Wahlen

Richtungswahl in Südkorea wird von Atomkrise überschattet

Während sich USA und Nordkorea zum Krieg rüsten, wählt Südkorea einen neuen Präsidenten. Ein radikaler Kandidat hat gute Aussichten.

Der südkoreanische Präsidentschaftskandidat Moon Jae In bei einer Wahlkampfveranstaltung in Seoul (Südkorea).

Der südkoreanische Präsidentschaftskandidat Moon Jae In bei einer Wahlkampfveranstaltung in Seoul (Südkorea).

Foto: Lee Jin-Man / dpa

Seoul/Berlin.  Kim Mi-Na spricht in diesem Jahr mit Freunden über die anstehende Präsidentenwahl. Das ist schon eine Sensation, denn in Südkorea war das in der Vergangenheit oft tabu. „Wir haben in diesem Jahr viel mehr diskutiert als sonst“, sagt sie, „plötzlich wollen alle mitreden und jeder hat eine Meinung.“ Am Montag berichtet sie: „Erst heute Nachmittag musste ich in der Innenstadt an Demonstranten vorbeilaufen, die für Hong Joon-pyo warben, sie waren so aggressiv.“ Doch schon das Erzählen von solchen Episoden hätte durchaus Folgen im Arbeitsleben haben können. „Ich musste vorsichtig sein.“

Die 41 Jahre alte Südkoreanerin hat damit die wohl wichtigste Änderung im Umgang mit der Präsidentschaftswahl am Dienstag schon zusammengefasst. Seit zur Jahreswende die Zahl der Demonstranten gegen Präsidentin Park Geun-Hye die Millionenmarke überschritten, und die Tochter des ehemaligen Diktators im März des Amtes enthoben wurde, hat sich etwas verändert in Südkorea. Das Volk von rund 50 Millionen Südkoreanern hat die eigene Macht wiederentdeckt. Selbst die sonst so indifferente Jugend protestierte in Seoul und ist jetzt politisiert. Die sechs TV-Debatten der fünf Kandidaten hatten riesige Einschaltquoten und wurden für das sonst für seine Höflichkeit bekannte Land sehr furios geführt.

Trump nannte Kim Jong-Un einen „schlauen Keks“

Aber es sind aufregende Zeiten: Die Wahl findet statt inmitten einer der schlimmsten Krisen mit dem Nachbarn Nordkorea, die diese Generation erlebt hat. Täglich fliegen US-amerikanische und südkoreanische Flugzeuge an der Grenze zum Norden Manöver und demonstrieren ihre Stärke gegenüber dem Regime von Kim Jong-Un. Der wiederum bedroht nicht nur das knapp 50 Kilometer von der Grenze entfernte Seoul mit seinen Atomraketen, sondern auch die Vereinigten Staaten. Deren Präsident Donald Trump hat den Norden provoziert, weil er im Süden auf einem Golfplatz ein Raketenabwehrsystem (THAAD) installiert hat – und Diktator Kim einen „schlauen Keks“ nannte, den er „gern treffen würde“.

Der bisherige Favorit auf das Amt des Präsidenten, der liberal-konservative Moon Jae-in, gab daraufhin US-Medien ein Interview, in dem er einen gemäßigteren Kontakt mit Nordkorea ankündigte und zugleich die „hastige Einrichtung des THAAD“ noch vor der Wahl als Einmischung kritisierte.

Dessen ebenfalls aussichtsreicher Konkurrent Ahn Cheol-soo stellte sich gegen diese Kritik, kündigte aber ebenfalls Gespräche mit dem Norden an. Er setzt aber in seinen Reden vor allem auf die Entwicklung der Wirtschaft und schlug ein Programm „Instrie 4.0“ vor, dass weitreichende Reformen verspricht, um Korruption zu bekämpfen und das eingefahrene Wirtschaftssystem, das traditionell stark mit der Regierung verknüpft ist, zu liberalisieren.

„Kandidat Moon ist mit Merkel vergleichbar“

Der Berliner Korea-Experte Hannes Mosler zweifelt aber, dass solch eine Reform (Industry 4.0) schnell Erfolg verspricht. „Er konnte punkten, weil er eben nicht zum Establishment gehörte und bei Treffen mit Jugendlichen auch einmal die Krawatte abnahm“, sagt er, „aber allein mit Expertise zu Industrie 4.0 lässt sich kein Land regieren.“

Mosler hält es für unwahrscheinlich, dass sich die starren Hierarchien bei Samsung, LG und Kia und deren enge Verbindung zur Politik so schnell lösen lassen. „Moon hingegen konnte bei den Debatten mit Charisma und Erfahrung punkten.“ Es sei zudem seine zweite Kandidatur als Präsident und diese Erfahrung merke man dem ehemaligen Menschenrechtsanwalt und engen Vertrauten sowie Stabschef von Präsident Roh Moo-hyun an. „Er hat einen ausgleichenden Charakter, am ehesten mit Angela Merkel vergleichbar: konservativ, aber gesprächsbereit.“

Plötzlicher Aufstieg des Ultra-Konservativen Hong Joon-pyo

Mit Staunen erlebten aber alle Analysten neben den beiden Kandidaten Yoo und Sim den plötzlichen Aufstieg des Ultra-Konservativen Hong Joon-pyo. Der 62-Jährige kündigte als erste Amtshandlung ein Treffen mit Donald Trump an. Geschirrspülen sei Frauensache, Linke Politiker hätten in Südkorea nichts zu suchen und Homosexuelle sollten verfolgt werden, weil sie AIDS verbreiten.

Dass er der Partei entstammt, die nach dem Amtsenthebungsverfahren soeben als entmachtet galt, lässt Hong nicht gelten. Seine flegelhaften Auftritte in den TV-Debatten fanden trotzdem viele Fans und brachten ihn zeitweise hinter Moon als zweiten aussichtsreichsten Kandidaten – und ihm den Ruf des „Korea-Trumps“.

Hong: „Wenn Moon Präsident wird, marschiert der Norden ein“

„Hong hat in allen Äußerungen vor allem in Richtung der Reichen klar gemacht“, sagt Mosler, „dass Südkorea ein Land sein soll, in dem es sich gut wirtschaften lässt.“ Aber seine Sprechweise habe stark an einen wütenden alten Herrn in der Kneipe erinnert – insbesondere bei Themen der inneren und äußeren Sicherheit. Hong, der aus der Partei der aus dem Amt gejagten Präsidentin kommt, musste sich profilieren. Das aber hänge, so der Korea-Experte, mit der Verfassung zusammen, die nur eine Amtszeit pro Präsident zulasse. Park hatte keinen Nachfolger aufgebaut, also musste der neue Kandidat um jeden Preis auffallen. „Alle anderen Parteien wirken hingegen automatisch sehr gemäßigt in diesem Licht.“

Kim Mi-Na hat Hong vor allem Angst gemacht. „Hong hatte sagt, wenn wir Moon wählen, dann marschiert der Norden ein.“ Doch sie ist das Kriegsgeheul von Politikern seit Jahren gewöhnt, es wird sie nicht abhalten, am Dienstag Moon zu wählen. Das sagt sie auch ihren Freunden. Am Abend wird sie sich mit denen treffen. Es wird Grüntee geben und Bier, getrockneten Tintenfisch und gebratene Hühnchen. Sie werden auf den Bildschirm starren und hoffen, dass es nicht wieder eine Katastrophe gibt. „Ich war so geschockt, als vor vier Jahren Park Präsidentin wurde“, sagt sie. „Es kann nur besser werden.“

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