Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.

Der Schattenmann

Den Ort hat Harald Christ vorgeschlagen: "Wir treffen uns am Elefantentor." In der City West, denn hier kennt sich Christ gut aus, wohnt er doch in der Nähe. Das passt auch zu ihm, ist er doch auch ein Schwergewicht – in der Wirtschaft, in der Politik. "Ich gehe gern in den Zoo, da komme ich zur Ruhe", erzählt der 45-Jährige, der seit gut einem Jahr Vorstandschef Vertrieb beim Versicherungsunternehmen Ergo ist. Und der gerade wieder im politischen Geschäft ein gefragter Gesprächspartner ist, gehörte er doch 2009 zum Schattenkabinett des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Für die Bereiche Wirtschaft und Mittelstand. Wäre er nicht geradezu prädestiniert für ein Schattenkabinett von Martin Schulz, dem neuen Kanzlerkandidaten der SPD, der der Partei gerade zu einem Höhenflug verhilft?

Erst einmal machen wir die Fotos – und verzichten auf einen Zoobesuch, denn an diesem Morgen ist es regnerisch und kühl, ja richtig kalt. Wir laufen einfach mal los, einmal um den Block, Richtung Literaturhaus an der Fasanenstraße. Harald Christ erzählt. Von seinem Leben, von seinem Beruf, von der Partei. Und es gibt viel zu erzählen. Da ist der eine Strang, seine berufliche Karriere, die aber eng verbunden ist mit seiner Partei, mit der SPD.

Christ, in Worms geboren und dort, in der Nähe der kleinen rheinland-pfälzischen Stadt aufgewachsen, wollte nach der Schule eine Ausbildung zum Bankkaufmann machen. Doch daraus wurde nichts. "Ich habe unzählige Bewerbungen geschrieben", erinnert er sich. "Aber ich war kein Miki und auch kein Kuki." Miki? Kuki? "Kein Mitarbeiterkind und kein Kundenkind, meine Eltern war keine vermögenden Bankkunden", klärt Christ auf. Er empfindet das als ungerecht, fühlt sich wegen seiner Herkunft – Vater Mitarbeiter bei Opel, Mutter Hausfrau – benachteiligt, von gleichen Bildungschancen ausgeschlossen. Mit einer der letzten Bewerbungen klappt es, Christ macht eine Ausbildung zum Industrie­kaufmann bei den Stadtwerken Worms.

Eine steile Karriere schon in jungen Jahren

So schwer sein Berufsstart ist, so gut geht es weiter. Berufsbegleitend absolviert Christ eine Ausbildung im Banken- und Versicherungsgewerbe ("Da schließt sich ein Kreis, ich bin nicht ohne Grund heute bei Ergo"), danach geht es zur BHW Bausparkasse – und dann über viele Stationen immer weiter bergauf.

Schnell erzählt ist das nicht, denn es sind etliche unterschiedliche Positionen. Vertriebsdirektor bei der BHW Bausparkasse, dann Direktor für Vertrieb bei der Deutschen Bank 24. Da ist Christ gerade mal 27 Jahre alt ("Wahrscheinlich war ich wieder der Jüngste"), arbeitet also bei der Deutschen Bank in Frankfurt am Main und findet das "extrem spannend". Doch nach drei Jahren, im Jahr 2002, geht es nach Hamburg – "Hambursch", wie Christ sagt, man hört ihm den Pfälzer Dialekt noch gut an. "Mich haben schwierige Themen immer fasziniert", sagt er. "Ich wollte damals aber auch gerne eine ganzheitliche Verantwortung übernehmen."

Da trifft es sich gut, dass ein Personalberater anfragt und ihn zur HCI holt. "Das steht nicht für meine Initialen", sagt Christ und lacht. Das macht er häufig, er ist ein optimistischer, ein gut gelaunter Mensch. HCI Capital AG – das ist eine Hamburger Kapitalanlagegesellschaft, die Christ schließlich an die Börse bringt. Er ist Geschäftsführer und Gesellschafter, anfangs sind es 70, später dann mehr als 300 Mitarbeiter. "Ich habe das Ziel, weshalb ich geholt wurde, erreicht", sagt er.

Im Herbst 2007 scheidet er aus. Christ ist zu diesem Zeitpunkt ein wohlhabender Mann. Er hat eine Wohnung in Worms, eine in Berlin, ein Haus in Südafrika. "Ich habe immer gut verdient, auch danach", sagt er. "Aber das Einkommen war nie der Antrieb, es ging mir nie um maximale Vermögensbildung", sagt Christ – und man glaubt es ihm. Denn er engagiert sich während seiner Berufstätigkeit auch immer sozial, unterstützt Projekte und spendet – ob in Worms, Berlin oder Südafrika.

Von Hamburg geht es zur WestLB und Weberbank. Es wird ein kurzer Aufenthalt. Gleich drei Mal kommt es bei der WestLB zu einem Führungswechsel, die Finanzkrise ist fast schon ausgebrochen. Nach nur einem Jahr scheidet Christ wieder aus – und erzählt ganz freimütig, dass ihm damals eine Millionenabfindung zugestanden hätte. Eine Millionenabfindung im zweistelligen Bereich, so wie sie kürzlich die VW-Managerin Christine Hohmann-Dennhardt, auch ein SPD-Mitglied, erhalten hat. Sie bekam rund zwölf Millionen Euro nach nur 13 Monaten Tätigkeit. "Ich habe die Abfindung abgelehnt", sagt Christ – und schaut einen erwartungsvoll an. "Warum das? Sie hätten ausgesorgt." Die Antwort scheint er schon häufiger gegeben zu haben: "Man kann nicht mehr als ein Schnitzel essen." Und, so Christ, "ich wollte nicht auf die Titelseite der "Bild"-Zeitung, man kann nicht nach einem Jahr mit so einer Abfindung nach Hause gehen. Es geht auch um Moral und Anstand." Die Botschaft ist ihm wichtig. Zumal die WestLB während der Finanzkrise mit fünf Milliarden Euro gerettet werden muss, mit öffentlichem Geld.

Danach legt Christ eine Pause ein. Kümmert sich um seine eigenen Gesellschaften, mit denen er in Firmen und Start-ups investiert, hält Vorträge und ist als Berater tätig. Und erreicht auf einmal eine Aufmerksamkeit über seine Wirtschaftskreise hinaus. "Ich war gerade beim Britney-Spears-Konzert in der O2-Arena, als Steinmeier anrief", erinnert sich Christ. Ob er ins Schattenkabinett kommen wolle, für Wirtschaft und Mittelstand? Christ will. 200 Termine in zwölf Bundesländern nimmt er in den Wahlkampfmonaten wahr.

Es geht bekanntlich schief. Angela Merkel mit der CDU gewinnt die Wahl, Steinmeier wird Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, Christ ist zurück im Alltag – und wird Landesschatzmeister der Berliner SPD, auf Bitten von Klaus Wowereit, damals noch Regierender Bürgermeister in Berlin und mit Christ gut befreundet. Die SPD, die liegt Christ seit frühester Jugend am Herzen. Vor 29 Jahren ist er in Worms in die Partei eingetreten, engagiert sich bei den Jusos, kennt aus dieser Zeit Andrea Nahles, die heutige Bundesarbeitsministerin. Er baut sich ein großes Netzwerk auf. In der SPD ist Christ bekannt, ist in Hamburg sogar mal als Spitzenkandidat gegen Ole von Beust im Gespräch, dort auch Landesschatzmeister. "Ich bin öfter für Mandate oder Kandidaturen angesprochen worden, aber ich wollte nie in die Abhängigkeit geraten, von der Politik leben zu müssen", sagt Christ ganz freimütig. "Politische Karrieristen", die nur das Ziel haben, irgendwo einen Posten ergattern wollen, ohne ein inhaltliches Ziel zu verfolgen, die mag er nicht. Man sieht ihm den Widerwillen geradezu an.

Nach der Erfahrung, Mitglied eines Schattenkabinetts zu sein, legt Christ nochmals eine Pause ein. Er ist für seine Unternehmen tätig, hält Vorträge, berät, schreibt ein Buch ("Deutschlands ungenutzte Ressourcen") über die Bildungspolitik, aus der Sicht der Wirtschaft – und sucht doch was Neues. "Ich war ja noch keine 40 und zu jung, das Leben eines 65-Jährigen zu führen", sagt Christ. Es gibt neue Optionen, er entscheidet sich für die Postbank, wird dort im Vorstand zum Vorsitzenden der Postbank Finanzberatung AG berufen und ist gleichzeitig für den Vertrieb zuständig. Außerdem wird er Generalbevollmächtigter der BHW Bausparkasse – "Da schließt sich ein Kreis, dort habe ich ja meinen eigentlichen Berufsweg begonnen", sagt Christ. Das mit den Kreisen ist ihm wichtig. Wir sind inzwischen im Literaturhaus angekommen, trinken Tee. Christ schüttet ein kleines Kännchen kalte Milch in seine Teekanne. "Das ist britisch", sagt er auf die entsetzten Blicke hin. "Und man kann den Tee schneller trinken."

Nach der Postbank, wo er seinen Dreijahresvertrag erfüllt, ist Christ im vergangenen Jahr dann bei dem Versicherungsunternehmen Ergo angekommen. "Ich wollte immer noch mal gerne einen großen Vertrieb leiten, da schließt sich wieder ein Kreis", sagt der Manager. Ergo, das ist ein Versicherer im Umbruch, da geht es um Kosteneinsparungen, Strategie und um Personalabbau. Im Vertrieb, für den Christ verantwortlich zeichnet, arbeiten rund 12.000 Menschen. Christ pendelt zwischen Düsseldorf und Berlin – und immer wieder auch nach Worms.

Mit Michael Frenzel gründet er das SPD-Wirtschaftsforum

Und da ist dann noch die Politik, für die sich der Manager Zeit nimmt. Gemeinsam mit dem Ex-Tui-Chef Michael Frenzel gründet er das "SPD-Wirtschaftsforum", hält Vorträge, organisiert Veranstaltungen – oder lädt regelmäßig zu sich nach Hause zum Abendessen und Austausch ein. "Kaum einer ist so gut vernetzt wie ich", sagt Christ, voller Selbstbewusstsein. Sein Adressbuch ist dick, er kennt Hunderte Menschen in Politik, Wirtschaft, Medien, Gewerkschaften. Das Netzwerk ist ihm wichtig, es trägt ihn. "Es hat sicherlich vieles in meiner Entwicklung positiv beeinflusst", sagt Christ.

Und wie ist das mit dem Privatleben? Kommt das nicht viel zu kurz bei seiner beruflichen Tätigkeit, bei all dem parteipolitischen Engagement? "Ich habe viele Jahre mein Privatleben dem Beruf und der Politik untergeordnet." Christ, der sich erst im Alter von 31 Jahren als homosexuell outete, redet offen über sein Privatleben. "Auch meine Partnerschaft ist wohl ein Opfer der beruflichen Beanspruchung." Derzeit ist er Single, "mir fehlt nix", er ist viel unterwegs, in Berlin, in Deutschland, er umgibt sich mit den Menschen, die er mag.

Und wie ist das jetzt mit Martin Schulz? "Ich kenne ihn, ich schätze ihn", sagt Christ. Schulz habe eine "Riesenchance", Bundeskanzler zu werden, weil er nicht in der deutschen Innenpolitik verbrannt sei, weil er die richtigen Themen anspreche, weil er eine klare Sprache spreche. "Nicht ,Wir schaffen das' und ,Weiter so'", sagt Christ. Man spürt wie bei so vielen anderen Sozialdemokraten in diesen Wochen die Begeisterung für den neuen Kandidaten, der so anders ist als Sigmar Gabriel, man spürt Hoffnung, dass es vielleicht etwas werden könnte mit einem Machtwechsel. Und: "Werden Sie wieder Mitglied im Schattenkabinett von Martin Schulz?" Darauf gibt es dann, zum ersten Mal, an diesem Vormittag, keine Antwort.

Dafür erzählt Christ später eine andere Geschichte. Die von Helmut Schmidt, dem ehemaligen, dem 2015 verstorbenen Bundeskanzler. Schmidt schrieb auch das Vorwort für Christs Buch. Er habe Schmidt einige Jahre zuvor kennengelernt, ihn regelmäßig getroffen, berichtet Harald Christ sichtlich stolz. Vor der Entscheidung, in Steinmeiers Schattenkabinett zu gehen, habe Schmidt ihm geraten, sich das gut zu überlegen, denn danach gebe es kein Zurück, sein Leben, vor allem das öffentliche, werde sich ändern. "Er hatte recht", sagt Christ. Und dann, im letzten Gespräch, einige Monate vor seinem Tod, habe Schmidt zu ihm gesagt: "Mach' weiter Politik." Harald Christ lächelt. Es ist alles gesagt.

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