Berlin/Essen

Türkei beschlagnahmt Kirchen und Klöster

Berlin/Essen.  Schier unendlich dehnt sich die mesopotamische Tiefebene vor den Dächern von Mardin, einer Provinzhauptstadt in Südostanatolien. Geprägt ist das Bild von zahlreichen Minaretten, aber auch von Kirchtürmen, den Zeugen der christlichen Geschichte der Stadt und ihrer Umgebung. Jetzt droht das christliche Erbe unter die Räder zu geraten: Der türkische Staat hat in den vergangenen Tagen zahlreiche Kirchen, Klöster, Ländereien und Grabstätten beschlagnahmt.

Seit etwa zehn Jahren kommt es in der Region an der Grenze zu Syrien, in der noch etwa 2000 Aramäer leben, immer wieder zu Enteignungen christlichen Eigentums durch den türkischen Staat. Für Schlagzeilen sorgten in der Vergangenheit die gerichtlichen Auseinandersetzungen um das syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel in der Nähe der Kleinstadt Midyat. Jetzt hat der türkische Staat eine vor fünf Jahren beschlossene Gebietsreform dazu genutzt, zahlreiche Kirchen und Klöster samt Grabstätten bei Mardin zu konfiszieren und teilweise in den Besitz des islamischen Religionsamtes Diyanet zu überführen.

Das bestätigte das Gouverneursamt der Provinz Mardin gegenüber der türkischen Presse, nachdem der Stiftungsrat des Klosters Mor Gabriel Alarm geschlagen hatte. Nach Angaben der Gemeinde handelt es sich um mindestens 50 Klöster, Kirchen und Friedhöfe. Warum die christlichen Liegenschaften ausgerechnet jetzt beschlagnahmt wurden, sagte das Gouverneursamt nicht. Auch nicht, was mit ihnen geschehen soll.

„Das ist eine neue und erschreckende Dimension“, sagt Daniyel Demir, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland. Da die türkische Religionsbehörde Diyanet ausschließlich eine sunnitisch-islamische Agenda verfolge, sich aber weder für die Belange der Christen oder der Aleviten im Land einsetze, könne die Enteignung bedeuten, dass nun Kirchen und Klöster verkauft oder als Lager, Fabriken, Museen oder auch Moscheen genutzt würden.

Der Sprecher der Aramäer fordert zudem die Bundesregierung zum Handeln auf: „Wir fordern, dass der Mantel des Schweigens endlich abgelegt wird.“ Demir ist auch enttäuscht über das Schweigen des Islamverbandes Ditib, der als verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde in Deutschland gilt. „Die Toleranz, die man zu Recht in Deutschland einfordert, sollte auch den Minderheiten in der Türkei gewährt werden, dafür sollte sich Ditib einsetzen.“ Unionsfraktionsvize Franz Josef Jung erwartet von der Bundesregierung Aufklärung über die Vorgänge in der Türkei. „Wir haben das Auswärtige Amt um eine Klärung des Sachverhalts gebeten“, sagte er unserer Zeitung. „Die Nachricht erfüllt uns aufgrund der Tatsache, dass in der Türkei Religionsfreiheit nicht voll gewährleistet wird, mit großer Sorge“, so Jung.