Politik

Diskurs der Extreme

Kein anderes Thema wird in Deutschland so ideologisiert wie die Energiewende

Es gibt kein Wirtschaftsthema in Deutschland, das so von Emotionen und Ideologie überlagert wird wie die Energiewende in Deutschland. Das Bild der Schwärmer sieht so aus: Bürgerwindräder am Horizont im Norden, energieautarke Dörfer, in denen fast jedes Haus eine Solaranlage auf dem Dach hat, im Süden. Und natürlich jede Menge Delegationen aus fernen Ländern, die dringend erfahren wollen, wie man das nur hinbekommt.

Das negative Zerrbild: Drastisch steigende Energiepreise, abwandernde Unternehmen, eine fehlgeschlagene Industriepolitik und das Stromnetz kurz vor dem Zusammenbruch.

Lange Zeit war der Ausbau neuer Energieformen wie Wind- und Solarkraft ein deutscher Sonderweg. Das führte sowohl zu übertriebenen Hoffnungen als auch zu übertriebenen Ängsten. Schließlich war der Ausbau auf der einen Seite noch mit enormen Kosten verbunden, weil die Preise für grünen Strom noch lange nicht konkurrenzfähig waren. Gleichzeitig schien die Aussicht, die globale Nummer Eins zu sein, aus wirtschaftspolitischer Sicht verlockend. Dazu kam die Sorge um den Klimawandel, die zeitweise in Panik umschlug.

Der Diskurs in Extremen hat viele Fehlentscheidungen verursacht, zum Beispiel den unproduktiven, weil enorm teuren und nicht nachhaltigen Solarboom der Jahre 2010 bis 2012. Teile der Industrie mauerten umso entschlossener – zu ihrem eigenen Schaden.

Heute ist Deutschland längst nicht mehr alleine bei der Energiewende. Viele Länder haben uns schon überholt oder machen sich gerade daran. Die erneuerbaren Energien sind weltweit zu einem selbstverständlichen Teil der Energiewirtschaft geworden. Der mit Abstand größte Teil der global neu gebauten Kraftwerke produziert inzwischen Sonnen- oder Windstrom. Nicht nur in den beiden Ökostrom-Großmächten China und USA, sondern auch in Dutzenden kleinen Ländern ist die Energiewende die neue Normalität.

Der Grund: Preislich ist gerade die Solarkraft längst konkurrenzlos günstig, zumal wenn man die Umweltschäden berücksichtigt. Aber auch die Windenergie, vor allem auf hoher See, ist viel billiger geworden. Natürlich müssen aber auch im Ausland ähnliche Probleme gelöst werden wie hierzulande. Bis zu einem gewissen Anteil lassen sich die Erneuerbaren ohne große Folgekosten ausbauen. Ab einem bestimmten Punkt wird es aber zum Problem, dass sowohl Solar- als auch Windstrom nicht unabhängig vom Wetter erzeugen und deshalb entweder zu viel oder zu wenig Elektrizität bereitstellen.

Die Lösung des Problems ist technisch und technokratisch komplex. Es geht um Netzmanagement, richtige Anreize für die Nachfrage und die entsprechende Steuerung, die Entwicklung von Brücken zwischen verschiedenen Energieformen wie Wärme und Strom sowie neue Speicher. Damit beschäftigen sich inzwischen ebenfalls Dutzende Länder. In Deutschland geht es im Vergleich dazu ruhig zu.

Deutschland ist in vielen Bereichen stark, zum Beispiel im Maschinenbau und bei der Windkraft. In anderen sind wir schwach. Solartechnik – wie auch Fernsehbildschirme – sind in der Fertigung relativ simpel. Die Abwanderung nach China war deshalb zu erwarten und ist keine nationale Katastrophe.

Für die deutsche Energiewende heißt das: Einfach weitermachen, mit solider Politik, die kontinuierlich den Umbau unseres Energiesystems vorantreibt. Die Energiewende hat sich längst selbstständig gemacht – auch in dieser Hinsicht sind wir jetzt ein Land unter vielen.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.