Familie

Zahl adoptierter Kinder in Deutschland nimmt immer mehr ab

Immer weniger Paare in Deutschland nehmen fremde Kinder an. Um das zu ändern, will die große Koalition die Voraussetzungen erleichtern.

Madonna schützt bei einem Besuch in Malawi ihren Adoptivsohn David (l.), daneben ihre gleichfalls adoptierte Tochter Mercy.

Madonna schützt bei einem Besuch in Malawi ihren Adoptivsohn David (l.), daneben ihre gleichfalls adoptierte Tochter Mercy.

Foto: dpa Picture-Alliance / Tsvangirayi Mukwazhi / picture alliance / AP Photo

Berlin.  Adoptieren ist für viele der letzte Ausweg: Tausende Paare, die sich vergeblich um eigene Kinder bemühen, setzen ihre Hoffnung auf ein Adoptivkind. Doch die Chancen sind gering. Auf ein Kind kamen zuletzt mehr als sieben Bewerbungen. Insgesamt hat sich die Zahl der Adoptionen in Deutschland in den letzten 25 Jahren halbiert. Union und SPD wollen die Adoption in Deutschland reformieren. Die Verfahren sollen einfacher werden, auch ältere Bewerber sollen zum Zug kommen dürfen.

Anfang der 90er-Jahre wurden pro Jahr noch mehr als 8000 Adoptionen abgeschlossen, in den letzten Jahren waren es jeweils nur noch weniger als 4000. Doch warum ist das so? Die Antwort lautet: Keiner weiß es genau. Die Adoptionspraxis in Deutschland ist in vielen Bereichen eine Blackbox. „In Deutschland gibt es bislang kaum Forschung zum Thema Adoption“, sagte Paul Bränzel vom Deutschen Jugendinstitut in München unserer Redaktion.

In Deutschland ist fast jedes zehnte Paar ungewollt kinderlos

In den USA oder Großbritannien sei das anders. „Wir wissen hierzulande bisher zu wenig über die Lebenswirklichkeit von Adoptierenden, Adoptivkindern und abgebenden Eltern und über die Praxis der Adoptionsvermittlung.“ Bränzel gehört zum Team des neuen Expertise- und Forschungszentrums Adoption (EFZA), das im Auftrag von Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) dabei ist, diese Lücke zu schließen.

Anfang der 90er-Jahre meldeten sich noch jedes Jahr mehr als 20.000 Paare für eine Adoption – in den letzten Jahren waren es dagegen weniger als 6000. Einer der wichtigsten Gründe dafür liegt auf der Hand: Die Kinderwunschmedizin, etwa die hormonelle Fruchtbarkeitsbehandlung oder die künstliche Befruchtung, hat sich erfolgreich weiterentwickelt, so dass viele Paare doch noch zum leiblichen Kind kommen.

Staatliche Hilfen ausgebaut

Doch warum stehen gleichzeitig immer weniger adoptionsbereite Kinder zur Verfügung? Liegt es daran, dass es heute leichter ist als vor 20 Jahren, ein Kind großzuziehen – etwa, weil Alleinerziehende heute keine Ausnahme mehr sind oder weil die staatlichen Hilfen ausgebaut wurden? Oder hat es damit zu tun, dass die Jugendämter bedürftige Kinder heute länger in der Herkunftsfamilie lassen oder eher in Pflegefamilien geben statt Adoptiveltern zu suchen?

Immerhin wurden im Jahr 2015 in 239 Fällen Kinder ohne Einwilligung der Eltern von den Familiengerichten zur Adoption freigegeben. Das ist gesetzlich möglich, wenn die Eltern ihre Pflichten anhaltend grob verletzen oder schwer psychisch erkrankt sind. Besonders viele Fälle gab es in Bremen, Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.

Vielen Kindern würde es in einer stabilen Adoptivfamilie besser gehen

Den Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos ärgert es, dass bei Adoptionen extrem hohe Anforderungen an die potenziellen Eltern gestellt würden, man aber oft zu zögerlich sei, Kinder bei Anzeichen für Missbrauch von ihren leiblichen Eltern zu trennen. Adoptionen sollten erleichtert werden, damit mehr misshandelte Kinder eine liebevolle Familie finden können. Auch Jugendforscher Bränzel streitet nicht ab, dass es manchem Kind in einer stabilen Adoptivfamilie besser gehen könnte.

Insgesamt wurden 2015 in Deutschland 3812 Kinder adoptiert. Zwei Drittel davon waren Stiefkinder oder weiter entfernt verwandte Kinder, ein Drittel waren fremde Kinder. Die Zahl der Auslandsadoptionen hat sich laut einer Studie der Technischen Universität Dortmund zwischen 2005 und 2015 nahezu halbiert – von rund 550 Fällen auf zuletzt rund 260 Fälle.

Während es bei den Stiefkind­adoptionen vor allem um Kinder im Schulalter ging, wurden bei den Fremdadoptionen mehrheitlich Kleinkinder vermittelt: 2015 waren 65 Prozent dieser Kinder unter drei Jahre alt. Die meisten kamen aus südamerikanischen Ländern (29 Prozent), gefolgt von Kindern aus asiatischen Ländern (25 Prozent) sowie aus europäischen Nicht-EU-Staaten (18 Prozent).

Wer älter als 40 Jahre ist, hat oft keine Chance mehr

Seit Langem klagen Mitarbeiter in den öffentlichen Vermittlungsstellen über uneinheitliche Regelungen – etwa bei der Frage, welche Voraussetzungen Paare mitbringen müssen, die ein Kind adoptieren wollen. Nur das Mindestalter ist gesetzlich geregelt: Adoptiveltern müssen in der Regel älter als 25 Jahre sein. Ein Höchstalter ist nicht festgelegt.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter spricht sich jedoch dafür aus, dass das Alter der Adoptiveltern im Verhältnis zu den Kindern einem natürlichen Abstand entsprechen soll. In der Richtlinie der Berliner Vermittlungsstelle des Senats heißt es daher: „Für das Wohl des Kindes sollte ein Altersabstand von 35 bis 40 Jahren nicht überschritten werden.“ Das heißt: Wer älter als 40 ist, hat kaum noch Chancen.

Marcus Weinberg findet das falsch: „Wir haben uns im Koalitionsvertrag auf eine Modernisierung des Adoptionsrechts verständigt, weil wir eine Anpassung an die veränderten Lebensrealitäten brauchen“, sagte der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion unserer Redaktion. Die gestiegene Lebenserwartung und die Tendenz, später Familien zu gründen, müssten sich auch im Adoptionsrecht wiederfinden. „Damit könnte es uns möglicherweise auch gelingen, wieder mehr Kindern eine Chance auf ein neues glückliches Zuhause zu geben.“

Kein Gesetz mehr in dieser Legislaturperiode

Ministerin Schwesig dagegen will abwarten, welche Empfehlungen die Forscher des EFZA der Politik machen – sie sollen im Sommer vorliegen. Das hieße: In dieser Wahlperiode wird es nichts mehr mit einer Reform werden. Beim Koalitionspartner runzeln sie deswegen die Stirn: „Wir als Union halten weiterhin am Ziel fest, noch in dieser Legislaturperiode das Adoptionsverfahren weiterzuentwickeln und das Adoptionsvermittlungsgesetz zu modernisieren“, so Weinberg. Zentral sei, dass bei allen Änderungen das Kindeswohl im Mittelpunkt stehe.

Gegen eine schnelle Reform spricht jedoch auch, dass Union und SPD nach wie vor uneins sind in der Frage, ob homosexuelle Paare Kinder adoptieren sollten. In Deutschland gilt: Ehepaare und Alleinstehende dürfen adoptieren. Ehepartner können zudem ein leibliches Kind oder ein vor der Ehe adoptiertes Kind des anderen Ehepartners adoptieren – zwei Varianten, die seit einigen Jahren auch Homosexuellen in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft zustehen. Eine gemeinsame Adoption ist ihnen dagegen nicht erlaubt. SPD, Grüne und Linke werben seit Langem dafür – die Union wehrt ab. Ganz so weit soll die Modernisierung des Adoptionsrechts dann doch nicht gehen.