Politik

Leipziger Schule gegen Guardiola-Schule

Rückblicke auf die Bundesliga-Saison boomen, aber Hertha wird gern mal übersehen

Was bleibt von der Fußball-Saison 2016/17, wenn am Sonnabend der 34. Spieltag absolviert ist? Dass die Bayern mit dem Meistertitel nach Hause gehen – es war der fünfte in Folge – war ebenso erwartbar wie unspektakulär. Überraschend ist der neue Player, der der gesamten Liga Beine macht. RB Leipzig hat sich allen Anfeindungen zum Trotz als Aufsteiger souverän auf Platz zwei durchgespielt und damit einen Platz eingenommen, den viele andere auch gern hätten: einen direkten Startplatz in der Champions League. Auch wenn die Etablierten der Liga wie Hertha, Frankfurt, Köln oder Bremen mit den Zähnen knirschen: Jammern hilft nicht. Alle sind gefordert, selber besser, kreativer und zielstrebiger zu werden.

Trotzdem darf man gespannt sein, wie Leipzig 2017/18 mit der ungewohnten Dreifachbelastung zurechtkommt. Trainingsexperten prognostizieren, dass der intensive Jagdfußball, den Trainer Ralph Hasenhüttl spielen lässt, auf diesem Niveau zu schweren Verletzungen führen kann. Borussia Dortmund hat diese Erfahrung in der Ära unter ­Jürgen Klopp gemacht. Außerdem wird ­interessant sein zu sehen, ob der ­Leipziger Dominanzfußball sich über 50 Saisonspiele durchziehen lassen wird. Oder ob nicht die Taktiktüftler aus der Guardiola-Schule, gemeint sind Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel, sich durchsetzen, die ihre Mannschaft je nach Gegner und Belastung mit unterschiedlichen Systemen spielen lassen.

Apropos Tuchel: Der BVB spielt trotz der Abgänge von Leistungsträgern (Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Henrikh Mkhitaryan) und des Ausfalls von Mario Götze eine überdurchschnittliche Saison. Als Dritter ist die direkte Qualifikation für die Königsklasse drin. Das Sprengstoff-Attentat vor der Monaco-Partie konnte die Teamleitung soweit ausbalancieren, dass die Mannschaft weiter funktioniert. Im Pokalfinale (gegen Frankfurt) winkt dem BVB sogar ein Titel. Weil aber die Klubchefs Hans-Joachim Watzke und ­Michael Zorc mit dem schwierigen Charakter des ­Trainers nicht klarkommen, wird Tuchel zum Saisonende wohl abserviert. Wenn jemand weiß, dass erfolgreiche Trainer anstrengend sein können, aber der Mühe wert sind, dann wir in Berlin nach den ­Jahren mit Lucien Favre.

Eine Mannschaft, die erheblich über ihrer Gewichtsklasse unterwegs war, ist der SC Freiburg. In der notorisch aufgeregten Branche ist es eine Wohltat, Trainer Christian Streich zu erleben. Der ist bei sich. Vermittelt seiner Mannschaft die Zuversicht, dass sie immer an sich glauben soll, egal gegen wen es geht – und darf auf einen Europacup-Platz hoffen.

Bayern, Leipzig, Freiburg, dazu ein paar wohlwollende Sätze über den 1. FC Köln … diese Vereine wurden genannt bei der Saisonrückblick-Diskussion am Dienstag dieser Woche im "Fußball-Salon" des Deutschen Theaters. Auf dem Podium saßen Katja Kraus von der Agentur ­Jung von Matt/Sports sowie Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Am Ende waren drei Fragen zugelassen. Hart­näckig meldete sich ein vierter Interessent. Moderator Christoph Biermann fragte, ob das denn wirklich nötig sei. Ja, beharrte der Zuschauer, man sei hier in Berlin. Was es denn zu Hertha BSC zu sagen gäbe.

Eine bezeichnende Situation dafür, wie Hertha wahrgenommen wird. Bundesweit fliegen die Berliner trotz der zweiten guten Saison in Folge – übrigens vor Freiburg und Köln – unter dem Radarschirm der Wahrnehmung. Hertha hat beste Chancen, sich erstmals nach sieben Jahren für den Europacup zu qualifizieren. Das spricht für die Arbeit von Manager Michael Preetz und Trainer Pal Dardai. Hertha stößt durch den Aufstieg in der TV-Geldrangliste (in Verbindung mit dem neuen Fernsehvertrag) finanziell in neue Dimension vor. Sollte die Suche nach einem neuen Investor Erfolg haben, hofft Hertha auf eine Einnahme von mehr als 100 ­Millionen Euro – aber in Sachen Akzeptanz in der Branche hat Hertha noch ­reichlich Luft nach oben.

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