefon bei der Polizei um Hilfe gerufen haben. Doch niemand kam.

Kurz vor Mitternacht ploppt über die Onlinemedien eine Nachricht auf. Die Hamburger Polizei hat das Sondereinsatzkommando, das SEK, bewaffnet mit Maschinenpistolen, angefordert.

Die Spezialeinheiten sollen einzelne Altbauwohnhäuser in der Sternschanze stürmen. Laut Polizei haben sich dort einzelne Militante verschanzt, die mit Zwillen und Stahlkugeln auf Beamte auf der Straße schießen. Die SEK-Leute gehen nach Angaben von Anwohnern in jede Wohnung der Häuser, durchsuchen sie nach Gewalttätern. 13 Personen werden festgenommen.

„Hass und Gewalt ein neues Ausmaß erlebt“

In der ersten Gipfel-Nacht, so wird es später der Sprecher der Polizei sagen, haben „Hass und Gewalt ein neues Ausmaß erlebt“. Hat die Polizei die Lage unterschätzt? War sie überfordert mit den „Hotspots“ zwischen Elbphilharmonie, Messehallen und Sternschanze? Die Opposition in der Bürgerschaft fordert schon vor Gipfel-Ende Aufklärung.

Donnerstagabend war die Auseinandersetzung zwischen Gipfel-Gegnern und Polizei eskaliert. Einheiten stürmten mit Schlagstock und Pfefferspray eine Demonstration der radikalen Linken, weil sich der Schwarze Block vermummt hatte. Danach flogen Steine und Flaschen, die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Kurzzeitig brach Panik aus, Schaulustige tummelten sich zwischen Polizisten und Militanten. Demonstranten berichteten von Schlägen durch die Polizei. Verletzte auf beiden Seiten.

Stunden zogen sich die Krawalle einzelner Gruppen von Militanten hin, immer wieder rückten Polizeitrupps aus, Hubschrauber kreisten über der Stadt.

Hundertschaft wegen Übermüdung abgezogen

Der erste Gipfel-Tag bringt keine Ruhe. Im Gegenteil. Kleingruppen zünden in mehreren Stadtvierteln Autos an, zerstören Scheiben und Haltestellen. Manchmal dauert es mehr als zehn Minuten, bis die Einsatzkräfte vor Ort sind. Die Randalierer sind dann längst weg.

Am Morgen des zweiten Gipfel-Tags berichten einzelne Polizisten, dass sie jede Nacht nur ein oder zwei Stunden schlafen würden, dann gehe es schon zum nächsten Einsatz. Nach Information dieser Redaktion hat die Polizeiführung eine Hundertschaft wegen Übermüdung abgezogen. Zur Müdigkeit kommt eine Lage in den engen Straßen und Parks zwischen Sternschanze und St. Pauli, die für die Polizei immer undurchsichtiger wird.

Am Abend meldet die Polizei, ein Beamter habe einen Warnschuss abgeben müssen, weil er umstellt gewesen sei. Kurz darauf stellt sich heraus: Der Vorfall hatte nichts mit dem Gipfel zu tun. Es ging um einen Straßenraub.

„Über Stunden rechtsfreier Raum“

Andreas Blechschmidt von der autonomen „Flora“ distanziert sich noch in der Nacht von den Gewalttätern. Das Bündnis hatte vor dem Gipfel dazu aufgerufen, die Tagung der Mächtigen zu blockieren und stören. Jetzt aber sagt Blechschmidt, es sei eine „Form der Militanz“ auf die Straßen getragen worden, „die sich an sich selbst berauscht hat“. Und dieser Gewaltrausch hält noch Stunden nach Mitternacht an.

Am Morgen steht Cord Wöhlke in seinem Geschäft, der „Budni“-Laden in der Sternschanze. Hinter ihm türmen sich Deoroller, Shampooflaschen und Schokoriegel in den Gängen, von den Regalen gefegt. An die Wand hat jemand „ACAB“ gesprüht – „All Cops Are Bastards“. Wöhlke sagt, dass „über Stunden ein rechtsfreier Raum“ in dieser Straße geherrscht habe. „Die Krawalltouristen haben sich ausgetobt.“

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