G20-Gipfel

Hass und Randale: Wie es zur Eskalation in Hamburg kam

| Lesedauer: 10 Minuten
Christian Unger, Daniel Herder, Theresa Martus, Christoph Heinemann
Hamburger Polizei zieht Zwischenbilanz

Hamburger Polizei zieht Zwischenbilanz

Bei den Krawallen anlässlich des G20-Treffens haben es zahlreiche Verletzte und Festnahmen gegeben, sagte der Hamburger Polizeipräsident Ralf Martin Meyer.

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Der G20-Gipfel in Hamburg wird von schweren Ausschreitungen überschattet. An vielen Orten brennt es. Bürger sind geschockt und wütend.

Hamburg.  Leuchtraketen fliegen über das Rathaus im Hamburger Bezirk Altona, ein paar Hundert Meter entfernt von der Elbe. Das Knallen der Böller hallt durch die Straßen, hier zwischen Parks und Altbauwohnungen. Ein Lastwagen hält mitten auf der breiten, vierspurigen Straße, über die normalerweise zu dieser Zeit, um kurz nach 8 Uhr morgens, der Berufsverkehr brummt. Dem Fahrer kommen Vermummte entgegen, laufen um seinen Anhänger, gehen weiter, zünden Pyrotechnik.

Auf der Straße am Rathaus fährt kein Auto mehr. Die rund 100 schwarz gekleideten Personen laufen in Richtung Bahnhof. Manche tragen Sonnenbrillen und Sturmhauben. Niemand zeigt sein Gesicht. Dann schlagen sie los.

Altona wird verwüstet, noch vor der Gipfel beginnt

Ein Video, das ein Anwohner von seinem Balkon aus filmt, zeigt die Randalierer. Andere Fotos und Handyfilme kursieren im Internet, Freunde schicken Freunden Bilder aus Altona. Die Krawallmacher zerstören mit Eisenstangen Fensterscheiben von Restaurants, vom Ikea-Möbelhaus, vom Zahnarzt an der Ecke. An der Bushaltestelle liegt ein Teppich aus Scherben, wenige Meter daneben verkohlt ein Auto, es ist nur noch ein Skelett aus Metall, Gummi und Plastik. Es ist Freitagfrüh, der Gipfel der Regierungschefs in den kilometerentfernten Hamburger Messehallen hat noch nicht einmal angefangen. Und Giorgio Ellero, der Inhaber des „Ristorante San Lorenzo“ am Rathaus in Altona, klebt seine kaputten Scheiben mit Gafferband ab. „Unfassbar“, sagt er.

Viel wurde geschrieben im Vorfeld dieses G20-Gipfels in Hamburg. Die Sicherheitsbehörden warnten vor Tausenden militanten Linken, die Polizei spricht von „Gewaltbereiten“ und „Gewaltorientierten“. Viel wurde debattiert über das umstrittene Räumen von Protestcamps für Demonstranten durch die Polizei. Es wurde getanzt und gefeiert bei der Kundgebung „Lieber tanz ich als G20“ an den Landungsbrücken am Mittwochabend, eine Art Schlagermove der Globalisierungsgegner und Kapitalismuskritiker und alle, die gern Party machen. Im alternativen Kulturzentrum „Kampnagel“ wurde zwei Tage lang auf dem „Gipfel der Solidarität“ über eine bessere Welt ohne Armut, Flucht und Dürren diskutiert. Es waren Bilder friedlicher Gegner der Politik der großen Industrienationen. Gegner von Autokraten wie dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan oder Russlands Präsidenten Wladimir Putin, Gegner des
US-amerikanischen Twitter-Präsidenten Donald Trump.

„Bonzenviertel abarbeiten“, schreiben Militante

Doch diese Bilder sind verschwunden. Es beherrschen andere Szenen den ersten Tag des Gipfels in Hamburg. Bilder und Szenen des Hasses.

Auf der Elbchaussee, dort wo Hamburgs Reiche wohnen, brennen Autos. Über den Bäumen und Dächern der Villen stieg Rauch auf. Die Polizei bestätigt, dass eine Liste unter den militanten Autonomen kursiert. „Bonzenviertel abarbeiten“, steht dort. Erst die Elbvororte, dann Harvestehude, Rotherbaum, Winterhude. Es ist eine Art Stadtführer für Gewalttäter, die nach Hamburg angereist sind. Die Militanten gehen gezielt vor, es sind einzelne Gruppen. Sie agieren schnell, schmeißen Steine, schlagen Scheiben ein, eine Gruppe greift einen Wagen der Bundespolizei an. Dann fliehen sie in den nächsten Park. In die nächste Gasse. Hamburgs Altstadtviertel sind verwinkelt – die Metropole dient den Randalierern als riesiger, kaum zu überblickender Rückzugsraum. Die Polizei ist mit 20.000 Beamten vor Ort, mit etlichen Wasserwerfern und Räumfahrzeugen, mit Hubschraubern und Spezialeinheiten in der Stadt. Und doch kommen sie oft zu spät, können nicht jeden Steineschmeißer verfolgen, weil dafür mehrere Beamte im Einsatz sind, die an anderer Stelle gebraucht werden: zum Sichern der Fahrstrecken der Staatschefs, zum Räumen von Sitzblockaden, zum Regeln des Verkehrs. Und zum Auseinandertreiben von Demonstrationen in vielen Straßen rund um den Tagungsort an den Messehallen.

Wer die Videos der Passanten sieht, erkennt, welchen Schaden ein paar Dutzend Menschen mit Stangen und Pyrotechnik anrichten können.

Am Freitag überschlagen sich die Ereignisse in den Live-Tickern von Medien und Polizei, auf Twitter laufen jede Minute etliche neue Nachrichten ein. Doch den Überblick über die Lage scheint niemand mehr genau zu fassen.

Sitzblockaden bringen Delegationen zum Stehen

Am ersten Tag des Gipfels sind auch die Lager der Demonstranten verstreut in der Stadt. Schüler und Studenten demonstrieren in der Innenstadt, fordern eine Reform des Bildungssystems. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace demonstriert am Fernsehturm unmittelbar an den Messehallen mit einem Ballon. Auf der fünf Meter großen Weltkugel steht „Planet Earth first“ in Anspielung auf die Parole von US-Präsident Trump: „America first“. Die globalisierungskritische Organisation Attac hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Auftakt des G20-Gipfels eine „zynische Inszenierung“ vorgeworfen. Die CDU-Politikerin setze sich als „Anführerin der freien Welt“ in Szene.

Mehrere Gruppen von G20-Gegnern versuchen schon in den Morgenstunden vor Gipfelbeginn die Zufahrtsstraßen der Staatschefs um Trump und Erdogan mit Sitzblockaden dichtzumachen. Einige Delegationen kommen zum Stehen, darunter die brasilianischen Vertreter. Die Polizei setzt Wasserwerfer ein und räumt Straßenkreuzungen. Der Gipfel muss eine halbe Stunde später beginnen. Am Nachmittag formieren sich Tausende Gegner der Tagung am Millerntor-Stadion auf St. Pauli. Darunter erneut eine hohe Anzahl an Vermummten. Ihr Ziel scheint klar: Am Abend schauen sich die Staatschefs ein Konzert in der Elbphilharmonie an. Die Polizei sperrt mit Boien und Stahlseilen den Hafen ab, wieder fahren Wasserwerfer auf, Tausende Polizisten mit Helmen, Schildern und Pfefferspray sind vor Ort. Kurz darauf fliegen die ersten Steine. Randalierer brechen den abgesperrten S-Bahnhof an den Landungsbrücken auf.

Es sind Szenen, vor denen gewarnt wurde, als die Entscheidung gefallen war, den G20-Gipfel mitten in einer Großstadt auszutragen und nicht, wie bei G7 oder G8, auf dem Land oder auf einer Alm. Selbst ranghohe Polizisten hatten ihre Bauchschmerzen in Hintergrundgesprächen geäußert.

Für die autonome Szene war die Wahl des Gipfelortes eine Provokation – die Messehallen liegen mitten in der Sternschanze, nur 200 Meter entfernt vom linksautonomen Zentrum „Rote Flora“, unmittelbar am linksgeprägten Stadtteil St. Pauli.

Die Sicherheitsbehörden führten Grenzkontrollen ein

Die Szene hatte im Vorfeld mobilisiert, auch mit martialischen Videos im Internet. Es gab in den vergangenen Monaten mehrere – teilweise heftige – Sachbeschädigungen und danach entsprechende Bekennerschreiben der G20-Gegner. Die Autonomen kündigten den „größten schwarzen Block der Geschichte an“. Das waren Warnsignale.

Die Sicherheitsbehörden hatten ihrerseits reagiert. Grenzkontrollen wurden eingeführt, der sonst sehr verschwiegene Verfassungsschutz in Hamburg veröffentlichte Namen radikaler Linker. Mit Härte ging die Polizei in den Tagen vor dem Gipfel gegen Protestierende vor, die Zelte in Parks aufbauen wollten. Keine Zelte, keine Übernachtungsmöglichkeit, keine Demonstranten – das war die Taktik der Polizei. Und sie wusste aus Erfahrung, dass gewaltbereite Autonome in den Camps auch einen Rückzugsort finden. Am Freitagmittag fordert die Hamburger Einsatzleitung neue Einheiten an, etwa aus Berlin und Schleswig-Holstein. Auch 20.000 Sicherheitsleute reichen laut Hamburger Innenbehörde nicht aus.

Die Eskalation beginnt bereits am Donnerstagabend: 12.000 Menschen versammeln sich am Fischmarkt, linke Bands spielen auf der Bühne, eine Party der Antikapitalisten, so scheint es. „Welcome to Hell“ hatten die radikalen Linken für ihre Demonstration plakatiert. Um kurz vor 19 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, Richtung Hafenstraße. Vorneweg zwischen 500 und 1000 Vermummte. Die Polizei hält die Demonstranten schon nach wenigen Metern auf, fährt Wasserwerfer vor. Vermummung ist eine Straftat, die nicht geduldet werde. Verhandlungen zwischen Anmelder und Einsatzleiter führen dazu, dass einzelne ihre schwarzen Tücher vom Gesicht nehmen. Doch der „schwarze Block“ bleibt.

160 verletzte Beamte nach Randalen

Lange passiert nichts, dann stürmen Sondereinheiten der Polizei die Demonstration. Ein Sprecher sagt, es habe Flaschenwürfe aus dem Protestzug gegeben. Man habe versucht, die Vermummten vom Rest der Kundgebung zu trennen. Demonstranten berichten, es sei alles friedlich gewesen, nennen das Vorgehen „gewollte Eskalation“. Es fliegen Flaschen und Steine, Autonome zünden Rauchbomben.

In diesen Minuten beginnt, was dann bis in den nächsten Tag anhält: Gewaltbereite Demonstranten sammeln sich in Gruppen, werfen Flaschen oder Steine in Richtung Polizei, die Beamten setzen Wasserwerfer, Schlagstöcke und Pfefferspray ein, jagen die Randalierer durch die Sternschanze oder St. Pauli.

Am Freitagnachmittag zählt die Polizei rund 160 verletzte Beamte. Die Demonstranten sprechen von Dutzenden, 14 mussten ins Krankenhaus. Auch hier fehlt ein Überblick. Klar ist nur: Es ist eine erste, traurige Bilanz des Gipfels.

Gegenüber vom Rathaus Altona steht am Freitag Giorgio Ellero vor seinem Restaurant. „Gestern Nacht habe ich den Laden geschlossen. Da war noch alles ruhig.“ Jetzt steht er vor kaputten Scheiben. Und im Bauch sammelt sich Wut, zu allererst über die Randalierer. Dann über die Politik. „Warum findet der Gipfel mitten in Hamburg statt? Das kann nur im Chaos enden.“ Er hat noch einen Vorschlag. Man solle die Staatschefs einfach auf einer Insel tagen lassen. „Zum Beispiel Helgoland.“

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