Griechenland

"Noch eine Fluchtkrise wie 2015 würden wir nicht verkraften"

George Florentis ist griechischer Staatssekretär für Flüchtlinge. Er fordert: Die Europäische Union muss endlich geschlossen auftreten.

Er muss die Fluchtkrise in Griechenland bewältigen: Staatssekretär George Florentis von der Regierung in Athen

Er muss die Fluchtkrise in Griechenland bewältigen: Staatssekretär George Florentis von der Regierung in Athen

Foto: Christian Unger

Athen.  Kaum ein europäisches Land stand so im Fokus von Politik und Öffentlichkeit wie Griechenland. Erst kämpfte der Staat mit der Wirtschaftskrise, dann kamen 2015 mehr als eine Million Geflüchtete auf den griechischen Inseln vor der Küste der Türkei in Schlauchbooten an.

Seit Januar 2017 ist George Florentis Staatssekretär der griechischen Regierung für Migrations- und Flüchtlingspolitik und Kommunikation. Florentis lobt die Zusammenarbeit mit Europa in einigen Punkten. Doch der Grieche sagt auch: "Manchmal stört mich allerdings, dass viele EU-Politiker nur auf die Zahlen schauen. Aber wir haben es mit Menschen zu tun."

Seit einem Jahr gilt das Abkommen zwischen der EU und der Türkei – hält das Abkommen?

George Florentis: Das Abkommen mit der Türkei funktioniert – wir streben nach einer vollständigen Erfüllung. Die Grenzen zu Europa sind weiterhin geschlossen. Es kommen nur noch wenige neue Flüchtlinge auf den griechischen Inseln an. Auch die Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden klappt meistens gut.

Doch es gibt Probleme: Es geht darum, dass die EU-Länder ihre Versprechen an Griechenland erfüllen müssen. Die EU hat sich verpflichtet, 66.000 Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen und in den Staaten Europas zu verteilen. Doch bisher sind noch nicht einmal 10.000 Migranten von Griechenland aus verteilt.

Auch die Zusage über 400 EU-Asylbeamte ist erst zu einem Bruchteil erfüllt. Die EU muss endlich geschlossen in der Krise auftreten. Alle Länder Europas müssen helfen, die Notlage zu bewältigen.

Griechenland bekommt viele Millionen Euro von der EU. Manche Politiker beklagen, dass die griechischen Behörden nicht schnell genug die Asylanträge bearbeiten.

Florentis:Die Krise ist nicht vorbei. Aber wir werden besser. Wie alle waren wir überfordert mit der Situation, dass täglich Tausende Flüchtlinge auf die griechischen Inseln kamen. Vor kurzem sind überall im Land regionale Hauptgeschäftsstellen sowie in der Peripherie weitere Asylbehörden eröffnet worden. Die Gutachter von EASO unterstützen uns und arbeiten mit den Asylbehörden zusammen, um die Asylanträge schnell zu prüfen.

Manchmal stört mich allerdings, dass viele EU-Politiker nur auf die Zahlen schauen. Aber wir haben es mit Menschen zu tun. Wir entscheiden mit dem Asyl auch über ihr Leben.

Die Situation der Menschen in den Hotspots, etwa auf Lesbos, war im Winter dramatisch. Wie ist die Lage jetzt?

Florentis:Wir haben die alten Zelte inzwischen ersetzt. Die Menschen leben in stabileren Unterkünften. Die Versorgung ist gut. Dennoch müssen wir alles dafür tun, dass es nicht erneut zu einer Ausnahmesituation wie 2015 kommt. Das würden die griechischen Inseln nicht mehr verkraften.

Ist die Hilfsbereitschaft der Griechen immer noch groß – oder kehrt Müdigkeit und Frust ein?

Florentis:Die Menschen in Griechenland sind weiter sehr hilfsbereit. Die Leistung der Bewohner von den Inseln ist sehr groß. Anders als in vielen europäischen Staaten erleben wir keinen Aufstieg des Rechtspopulismus.

Auch in Griechenland und auf den Inseln gab es Demonstrationen von Extremisten.

Florentis:Das ist eine Minderheit. Sie müssen verstehen, dass die Menschen in Griechenland seit mehreren Jahren nicht nur die Flüchtlingskrise erleben, sondern auch die Finanzkrise. Aus meiner Sicht sind die Folgen der Finanzkrise viel gravierender als die Notlage mit den Migranten. Beides müssen wir politisch lösen. Das ist die Herausforderung für die griechische Regierung in den kommenden Jahren.

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