Berlin

Berliner SPD sieht Gabriels Coup zwiespältig

Die Genossen zollen ihrem Noch-Vorsitzenden Respekt, es gibt aber Kritik an seinem Stil

Berlin. Im Berliner SPD-Landesverband hat Gabriels Paukenschlag am Dienstag für zwiespältige Reaktionen gesorgt. Einerseits bekundeten Berliner Sozialdemokraten dem Noch-Parteichef ihren Respekt und versicherten dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz ihre Unterstützung. Bei der SPD-Fraktionsklausur am Wochenende hatten sich viele SPD-Abgeordnete überzeugt gezeigt, dass mit Sigmar Gabriel als Kandidat ein Ergebnis von 20 Prozent drohe. Andererseits stieß es vielen unangenehm auf, dass Gabriel die Partei vor vollendete Tatsachen gestellt hat.

Berlins Regierender Bürgermeister und SPD-Landeschef Michael Müller hat die Entscheidung in der Kanzlerkandidatenfrage begrüßt. „Gemeinsam werden wir für die Themen, die uns wichtig sind, engagiert kämpfen und bei den Wählerinnen und Wählern für unsere sozialdemokratischen Konzepte für ein gerechteres Deutschland werben“, sagte er. Sein Vorgänger als SPD-Landeschef, das Bundesvorstandsmitglied Jan Stöß, sagte, der Schritt Gabriels verdiene „großen Respekt“. Er habe die Partei in schwieriger Zeit geführt und jetzt denjenigen vorgeschlagen, der „die besten Chancen hat, als Kanzlerkandidat zu überzeugen“.

Berliner SPD verband stets eine Art Hassliebe mit Gabriel

Auch der Berliner Fraktionschef Raed Saleh setzt große Hoffnungen in Schulz. „Er ist eine echte Alternative zur Kanzlerin“, sagte er. Er könne Menschen begeistern und sei unbelastet von der Agenda-Politik der vergangenen Jahre, die die SPD bei vielen einfachen Leuten so viele Sympathien gekostet habe. „Mit ihm kann es gelingen, dass sich die SPD neu erfindet“, sagte Saleh. Es gelinge ihm auch, dass sich verschiedene linke Kräfte hinter ihm versammeln. Damit deutete der Fraktionschef bessere Perspektiven für eine rot-rot-grüne Koalition im Bund an.

Die stellvertretende Landesvorsitzende Iris Spranger sagte, Schulz werde ein „guter Kanzlerkandidat“ sein, die Berliner SPD werde sich hinter ihn stellen. Sie hätte ihm aber abgeraten, gleichzeitig den Parteivorsitz zu übernehmen. Gabriels Vorgehen sieht Spranger aber kritisch: „Ich finde den ganzen Vorgang an sich etwas eigenartig“, sagte die Abgeordnete. So eine Entscheidung über die Medien und an allen Parteigremien vorbei zu kommunizieren, gehe nicht.

Die Berliner SPD verband stets eine Art Hassliebe mit Sigmar Gabriel. Er habe sich um die Partei gekümmert, sein Wirken als Bundeswirtschaftsminister wurde allerdings auch kritisch gesehen. Jetzt erwartet man Krach hinter den Kulissen. Die Partei könne es sich eigentlich nicht bieten lassen, aus einer Zeitschrift zu erfahren, wer Kanzlerkandidat, Außenminister und Wirtschaftsminister werden solle, hieß es.

Auch in Berlin sinnieren sie über Gabriels Beweggründe. Als Außenminister könnte er womöglich über den Wahltermin im September hinaus Minister bleiben, wird gesagt. Als Kanzlerkandidat wäre er im Fall einer derzeit erwarteten Wahlniederlage weg.

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