Politik

Unsere Zukunft ist prinzipiell offen

Warum die Wissenschaft von heute uns einen guten Ausblick auf die Welt von morgen liefern kann

Es ist eine Standardfrage in jedem Vorstellungsgespräch für Führungskräfte: Wo sehen Sie das Unternehmen in zehn Jahren, und welche Rolle spielen Sie in diesem Szenario? Der Wert solcher Interview-Erkundungen ist zwangsläufig begrenzt. Die Antwort der Kandidaten verrät bestenfalls etwas über deren Persönlichkeit, kaum jedoch über die Beschaffenheit unserer Welt in zehn Jahren. Das liegt an vielen Ursachen, von denen die meisten etwas mit der Wissenschaft zu tun haben.

Ein Mönch des Mittelalters hätte auf die Frage, in welcher Situation sich sein Kloster in zehn Jahren befindet, mit hoher Wahrscheinlichkeit geantwortet, dass das nur Gott und die himmlische Vorsehung wüssten. Und mit derselben Sicherheit wäre er nicht davon ausgegangen, dass die Erträge seines Ackers ein Jahrzehnt später gewachsen, neue Medikamente gegen gefährliche Krankheiten entdeckt und bessere Hilfsmittel im Kampf gegen Tierseuchen erfunden worden wären. Die Welt des Mittelalters war stabil, im Guten wie im Schlechten, und Veränderung denkbar nur als Ergebnis göttlich gelenkter Naturprozesse, nicht aber als Produkt eines vom Menschen gesteuerten Fortschritts. Heute dagegen erwarten wir von unserer Zukunft, dass sie prinzipiell anders ist als die Gegenwart. Wir stellen uns andere Kommunikationsformen für diese Zukunft vor, neue Reisetechniken, eine bessere medizinische Versorgung, hormonelle und genetische Möglichkeiten des Eingriffs in den menschlichen Organismus, mancher vielleicht auch: weitere politische Destabilisierung, noch mehr Krisen, Naturkatastrophen.

Die Innovationszyklen, in denen sich unsere Welt verändert, beschleunigen sich. Die Abstände, in denen Prognosen korrigiert werden müssen, verringern sich. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts, an der Schwelle zur Industrialisierung, prophezeite ein bald berühmter Autor: "Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werde aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen." So formulierte es Karl Marx 1848 im "Kommunistischen Manifest". Er bezog seine Ankündigung auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im absterbenden Feudalzeitalter. Aber er wusste auch, dass die treibende Kraft für den Umbruch nicht allein die soziale, sondern zugleich die wissenschaftliche Revolution war. Deren besondere Dynamik besteht darin, dass sie ihre eigenen Zukunftsprognosen permanent anpassen kann. Sobald sie ein Szenario entworfen hat, macht sie sich an die Arbeit, um die einzelnen Faktoren, die es bestimmen, genauer zu überprüfen. So entstehen Algorithmen des Handelns, die negative Aspekte einzelner Zukunftsbilder korrigieren und positive zu optimieren suchen.

Jede Prognose löst heute in der Wissenschaft eine Flut von Aktivitäten, von Korrekturen und Nachbesserungen aus. Das hat zur Folge, dass Zukunftsszenarien immer schneller veralten, weil sie ihrerseits zur Grundlage für wissenschaftliche Anpassungs- und Optimierungsprozesse werden. Zur Idee einer beherrschbaren Zukunft gehört auch, dass wir Utopien nicht nur als Nahrung für die Fantasie entwickeln, sondern als Baupläne für weitere Forschungsaktivitäten betrachten. Das beste Verfahren, sich auf die Zukunft einzustellen, ist es daher, sich mit der Wissenschaft von heute zu befassen. Eine vorzügliche Chance dazu bietet der nächste Sonnabend: Um 16 Uhr beginnt im Henry-Ford-Bau der Freien Universität die "Lange Nacht der Wissenschaften" mit rund 2000 Veranstaltungen an mehr als 70 beteiligten Einrichtungen in Berlin und Potsdam. Ein schöner Grund, die Gegenwart unserer Forschung so einfach wie zwingend auf sich wirken zu lassen.

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