Wahlverhalten

Dorfidylle am rechten Rand

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Uta Keseling, Max Boenke
Claus Voigt ist parteilos und ehrenamtlicher Bürgermeister von Gröden

Claus Voigt ist parteilos und ehrenamtlicher Bürgermeister von Gröden

Foto: Max Boenke / BM

In Gröden (Elbe-Elster) fährt die NPD bei Bundestagswahlen brandenburgweit die höchsten Ergebnisse ein. Warum? Wir haben nachgefragt

Gröden.  Vom Aussichtsturm in Gröden fällt der Blick ebenso weit nach Brandenburg wie nach Sachsen. Der Turm steht auf einer Anhöhe genau an der Landesgrenze. In der Ferne qualmen Fabrikschlote, bei guter Sicht kann man das Völkerschlachtdenkmal bei Leipzig erkennen – nur das Dorf Gröden selbst ist vom Turm unsichtbar. Das wiederum ist ziemlich symbolisch für das Gefühl viele Menschen hier in den Hügeln des Schraden am äußersten Rand Brandenburgs. „In Randregionen wie unserer fühlt man sich oft übersehen von der großen Politik“, sagt Claus Voigt.

Der 65-Jährige ist ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Gröden mit 1400 Einwohnern im Elbe-Elster-Kreis, die auf zwei Superlative verweisen kann: Auf die höchste Erhebung Brandenburgs mit auf 201,4 Metern – genau da steht der Aussichtsturm. Und noch eine Besonderheit gibt es. Bei Bundestagswahlen fährt die NPD in Gröden regelmäßig das brandenburgweit höchste Ergebnis ein. 2013 lag sie NPD hier bei 13,9 Prozent.

Auf letzteren Superlativ ist Voigt nicht stolz. Er vermutet dahinter Enttäuschung durch die Politik, „die ihre Interessen oft über die der Randregionen stellt“. Momentan zum Beispiel verhindere die Landesregierung die Ausweisung von neuem Bauland in Gröden mit dem Hinweis auf die geschützte Natur. „Aber für uns ist der Zuwachs wichtig.“ Denn der Bevölkerungsschwund ist im Randgebiet ein Problem, ebenso wie die niedrigen Löhne. Voigt wertet das NPD-Ergebnis also als Denkzettel, eher zumindest denn als Ausdruck rechten Denkens. „Viele, die ursprünglich CDU gewählt haben, waren enttäuscht und sind dann wohl nach rechts abgedriftet.“ Genau wisse er es nicht. Rechten Parolen begegne er im Ort nicht. „Diese Wähler geben sich nicht zu erkennen.“

Der Ort wirkt nicht wie das Klischee des tristen Ostens

Auch aktive Politiker von NPD oder AfD gibt es in Gröden nicht. Im Gemeinderat sitzen die Praktiker der Lokalpolitik. Parteilose wie Voigt, der von Beruf Diplomingenieur im Maschinenbau ist, Vertreter von Feuerwehr, Sport- und anderen Vereinen. Voigt findet es unfair, Gröden nur auf das rechtsextreme Wahlergebnis zu reduzieren. Tatsächlich stimmten die meisten Wähler in Gröden 2013 für die CDU; mit 41,9 Prozent lag der Ort sogar ziemlich genau im Bundestrend.

Und auch sonst wirkt der Ort eher typisch bundesdeutsch als wie das Klischee des tristen Ostens. Um den Dorfanger und die weiß-gelbe Kirche liegen bunt sanierte Häuser, zwei Bäckereien leuchten heimelig ins Winterdunkel, es gibt zwei Gaststätten, eine Sparkasse, einen Supermarkt, eine Grundschule. „Rechte Sprüche und Vandalismus gab es hier vor zehn oder 15 Jahren mal“, sagt Voigt. Damals habe man per Hausordnung Ortsfremden im Club den Zutritt verwehrt, die Jugendliche beeinflusst hätten. „Danach war das vorbei.“

Das sehen manche anders. „Viele Leute sind hier auch heute noch rechts eingestellt, auch junge Menschen“, sagt eine ältere Dame auf der Straße. „Aber sie fallen nicht weiter auf, sind nicht mehr auf Randale aus.“ Ob sie widerspricht, etwa, wenn jemand mit rechten Symbolen auf der Kleidung durchs Dorf läuft? Sie schüttelt den Kopf. „Was soll ich da sagen? Das sind doch nette Jungs!“

„Die Leute haben hier eben noch Nationalstolz“

Wer die Anwohner von Gröden fragt, hört oft Ähnliches. „An der Einstellung der Grödener hat sich nichts geändert“, sagt ein Mann auf dem Weg zum Supermarkt. Wie fast alle möchte er seinen Namen nicht sagen. „Denn wenn jemand eine Meinung äußert, die etwas konkreter ist, wird er gleich in die rechte Ecke gestellt. Obwohl es nur darum geht zu sagen, dass man mit der Politik nicht zufrieden ist.“ Mit was genau? „Eine Obergrenze für die Einwanderung wäre ein Anfang. Und keine doppelte Staatsangehörigkeit. Entweder man ist deutsch oder nicht.“ Ein anderer Mann ruft über den Parkplatz: „Die Leute haben hier eben noch Nationalstolz! Merkel, das Rindvieh!“ Die Umstehenden lachen.

Die Flüchtlingsfrage beherrscht das politische Denken vieler. „Wir haben genug Deutsche, die unter der Brücke schlafen, sollen sie das Geld für die nehmen“, heißt es in einer Kneipe. „Da lob’ ich mir den Trump!“ Ob sie NPD oder AfD wählen, wollen die Gäste nicht sagen, „aber an deren Politik ist nichts Falsches“, sagt Mann. Auch er hat genaue Vorstellungen, was er nicht will: „Überall geht es nur um die Flüchtlinge.“ Er habe seiner Tochter verboten, die Kika-Nachrichten zu schauen. „Sie wächst in dem Glauben auf, das wäre alles völlig normal. Wenn das so weitergeht, herrscht in Deutschland in 20 Jahren ein arabisches System.“

Ganz so weit ist es in Gröden noch nicht – um es vorsichtig zu sagen. Es gibt gar keine Flüchtlinge im Ort, sagt Voigt. Zwar hätte der Ort 2015 einige aufnehmen sollen, „aber es kamen dann nicht so viele wie gedacht“, sagt Voigt. Zwar steht an einer Arztpraxis ein ausländischer Name – als fremd wird der Arzt jedoch nicht wahrgenommen. „Der Arzt ist Deutscher, die Familie lebt schon lange hier“, sagen die Nachbarn. Auch gegen die bulgarischen Anwohner hat niemand etwas. „Die arbeiten im Nachbardorf.“ Fremdenangst und gelungene Integration schließen sich offenbar nicht aus.

Wenn er zeigen will, wie er die Zukunft seines Heimatortes sieht, führt Claus Voigt seine Gästen zum Aussichtsturm. Die Gemeinde hat ihn selbst finanziert, „nach langem Hickhack mit dem Land um Fördermittel“. Auch eine Seniorentagesstätte und bunte Wohnwürfel mit zehn barrierefreie Wohnungen haben sie selbst errichten lassen. Solche Investitionen stehen für Voigt dafür, dass sie gemeinsam etwas gestalten können, auch hier, unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der Politik. Ob das ausreicht als Argument, keine Parteien wie NPD oder AfD zu wählen? Voigt ist nicht sicher. „Ich denke, die NPD wird keine große Rolle mehr spielen“, sagt er, „sondern wenn, dann eher die AfD“.