Politik

Gegen das Vergessen

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Warum die Deutschen so wenig über deutsche Kriegsverbrechen auf griechischem Boden wissen

Der Kampf gegen das Vergessen mag anstrengend sein, ist aber bitter nötig. Björn Höcke gab erneut ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig es immer noch ist, Erinnerungskultur aktiv zu pflegen und zu gestalten.

Die Eskapaden des AfD-Politikers, der das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnete, haben auch griechische Medien aufmerksam verfolgt. Denn mit Höcke werden traumatisierte Erinnerungen auch außerhalb Deutschlands wach. Ich beobachtete die letzten Jahre immer wieder, wie viele Deutsche mit Verwunderung auf den heftigen Streit zwischen Athen und Berlin über Kriegsreparationen aus dem 2. Weltkrieg reagierten. Das vergiftete Klima in den deutsch-griechischen Beziehungen wegen der „Griechenlandrettung“ wurde damit zusätzlich belastet. Gewiss war auch parteipolitisches Kalkül im Spiel, denn manche in Athen vermischten unter anderem die berechtigte Forderung nach Rückzahlung einer Zwangsanleihe aus der Zeit der Okkupation Griechenlands im 2. Weltkrieg mit dem Streit um den richtigen Kurs in der Schuldenkrise.

Gleichzeitig offenbarte der Streit um Kriegsreparationen, wie wenig die Deutschen über deutsche Kriegsverbrechen auf griechischem Boden wissen. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten deutscher Nachkriegsgeschichte, dass diesen Verbrechen in der historischen, juristischen und politischen Aufarbeitung der NS-Diktatur bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde und sie deshalb auch kaum ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gedrungen seien, steht im Flyer des Projektes „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“. Das Projekt will die Erinnerungen griechischer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an die Zeit der deutschen Besatzung Griechenlands bewahren. Ihre Berichte werden aufgenommen, wissenschaftlich aufbereitet und auf einer Onlineplattform veröffentlicht. Der griechische Historiker an der FU Berlin Prof. N. Apostolopoulos und der deutsche Historiker an der Athener Universität Prof. Hagen Fleischer werden das Projekt am Donnerstag in Athen vorstellen. Solche Projekte sind für beide Länder wichtig. Auch in Griechenland ist die Erinnerungskultur über das Jahrzehnt 1940-50 ausgesprochen lückenhaft. Grund dafür ist das Trauma des Bürgerkriegs, das Griechenland nach dem Ende des 2. Weltkriegs durchlebte. Dadurch wurde die historische Aufarbeitung dieser Periode zusätzlich erschwert.

Erst jetzt rückt allmählich ins Bewusstsein der Griechen, dass Thessaloniki mit einer der größten jüdischen Gemeinden der ganzen Balkanregion das „Jerusalem Europas“ war. Die Juden waren zu Beginn des letzten Jahrhunderts die größte ethnische Gruppe der Stadt. Sie wurde im 2. Weltkrieg komplett ausgerottet. Fast 50.000 Juden wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Heute zählt die jüdische Gemeinde der Stadt nur noch 1200 Mitglieder. Der Bürgermeister von Thessaloniki Jannis Boutaris baut jetzt das Holocaust Museum in Thessaloniki mit Kulturzen­trum und Schule. Das Vorhaben wird mit zehn Millionen Euro zu einem Drittel von Deutschland mitfinanziert.

Jüdisches Leben gab es seit Jahrhunderten in Griechenland, wie schon die Paulusbriefe an die Thessalonicher, die Korinther, die Philipper bezeugen. Doch immer noch ist es völlig unbekannt, dass es in der nordgriechischen Stadt Kastoria eine jüdische Gemeinde gab mit Synagoge und Schule. Die 1000 Juden der Gemeinde wurden im März 1944 von Kastoria nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur 35 von ihnen kehrten nach Kriegsende zurück und zogen weiter nach Thessaloniki oder emigrierten nach Israel und in die USA.

Das Schicksal der Kastorianer Juden erzählt eindrucksvoll der Dokumentarfilm „Trezoros: The lost Jews of Kastoria“ von Lawrence Russo und Larry Confino. Der Film hatte kürzlich Deutschlandpremiere im Rahmen des Festivals „Hellas Filmbox Berlin“.