Berlin–London

Seit Manchester ist der Ton ein anderer geworden

| Lesedauer: 4 Minuten
Polizisten in Manchester während eines Laufs

Polizisten in Manchester während eines Laufs

Foto: Anthony Devlin / Getty Images

Nach dem Attentat von Manchester: Welch tröstliche Wirkung Musik auf die Menschen haben kann.

Darf man sagen, dass ein Bombenattentat ein Land zusammengebracht hat – ein Attentat, das 22 Leute aus dem Leben gerissen hat, bei dem viele verletzt worden sind? Darf man das? Nach all dem Streit, den es in Großbritannien gegeben hat seit dem Brexit-Referendum vor fast einem Jahr, angesichts von so viel Hass und Neid, scheint jetzt eine barmherzigere, großzügigere Stimmung zu herrschen. Nach dem Attentat in Manchester ist der Ton ein anderer geworden.

Man darf nicht dafür dankbar sein. Es ist immer noch unvorstellbar, was für schreckliche Ereignisse die Bewohner von Manchester und die vielen Besucher der Stadt an dem Abend erlebt haben. Der Schockzustand wird lange bleiben. Aber schon an das Menschliche im Menschen erinnert zu werden, hilft doch, die Seele ein bisschen zu trösten.

Da sind auf der einen Seite die Leute, die sich gegenseitig geholfen haben – von den Taxifahrern, die Menschen umsonst nach Hause gefahren haben bis zu denen, die gestrandeten Konzertbesuchern ein Bett angeboten haben. Die Ärzte und Krankenschwestern, die wieder in die Kliniken geeilt sind, um Menschen zu behandeln.

Man ist sprachlos und leer nach so einer Tat

Die Menschen, die auf dem Hauptplatz in Manchester in einem Geist demons­triert haben, den man selten erlebt im Alltag. Die Frau, die angefangen hat, das Lied der Band Oasis, die aus Manchester stammt, zu singen: „Don’t Look Back in Anger“ (Schau nicht zurück im Zorn). Der Dichter Tony Walsh, der seinen Tribut an Manchester laut und deutlich hervorbrachte, dafür großen Applaus erntete und viele erneut zu Tränen rührte. Wie schade ist es auf der anderen Seite, dass es ein verheerendes Attentat braucht, damit man an das überaus Gute in den Menschen erinnert wird.

Man ist sprachlos und leer nach so einer Tat, die noch schlimmer erscheint, weil sie sich ganz bewusst gegen Kinder und Jugendliche richtete.

Meine Zeitung hat ihre Wurzeln in Manchester (sie hieß mal „Manchester Guardian“), und wo es an Korrespondenten in vielen Orten der Welt fehlt, haben wir tatsächlich ein großes Team in Manchester, das in den letzten Tagen seine emotionale Nähe zu dieser lebendigen, quirligen Stadt sehr elegant und eloquent zum Ausdruck gebracht hat – in Interviews mit Opfer-Familien, Ärzten, Krankenschwestern und dem Bürgermeister.

Manchester hat auch mein Leben geprägt

Ich habe einen Teil meiner journalistischen Ausbildung in Manchester absolviert. Meine Familie, typisch für eine irische Immigranten-Familie wie meine, ist seit Dekaden Manchester-United-Fan, obwohl wir gar keine direkte Verbindung zu der Stadt haben. Solche Verbindungen, wenn auch nur klein, bringen einen zum Nachdenken, weil Manchester auch mein Leben geprägt hat.

Viele waren auch nie da, schätzen aber die musikalische Vielfalt dieser Stadt, die einen wirklich überproportional großen Beitrag für die Popmusik-Szene geleistet hat. The Stone Roses, The Smiths, The Hollies, Oasis, The Chemical Brothers, Simply Red, Joy Division, Morrisey, New Order – um nur ein paar meiner Lieblingsbands zu erwähnen.

Es mag vielleicht an der Grenze zum Kitsch sein, aber diese musikalische Vielfalt hat geholfen in dieser Woche. Wenn man sprachlos ist, hilft Musik, die Lücken zu füllen und die Emotionen, die man nicht ausdrücken kann, in irgendeiner Form zum Ausdruck zu bringen.

So war es auch, als die Frau in St Ann’s Square am Ende einer Schweigeminute am Donnerstag spontan angefangen hat, das Lied von Oasis zu singen und Hunderte mit einstimmten. Und als bei Radio Manchester, während einer stundenlangen Sendung von Manchester-Hits, Elkie Brooks’ „Sunshine After the Rain“ gespielt wurde. Und als die BBC-Moderatorin in London zum Schluss ihrer Nachrichtensendung am Tag nach dem Attentat Joy Division’s „Atmosphere“ spielte – der Refrain lautet: „Don’t walk away in silence, don’t walk away“.

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