Begegnung

Namensvetter – Wenn ein AfD-Gegner einen AfD-Wähler trifft

Seit einem halben Jahr hat unser Autor Kontakt mit jemandem, der so heißt wie er – und ein Fan der AfD ist. Er führt ihn an Grenzen.

Warum wählt der eine die AfD, der andere niemals? Sören Kittel und Sören Kittel sehen die Welt mit jeweils anderen Augen.

Warum wählt der eine die AfD, der andere niemals? Sören Kittel und Sören Kittel sehen die Welt mit jeweils anderen Augen.

Foto: Stefan Sauer / dpa

Berlin.  Ich sitze morgens auf meinem Balkon und erhalte eine Nachricht von jemandem, der genauso heißt wie ich. Wir schreiben uns regelmäßig. Das fing an, weil wir den gleichen Namen haben, aber das hatte sich schnell verbraucht. Wir schrieben uns, weil wir uns aneinander abarbeiteten, weil wir wollten, dass der eine endlich versteht, wie der andere Sören Kittel die Welt sieht. Auch an diesem Morgen schrieb ich ihm sofort zurück. Denn Sören hatte eine Frage:

Er: „Das ist fake, oder?“

Ich: „Ja, definitiv.“

Er meinte die Nachricht, die er angehängt hatte: Angeblich hält jeden Mittwoch gegen 18 Uhr vor einer Flüchtlingsunterkunft in Bad Eulen ein Wohnwagen. Der Wagen sei „einem Eiswagen nicht unähnlich“. So steht es in dem Onlineartikel, den Sören mitschickt.

„Gratis-Sex für Asylanten“

In dem Wagen sitzen zwei Sexarbeiterinnen, die die „grundmenschlichsten Bedürfnisse“ der Bewohner befriedigen sollen. „Für das Vergnügen, das gern bis Mitternacht dauert, zahlt das Landratsamt.“ Die Überschrift: „Gratis-Sex für Asylanten“. Erschienen war der Text auf der Webseite „Der Volksbeobachter“, bebildert mit einem Wohnwagen und zwei roten Herzen, unter der Rubrik „Wahrheit“. Die Meldung ist noch immer online.

Ich konnte nirgends einen Eintrag über einen Wohnwagen finden. Die Webseite gab keine Quellen an. Nicht einmal einen Ort namens Bad Eulen gibt es in Deutschland. Aber das war egal, die Meldung hatte sich schon längst verbreitet, in seinen Kreisen. Unser Gespräch war an diesem Tag schnell wieder vorbei. Aber wie immer wirkte etwas nach.

Mir stellen sich jedes Mal diese Fragen: Wer denkt sich so eine Meldung aus? Wie findet er sie? Oder umgekehrt: Wie findet sie ihn? Warum sprechen wir darüber? Oder ist es genau das, worum es bei dieser seltsamen Freundschaft geht: Dass wir beide jeweils aus unserem Alltag gerissen werden, mit Gedanken und Nachrichten, die keiner in unserem Freundeskreis liest? Wer weiß, vielleicht wären wir wirklich Freunde geworden über die vergangenen sechs Monate, wenn es nicht diese Rede von Björn Höcke gegeben hätte, in Dresden, am 17. Januar. Damals kannten wir uns gerade einen Monat.

Er: „Das, was Höcke gesagt hat, war nicht schlimm in meinen Augen.“

Ich: „Denkmal der Schande? Wirklich?“

Er: „Es gab auch andere Länder, welche in früheren Zeiten schäbige Taten vollbracht haben.“

Ich: „Höcke fordert damit aber auch eine Abkehr von der Art, mit der Vergangenheit umzugehen …“

Er: „Ja, ist richtig, man müsste anders denken.“

Anders denken, das wollte der Sören.

Fünf AfD-Posts bei Facebook verlinkt

Begonnen hatte es mit „uns“ am 15. Dezember 2016, als ich sah, dass dieser Sören Kittel wieder fünf AfD-Posts verlinkt hatte. Ich war durch Zufall auf ihn gestoßen, jemand, der nur AfD-Dinge mag und meinen Namen benutzt. Ich schrieb ihm eine erste Nachricht: „Lieber Sören Kittel“, begann ich. „Wir kennen uns nicht, aber wir haben den gleichen Namen.“ Ich schrieb, ich würde gern einmal mit einem Menschen reden, der politisch komplett „anders unterwegs“ sei. Das stimmte, ich hatte wie viele andere nach dem Brexit-Votum und der Trump-Wahl gemerkt, dass auch ich als Journalist in einer Art Blase lebte.

Noch am gleichen Abend schrieb der andere Sören zurück. Er habe gerade „viel um die Ohren“, habe sich aber auch immer gefragt, was das für ein Typ sei, dieser für ihn „andere Sören Kittel“. Er kam aus Sachsen, wie ich, aber er arbeite in der Schweiz, und als ich fragte, warum, kam sofort, schon am ersten Tag, von ihm diese Wut. Es war der Frust und die Enttäuschung von allem, was politisch in Deutschland gerade passiert, er nennt es: „falsch läuft“.

Aber noch am Abend schreibt er: „Deshalb auch AfD, was sie ändern können, steht auf einem anderen Blatt, aber das Programm ist eine Wucht! Wir werden doch von vorne bis hinten verarscht. Ich bin nicht freiwillig in die Schweiz gegangen, sondern weil ich als Maurer keine besonderen Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatte. So werde ich gezwungen, das Land zu verlassen.“ Er hatte die Wut – ich hatte die Verwunderung, wie es zu dieser Wut kommen konnte. Am Ende schrieb er: „Aber ich höre dir gern zu.“

Pegida-Demonstration in Dresden, Proteste in Bautzen

Mein Zugang zu AfD-Wählern fand bisher über Interviews statt. Ich bin zur Landtagswahl von Mecklenburg-Vorpommern nach Stralsund gefahren, habe dort einen AfDler getroffen, der im Nebenberuf Partys veranstaltet. Dieser Mann stand inmitten von Hüpfburgen und erzählte, warum Syrer an der Ostsee nichts verloren haben. Ich war bei Pegida-Demonstrationen in Dresden, und ich war in Bautzen bei einem Protest von „Besorgten Bürgern“. Immer wieder: „Haut ab! Haut ab!“ Auch in meine Richtung. Wenn ich dort mit jemandem sprach, endeten die Diskussionen in Gebrüll oder wütendem Abwinken.

Ich: „Wenn Höcke den Massenmord an sechs Millionen Juden verharmlost, stellt er sich in die rechtsextreme Ecke. Petry tut gut daran, sich zu distanzieren.“

Er: „Ja, du hast schon recht, aber ich hatte mich mit dem Aktuellen nicht konkret befasst. Ich bin trotzdem gespannt, was im September herauskommt, in meinem Verwandten-Bekannten-Freundeskreis wählen alle AfD. Niemand vertritt eine andere Meinung.“

Ich: „Selbst nach Höcke? Ich kenne keinen Einzigen.“

Er: „Aber es ist doch klar, Leute, die sich nicht ausweisen können, haben hier nix verloren und müssten an der Grenze abgewiesen werden.“

Ich: „Welche Grenze denn?“

Er: „Die offenen“

Wir sind beide Sachsen

Der Vorname Sören ist dänisch und kommt von „Severin“. Er bedeutet „streng“. „Kittel“ ist ein alter Nachname, der häufig in Schlesien vorkommt. Es ist ein jiddisches Wort für ein religiöses Gewand. Seine Großeltern sind genau wie meine aus dieser Gegend des heutigen Polen geflohen. Diese Flüchtlingserfahrung hat sich zwei Generationen später schon fast verlaufen. Wir sind beide Sachsen, werden beide häufig darauf auf „skandinavische Wurzeln“ angesprochen, die wir beide nicht haben.

Der andere Sören Kittel ist 31 Jahre alt, Maurer, hat drei Töchter und lebt in einer Kleinstadt in Sachsen mit seiner Freundin. Sonntag Abend fährt er zum Arbeiten in die Schweiz und Freitag Abend zurück. Er züchtet Zwerg-Seidenhühner als Haustiere, er hat mir Bilder von seinem Bad geschickt, das er renoviert – und er hat nur einmal davor bei einer Bundestagswahl gewählt, mit der Erststimme die Linke und mit der Zweitstimme die NPD. Dann kam die AfD. Es ist für ihn heute die einzig wählbare Partei.

Ich bin 38 Jahre alt, Journalist, alleinstehend, eine Wohnung im Prenzlauer Berg mit Klavier, Badewanne und Balkon. Ich wählte in der Vergangenheit Links, Grün, Rot, einmal sogar heimlich Gelb. Keiner meiner Freunde wählte je eine rechte Partei. Bei dieser Wahl bin ich noch unschlüssig, nur die AfD bekommt sicher keine Stimme.

Zugang in eine Parallelwelt

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat einmal über sein Netzwerk gesagt: „Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet.“ Er hat recht. Wir hatten uns angefreundet, in dieser Welt, in der neue Bekanntschaften nur einen Klick entfernt sind, weil wir sehen wollten, was der andere denkt. Das bedeutet zunächst nur wenig, man „folgt“ einander, man sieht einander stumm beim Leben zu.

In diesem Fall öffnete es mir einen Zugang in eine Parallelwelt, die ich bis dahin nur von Erzählungen kannte: Menschen, die nicht nur Trump unterstützen, sondern auch Le Pen wählen würden und hier in Deutschland von „Lügenpresse“ und „Altparteien“ sprechen. All das trifft auf den „alternativen“ Sören zu. Aber ich musste mühsam jeden Tag seinen Namen anklicken, damit ich sie sah.

„Wer Kabul aufnimmt, wird selbst Kabul“

„Flüchtlingswelle überflutet Hartz IV“

„Die Medien entfernen sich immer weiter von den Bürgern“

Der andere Sören fühlt sich „verarscht“

Ich weiß nicht, wie andere Freundeskreise über solche Dinge diskutieren. Ich hatte von Dresdner Freunden gehört, dass dieser Riss quer durch die Familien geht. Aber das Besondere am Reden über Nachrichten ist schließlich, dass der Strom endlos ist. Der andere Sören und ich haben uns in diesem halben Jahr zumindest über den gleichen Strom unterhalten.

Er liest viel, das hatte er in einer seiner ersten Nachrichten angedeutet. Doch darunter sind eben nicht nur „Spiegel“, „FAZ“ und „Süddeutsche“, sondern zuallererst: die Facebook-Seite der AfD. Es ist nicht zufälligerweise die Partei mit den meisten „Likes“ des sozialen Netzwerkes. Jeden Morgen postet er entweder die „Guten Morgen“-Meldung des aktuellen AfD-Vorstandes Jörg Meuthen oder von Frauke Petry. Oder beide. Immerhin ein Zehntel der Deutschen wird diese Partei gerade wegen dieser Sätze wählen.

Hier wettert Martin Schulz gegen die AfD

Dann schreibt er mir den Grund für die Wut: Er liest, dass mit Merkel „keine Maut zu machen ist“, und sieht, dass sie dann doch kommt. Er liest, dass Volkswagen seine Kunden jahrelang weltweit betrügen konnte, aber in Deutschland die Konzernchefs nur wenig Konsequenzen befürchten müssen. Der andere Sören besitzt einen VW-Passat und er fährt jede Woche auf deutschen Autobahnen. Eine kilometerabhängige Maut würde ihn stark treffen, er fühlt sich übers Ohr gehauen. „Verarscht.“ Wen soll er wählen?

Ich: „Diese Wut über VW ... Hängt sie zusammen mit dem Gefühl, dass sich fundamental was ändern muss?“

Er: „Nein, jetzt geht’s nur ums Update für den Passat. Regierung und VW stecken unter einer Decke.“

Ich: „Ernsthaft?“

Er: „Ich bin davon betroffen! Mir sind die Abgase völlig egal. Ich möchte mein Auto so behalten, wie es jetzt ist. Und nicht zu etwas gezwungen werden, das ich nicht will.“

Wir diskutierten nicht nur über Politik

Ich verstand seine Wut, ich verstand noch nicht, dass das Ergebnis dieser Enttäuschung jedes Mal „AfD“ lautete. Ich glaube, wir schrieben einander auch, weil ich in diesem Gespräch die Chance sah, dass dieser Dialog auch dem entgegenwirken kann, was in Deutschland gerade passiert: das Teilen in verschiedene Lager, nicht nur zwischen uns, sondern auch auf dem Vorplatz der Frauenkirche oder im Bundestag, der bald gewählt wird.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte in einer Analyse der Parteien in sozialen Netzwerken herausgefunden, dass es viele Überschneidungen gibt zwischen allen Wählern von SPD, Grünen, CDU und FDP – nur die Wähler der AfD scheinen sich in einer eigenen Facebook-Welt zu bewegen, sie mögen nicht die gleichen Filme, Stars, Webseiten. Heißt das, nicht ich bin in der Blase, sondern die AfD-Wähler müssen aus der Blase herausgeholt werden?

Schließlich diskutierten wir nicht nur über Politik. Er mag „Police Academy“-Filme und die alten „Olsenbande“-Werke. An die konnte ich mich auch erinnern. Wir kannten die gleichen Kinderplatten, den „Traumzauberbaum“ und das „Stadtkaninchen“, heute nur noch Ost-Folklore, die keine Rolle mehr spielt. Wenn er eine Grippe hatte, wünschte ich „Gute Besserung“, wenn er Geburtstag hatte – zufälligerweise einen Tag nach mir – wünschte ich „Alles Gute“. Ich schickte ihm ein Foto von mir aus Indonesien, er schickte Bilder seiner Küken in Sachsen und von der Arbeit in der Schweiz: Darauf ist er zu sehen, Arm in Arm mit einem eingewanderten Afrikaner. In unseren Chats kamen deshalb auch oft Smileys vor.

Suspekte Webseiten, seltsame Wahlplakate

Doch es gab auch Entwicklungen auf beiden Seiten. Wenn er Texte von Seiten wie „Deutsche Wirtschaftsnachrichten“ oder „Politikstube“ verlinkte, konnte ich ihm sagen, warum diese Webseiten in meinem Umfeld als suspekt gelten. Er hatte nie zuvor in das Impressum einer dieser Webseiten geschaut oder sich gefragt, wer diese Nachrichten schreibt.

Er schickte eine Meldung von Beatrix von Storch, die sich darüber ärgert, dass „die Medien“ nicht über kriminelle Flüchtlinge schreiben. Ein afghanischer Flüchtling hatte gerade in Bayern eine Frau vor ihren Kindern ermordet. Aber Storch hatte nicht erwähnt: Die Tat lag noch keine 24 Stunden zurück, trotzdem gab es bereits einen „Spiegel Online“-Text – der auch erwähnte, dass das Opfer ebenfalls Afghanin war. Das macht die Tat nicht besser, aber es waren doch wichtige Details.

Er wiederum konnte mich aber auch auf Themen hinweisen, die ich zuvor nicht gesehen hatte, einfach weil diese Themen in seinen Netzwerken viel schneller verbreitet werden. Da sind die seltsamen Wahlplakate der CDU in Nordrhein-Westfalen, die sich in ihrer Stoßrichtung klar an AfD-Wähler richten („Uns reicht’s. Wir wählen CDU“). Immer wieder zeigte er mir, wie schwer es die AfD hat, von anderen Parteien überhaupt ernst genommen zu werden – oder von den Medien. Zum Beispiel wenn der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Rainer Podeswa angeblich empfiehlt, „Frauen zu verbrennen, um das Klima zu retten“. Das vermeldeten tatsächlich einige Medien als Nachricht, wider besseres Wissen.

Er: „Die größte Lüge kam jetzt von der Zeitung „Stuttgarter Nachrichten“.“

Ich: „Was meinst du?“

Er: Die haben ihren Artikel angepasst, so plötzlich. Da ging es um die Budgeterhöhung der Abgeordneten. Nur die AfD hat dagegen gestimmt, und es wurde geschrieben, die vier Fraktionen des Landtages stimmten dafür. Er hat aber fünf Parteien! Die AfD stimmte dagegen.

Nach ein paar Wochen platzte mir der Kragen

Selbst wenn es stimmte, war es keine „große Lüge“, aber er sammelt solche Geschichten, die den unsicheren Umgang mit „seiner“ Partei zeigen, immer wieder sieht er sich in die Ecke gedrängt. Nach ein paar Wochen, nach vielen solcher aufgeregten Chats, platzte mir der Kragen: Ich schrieb ihm in einer längeren Nachricht, dass ich nicht verstehe, warum er so denkt, wie er in der Schweiz leben kann, die Vorzüge der EU-Freizügigkeit voll auskostend, dort Steuern zahlend, aber trotzdem gegen die EU wettert, wie er, dem es grundsätzlich doch wirtschaftlich gut gehe, sich ständig im Nachteil gegenüber Flüchtlingen sieht, die alles verloren haben. Ich verstünde seinen Neid nicht und noch weniger den latenten Antisemitismus.

Der andere Sören antwortete, dass er die Schweiz bewundere für ihren Mut, sich nicht von der EU Gesetze diktieren zu lassen, dass er sich dort wohlfühle, integriere, aber auch sofort wieder abreisen würde, wenn er eine Arbeit in Sachsen finden würde. „Mir war bewusst, dass ich hier nichts geschenkt bekomme.“ Wieder der implizierte Vorwurf an die Flüchtlinge, die nur die Hand aufhalten. Ich kam nicht weiter, er wich aus, fühlte sich weiter im Recht. Er bewundere die Schweiz, gerade weil sie nicht in der EU ist. Dass sie aber Schengen-Mitglied ist und sich an 80 Prozent der EU-Gesetze halten muss, blendet er aus.

Und ja, irgendwann hatte er es geschafft: Sören Kittel tauchte in meiner täglichen Zeitleiste auf. Beim Check der sozialen Nachrichten hatte ich plötzlich Wahlwerbung von Marine Le Pen, ich bekam den „morgendlichen Meuthen“ als Klick-Tipp angeboten. Ich war drin. Es war nicht mehr „meine Blase“, ich hatte zu viel Kontakt ausgerechnet mit: Sören Kittel. Zum ersten Mal redeten wir auch über Dinge, die mir eben zeigten, dass wir vielleicht doch von verschiedenen Planeten stammten, dass es nichts zu überbrücken gibt. Der andere Sören sah täglich einen Aufreger der „Altparteien“. Ich wurde ungeduldig.

Er: „Mein Kind kam aus dem Kindergarten und sagte, wir haben jetzt auch ein Kanaken in der Gruppe. Sie ist fünf Jahre alt. Wir waren erst mal sprachlos.“

Ich: „Warum sprachlos?“

Er: „Wie sie es gesagt hat. Wir sind ja noch gut dran. Mit nur einen Ali in der Gruppe. Da bin ich froh drüber.“

Ich: „Also du bist erstaunt über ihre Sprache?“

Er: „Na, irgendwann erzählte sie von einen ‚Ali‘, da fragte ich: Wer ist Ali? Sie sagte: „Na, der Kanake.“

Treffen an einem neutralen Ort

Dann trafen wir uns. Wir wählten einen neutralen Ort, eine Bar in Leipzig. Seine Freundin saß mit am Tisch, aber sie sagte wenig, nur, dass sie noch nie gewählt habe. Diesen September wird sie zum ersten Mal ein Kreuz machen, sie weiß schon, wo. Sie lächelt. Sören aber war nicht der wütende Typ aus dem Internet. Er wirkte überhaupt nicht aufgeregt, sondern sagte selbst Wörter wie „Saupack“ ganz ruhig. Kein Ausrufezeichen war zu hören. Er fasste noch einmal zusammen, wie wenig er den Parteien vertrauen könne. Schröder bei Gazprom, Edathy läuft frei rum, überall Nichtdeutsche, armes Deutschland.

„Ich habe drei Kinder, die müssen auch noch leben in Deutschland.“ Ich fragte, ob sich ein einziges Detail in seinem Leben durch die Flüchtlingskrise verändert habe. Er sagte, nicht in seinem Umfeld, aber er befürchte, dass es bald so weit sei, das hatte ich auf den Pegida-Demos oft gehört, diese Angst. „Da muss man doch nicht erst handeln, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ Ich sagte ihm, dass ich diese Veränderung nicht sehe, diese Angst vor einer Islamisierung im Alltag. Er sagte, dass es bald kein Schweinefleisch mehr im Schulessen gibt. Ich glaubte ihm kein Wort.

Dann kam irgendwann eine peinliche Pause, der Moment, in dem uns klar wurde, dass es so etwas vielleicht nicht gibt, wie: den anderen überzeugen. Dass es immer so weitergehen wird. Sören gegen Sören. Dass es eben keine Brücke gibt. Ich schüttelte nur noch den Kopf, wenn er Trump lobte („Der tut was für seine Leute“) oder wenn er von der rumänischen Familie erzählte, die einmal in seinem Nachbarhaus wohnte („Die waren freundlich, die Kanaken“).

Kann man gegen solche Überzeugungen anschreien?

Seine Freundin hatte sich am Ende mit den Rumänen zum Kaffee getroffen. „Richtig nett waren die.“ Trotzdem: Für ihn ist jeder Vorfall, ob in Schweden oder in den Pariser Vororten, ein Zeichen, dass es zur Anarchie kommt, oder: zum Krieg. Auch Björn Höcke war wieder Thema. Wir redeten über unseren Geschichtsunterricht, und ich dachte, ich müsste einem Deutschen das nie erklären, dass wir eine Verantwortung haben, egal ob wir „nur“ Nachgeborene sind. Ihm fiel seine Großmutter ein, die vor fünf Jahren starb.

Er: „Meine Oma sagte immer, das war schlimm, das mit den Juden, aber sie sagte auch, wie unser Land heute aussehen würde, wenn sie noch hier wären ...“

Ich: „Wie bitte?“

Er: „Na, es war eine ganz schlimme Sache, aber vielleicht auf lange Sicht nicht so schlecht.“

Ich: „Sagst du das, weil sie das dachte, oder weil du ihr zustimmst.“

Er: „Na, ich denke das auch.“

Das Gespräch war zu diesem Zeitpunkt eigentlich beendet. Was sollte ich noch sagen, kann man gegen solche Überzeugungen anschreien? Wie hätte denn dieses alternative Deutschland ausgesehen? Wir redeten noch weiter, aber es war ein Endpunkt erreicht, ich kam nicht weiter. Wo er „GEZ-Abzocke“ und „EU-Schmierenkomödie“ sieht, sehe ich Pressefreiheit und Freizügigkeit.

Entfreunden ist keine Option

Kurz vor unserer Verabschiedung erzählt der andere Sören noch von seinem Vater. Der starb vor einem Jahr im Krankenhaus, nachts, er vermutet, weil der Vater falsch behandelt wurde. „Wenn jemand mit Herzproblemen per Helikopter eingeliefert wird, ist es ja wohl das Mindeste, ihn an ein Überwachungsgerät zu hängen.“ Die Krankenhausakten hält er für gefälscht. Selbst hier also der Verdacht, dass er belogen wurde. Nicht nur Maut-Lüge, VW-Skandal und Asylbetrug – das System war schuld daran, dass sein Vater nicht mehr lebt. Dann gingen sie, sie hatten einen Tisch in einem Restaurant bestellt, ausgerechnet beim besten Chinesen Leipzigs.

Neulich postete Sören Kittel wieder: „Wenn die Helfer in Nordafrika noch näher an der Küste agieren, lesen sie versehentlich Urlauber auf.“ Er bekam dafür keinen „Like“ im Netzwerk, bekommt er nie. Er wird trotzdem weitermachen. Sören Kittel sagte: „Wir werden unser blaues Wunder erleben nach der Wahl.“

Ich sitze im Zug nach Berlin, schaue noch einmal auf sein freundliches Profilbild, im Hintergrund sind Küken zu sehen. Je mehr ich von ihm weiß, desto fremder erscheint er mir. In dieser Woche schrieb er wieder: Wahlbetrug in Nordrhein-Westfalen, bei der AfD fehlten 2200 Stimmen. „Bin gespannt, was dir dazu einfällt“, schrieb er, „das wieder runterzuspielen.“ Geantwortet habe ich noch nicht, aber werde ich wohl. Entfreunden ist jedenfalls keine Option.