Demoskopie

SPD im Höhenflug? So sehr kann man Umfragen wirklich trauen

| Lesedauer: 8 Minuten
Benjamin Köhler
Meinungsumfragen sollen über das politische Meinungsbild einer Gesellschaft informieren. Die Wahl vorhersagen können sie aber nicht.

Meinungsumfragen sollen über das politische Meinungsbild einer Gesellschaft informieren. Die Wahl vorhersagen können sie aber nicht.

Foto: Aslan Alphan / iStockphoto

Nach US-Wahl und Brexit verloren Umfragen an Glaubwürdigkeit. Zwei Forscher erklären, warum die Kritik an Demoskopen zu weit geht.

Berlin.  Meinungsforscher sind keine Hellseher. Besonders deutlich wurde das in den vergangenen Monaten: Da stimmt Großbritannien überraschend für den EU-Austritt und Trump gewinnt noch überraschender bei der US-Wahl – und niemand hatte es kommen sehen. Schnell waren in den Meinungsforschern die Schuldigen gefunden. Doch ist das wirklich so einfach?

Die Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Uni Mainz und Thomas Zerback von der Ludwigs-Maximilian-Universität München erklären im Gespräch mit unserer Redaktion, wie Umfragen erstellt werden, wo ihre Schwächen liegen und wie das derzeitige Umfragehoch für den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz eigentlich zu bewerten ist.

Wie werden Meinungsbefragungen durchgeführt?

Es gibt verschiedene Methoden. Die großen Institute in Deutschland wie etwa Forsa oder Emnid führen am häufigsten Telefonbefragungen durch. Aber auch die Online-Befragung oder die persönliche Befragung in den Haushalten direkt vor Ort ist üblich.

Jede Herangehensweise hat laut Zerback ihre eigenen Vor- und Nachteile. So kann es beispielsweise bei der persönlichen Befragung dazu führen, dass sich die Befragten womöglich nicht trauen, dem Interviewer ihre tatsächliche politische Gesinnung offenzulegen. „Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn er eine Partei bevorzugt, die am Rande des politischen Spektrums angesiedelt ist“, sagt Zerback.

Wie werden die Befragten ausgewählt?

Die zu befragenden Personen werden zufällig ausgewählt. Bei der Telefonbefragung werden mit dem Zufall bestimmte Nummern angerufen, wie Faas erklärt. Das reicht allerdings nicht. „Im zweiten Schritt wird innerhalb des Haushalts eine Person zufällig ausgewählt“, sagt er. So könne der Anrufer beispielsweise darum bitten, mit der Person zu sprechen, die als letzte Geburtstag hatte.

Werden die Telefonumfragen nur über Festnetz durchgeführt?

Nein. Das kann die Umfrage verfälschen, weil laut Faas zehn Prozent der Menschen nur noch auf dem Handy zu erreichen sind. „Das klingt erstmal nicht viel, aber wenn diese Gruppe systematisch anders wählt – man denke an die Piraten –, dann hat das sehr reale Folgen“, sagt der Wissenschaftler. Viele Institute führen deshalb ihre Befragungen sowohl übers Festnetz als auch über das Handy durch.

Was passiert mit den erhobenen Daten? Wie werden sie gewichtet?

Bei jeder Stichprobe treten sogenannte Verzerrungen auf. Diese können sich dadurch ergeben, dass eine Gruppe der Bevölkerung in der Stichprobe über- oder unterrepräsentiert wird. So sei dies häufig bei Rentnern der Fall, weil diese eher an Umfragen teilnehmen, erklärt Zerback.

Merken die Institute, dass sie in ihrer ausgewählten Zufallsstichprobe mehr Rentner haben, als proportional in der Bevölkerung vorhanden sind, wird diese Verzerrung mithilfe der tatsächlichen Daten zur Bevölkerungsstruktur entweder nach oben oder unten korrigiert.

Wenig bekannt ist hingegen über Gewichtungsmethoden, die Verzerrungen von Merkmalen ausgleichen, die in der offiziellen Bevölkerungsstatistik nicht erfasst werden. „Das sind Betriebsgeheimnisse, da weiß man eigentlich sehr wenig drüber“, kritisiert Zerback.

Meinungsinstituten wird durch jeweilig unterschiedliche Werte eine politische Nähe nachgesagt: Stimmt das?

„Ich würde nicht sagen, dass das der Fall ist“, sagt Zerback. Zwar kann man etwa bei Forsa Phasen feststellen, in denen die SPD im Vergleich zu anderen Instituten unterschätzt wurde. Dies ist jedoch den oben angesprochenen Gewichtungsmethoden geschuldet, die sich je nach Institut unterschieden. „Mit politischer Nähe haben diese sogenannten Hauseffekte nichts zu tun“, stellt Zerback klar.

Welchen Vorteil haben Online-Befragungen?

Die Online-Befragung hat zwar den Vorteil, dass sie komplett anonym durchgeführt wird. So gebe es Studien, die zeigen, dass Befragte anders antworten, wenn sie persönlich befragt werden, erklärt Zerback.

Allerdings unterliegen Online-Befragungen laut dem Forscher starken Verzerrungen, weil beispielsweise nicht alle Bürger über einen Internetzugang verfügen. Demoskopen müssten somit einen wesentlich höheren Aufwand betreiben, um diese auszugleichen.

Wie stark kann sich eine Verzerrung auf die Umfrage auswirken?

Das kommt auf die Anzahl der befragten Personen an. Generell gilt: Je größer die Stichprobe, desto kleiner ist die Abweichung von den tatsächlichen Werten in der Bevölkerung – vorausgesetzt, die Personen werden zufällig für die Befragung ausgewählt.

Wurden in einer Erhebung 2000 Leute befragt, kommt es zu einer Verzerrung von +/- zwei Prozent. „Wird dabei gesagt, dass zum Beispiel die SPD auf 30 Prozent kommt, kann ihr Wert theoretisch zwischen 28 und 32 Prozent liegen“, so Zerback. Demoskopen bezeichnen dieses Phänomen als zufälligen Stichprobenfehler, der automatisch auftritt.

Schulz-Effekt und Trump-Wahl: Wie realistisch sind Umfragen tatsächlich?
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Ein größeres Problem stellen dagegen systematische Fehler dar, die sich kaum quantifizieren lassen, weil sich nicht genau sagen lässt, welchen Verzerrungen eine Stichprobe unterliegt. „So kann es zum Problem werden, wenn plötzlich viele Nichtwähler zur Wahl gehen“, sagt Zerback.

Insbesondere wenn Umfragen von Laien durchgeführt werden, ist es auch möglich, dass diese falsch ausgewertet werden.

Wenn nur 1000 Leute befragt werden, wie kann eine Umfrage dann als repräsentativ gelten?

Weil sich Demoskopen das „Gesetz der großen Zahl“ zunutze machen. „Wenn sie einen Würfel 1200 Mal werfen, dann werden sie am Ende vermutlich ungefähr 200 Mal eine ‚1‘, 200 Mal eine ‚2‘ und so weiter haben“, sagt Faas. Allerdings darf auch hier nicht vergessen werden, dass Befragungen wie oben erwähnt Schwankungen ausgesetzt sind.

Während Demoskopen bei einer Umfrage unter 1000 Personen von einer Abweichung von +/- drei Prozentpunkten ausgehen, hat eine Erhebung unter 2000 Personen eine Schwankung von +/- zwei Prozent. „Das kann ganz schön viel sein, beispielsweise bei einer Partei, die knapp über der 5-Prozent-Hürde liegt“, sagt Zerback.

Wie wird in den Umfragen mit Unentschlossenen umgegangen?

Spätentscheider gehören zu den größten Herausforderungen für Demoskopen, weil sie in der Umfrage, anders als später in der Wahlkabine, keine Auskunft geben. Ihr Anteil liegt bei 25 bis 30 Prozent – mit steigender Tendenz. Zwar wissen Demoskopen ungefähr, wie ihre Tendenz ist.

Aber es nicht auszuschließen, dass sich sie sich am Ende sogar wegen einer Umfrage anders entscheiden, wie Faas erklärt. „Dann führen Umfragen sich scheinbar selbst ad absurdum“, sagt er.

Wie sehr beeinflussen Meinungsumfragen Bürger bei ihrer Entscheidung in der Wahlkabine?

Umfragen sollen informieren. „Man weiß aber auch, dass Umfragen das Wahlverhalten beeinflussen“, sagt Zerback. Das sei zum Beispiel bei strategischen Überlegungen der Fall, etwa der Koalitionsfrage oder aber, ob eine Partei jede Stimme braucht, um überhaupt in den Bundestag zu kommen. „Sie liefern wichtige Informationen, die man bei Entscheidungen berücksichtigt“, so Faas.

Erwartet uns bei der Bundestagswahl ein ähnliches Szenario wie bei der US-Wahl, als Donald Trump völlig unerwartet gewann?

Das ist immer möglich. Bei der US-Wahl könnte einer der Gründe gewesen sein, dass plötzlich Bürger – vor allem aus der weißen Unterschicht – ihre Stimme abgaben, die vorher Nichtwähler waren, wie Zerback erklärt. Über diese gab es somit keine Informationen. Für die Genauigkeit von Umfragen sei es aber wichtig, Tendenzen aus der großen Gruppe der Unentschlossenen Bewegungen zu entdecken. „Und das ist sehr schwer“, sagt Zerback.

Wie erklärt sich das derzeitige Umfrage-Hoch der SPD?

Martin Schulz vermittele eine Aufbruchstimmung und schafft es somit offenbar, aus dem Lager der Unentschlossenen Stimmen für die SPD zu gewinnen. Allerdings, sagt Zerback, sei ein ähnlicher Effekt auch bei Schröder oder Steinmeier feststellbar gewesen, als sie neu nominiert wurden. „Die Frage ist halt, ob Schulz dieses Momentum mit Inhalten halten könne.“

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