Geburten

In den Krankenhäusern gibt es immer weniger Kreißsäle

Seit 1991 sind in Deutschland 40 Prozent aller Geburtsstationen geschlossen worden worden. Der Kahlschlag hat gravierende Folgen.

Der Weg zum Kreißsaal wird immer weiter.

Der Weg zum Kreißsaal wird immer weiter.

Foto: REUTERS / MICHAELA REHLE / REUTERS

Berlin.  Der Weg in den Kreißsaal ist für schwangere Frauen auf der Nordseeinsel Föhr nicht nur ungewöhnlich lang, sondern auch abenteuerlich. Wenn die Wehen einsetzen, muss ein Rettungshubschrauber die werdende Mutter aufs Festland ausfliegen. Wenn das Wetter einen Flug nicht zulässt, wird ein Seenotrettungskreuzer von der Nachbarinsel Amrum gerufen, an Land geht es dann mit dem Notarztwagen weiter.

Denn die Insel Föhr hat zwar ein Krankenhaus, aber die Geburtsstation dort ist im Oktober 2015 geschlossen worden. Seitdem gilt für Schwangere, dass sie sicherheitshalber zwei Wochen vor dem erwarteten Entbindungstermin ein "Boardinghaus" in Flensburg oder Husum aufsuchen sollen, um auf die Geburt zu warten – doch viele Mütter zögern mit der Fahrt aufs Festland, schon wegen der Familie. Die Insulaner sind mehrheitlich bis heute empört über die Schließung der Geburtsstation, die Proteste reißen nicht ab.

Fast 500 Geburtsstationen weniger als 1991

Die Probleme auf Föhr werfen ein Schlaglicht auf die dramatische Entwicklung bei der Geburtshilfe in Deutschland: In den vergangenen 25 Jahren fand bundesweit ein regelrechter Kreißsaal-Kahlschlag statt, die Wege zur Entbindung werden für viele Familien immer weiter.

Eine Datenzusammenstellung des Statistischen Bundesamtes, die unserer Redaktion vorliegt, belegt jetzt das Ausmaß der Schließungswelle: Gab es 1991 bundesweit noch 1186 Geburtsstationen, waren es 2015 nur noch 709 Stationen – ein Rückgang um 40 Prozent. Aber: Die Zahl der Geburten ging im gleichen Zeitraum nur um elf Prozent auf 737.575 zurück.

Besonders viele Kreißsäle wurden im Saarland geschlossen (minus 56 Prozent), dahinter rangieren Baden-Württemberg (minus 45 Prozent), Rheinland-Pfalz (minus 44 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (minus 43 Prozent), Bayern und Schleswig-Holstein (jeweils minus 42 Prozent), NRW (minus 41 Prozent) und Niedersachsen (minus 40 Prozent). In Berlin gibt es heute 35 Prozent weniger Geburtsstationen als 1991, in Thüringen 31, in Hamburg 25 Prozent weniger.

Gerade für Flächenländer ist diese Entwicklung ein Problem

Die Zahlen hatte die Vizechefin der Linke-Bundestagsfraktion, Sabine Zimmermann, vom Statistischen Bundesamt angefordert und ausgewertet. Sie sagte unserer Redaktion: "Gerade in Flächenländern bedeutet die Schließung einer Geburtsstation besondere Unsicherheit und eine potenzielle Gesundheitsgefährdung für werdende Mütter."

Auch der deutsche Hebammenverband schlägt Alarm: "Gebärende müssen immer weitere Wege auf sich nehmen und kommen dann auch noch in überfüllte Kreißsäle", sagte Verbandspräsidentin Martina Klenk im Gespräch mit unserer Redaktion. Klenk fordert eine sichere und bedürfnisorientierte Geburtshilfe: "Das bedeutet, sie muss nah am Wohnort sein und jede Frau muss von einer Hebamme begleitet werden". Die Sparpolitik in der Geburtshilfe an Kliniken gehe auf Kosten der Beschäftigten und der Sicherheit von Müttern und Kindern – und müsse deshalb ein Ende haben.

Geburtsstationen brauchen viel Personal und verursachen somit hohe Kosten

Die Gründe für die Zentralisierung sind indes vielfältig: Der Rückgang der Geburtenzahlen in ländlichen Regionen bringt kleine Kliniken finanziell unter Druck. Geburtsstationen brauchen viel Personal, deshalb sind die Kosten relativ hoch. Die Abgeordnete Zimmermann fordert deshalb eine Änderung der Finanzierungsregeln im Krankenhausstrukturgesetz. Es fehlt aber mitunter auch an Personal, vor allem auf dem Land.

Dort falle es Kliniken immer schwerer, Hebammen, Geburtshelfer und Ärzte zu finden, klagt etwa die sächsische Krankenhausgesellschaft. Besonders stark war die Schließungswelle seit dem Jahr 2000 unter dem Eindruck rückläufiger Geburtenzahlen – doch der Tiefstand bei den Geburten wurde 2006 erreicht, seitdem weist der Trend wieder nach oben. Der Kahlschlag geht trotzdem weiter. 2016 dürfte die Zahl der Geburtsstationen bundesweit unter die Grenze von 700 gerutscht sein.

Krankenkassen sehen medizinische Vorteile

Mit der Folge, dass die Auslastung der verbliebenen Kreißsäle überall steigt. Die Krankenkassen sehen die Entwicklung positiv, nicht nur unter finanziellen Aspekten. Die Schließung einer nur gelegentlich genutzten Geburtshilfestation könne durchaus ein Schritt zu einer besseren Versorgungsqualität sein, heißt es beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

In einem kleinen Krankenhaus werde man zwar im Normalfall gut betreut, aber bei Komplikationen fehlten Erfahrung und Spezialisten. Längere Wege, so der Kassenverband, könnten sich also durchaus auch für die Eltern lohnen. International geht der Trend ohnehin zu großen Geburtszentren.

Doch in den betroffenen Regionen wird das anders gesehen, viele Kommunen kämpfen um ihre Geburtsstationen. In Wyk auf Föhr wird auch gut ein Jahr nach der Schließung gegen die Entscheidung demonstriert. Noch hoffen die Insulaner, dass der Kreißsaal eines Tages wieder geöffnet wird – und es dann auch wieder echte "Inselkinder" gibt.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.