Veles

Heimat der Lüge

| Lesedauer: 8 Minuten

In der Stadt Veles in Mazedonien entstehen Webseiten mit Falschnachrichten. Die Betreiber sagen: „Wir werden auch über Merkel schreiben“

Veles.  Viktor T. sitzt mit vier Freunden um einen Tisch in einem Café, das ausgerechnet „Inbox“ heißt, wie der Posteingang bei E-Mails. Seine Jacke sieht teuer aus, mit einem dieser Fellkragen, der wie eine Löwenmähne absteht. Seine Haare sind zu einem Scheitel gegelt. Er hat einen Espresso vor sich stehen, es ist kurz nach 21 Uhr, in drei Stunden wird er arbeiten. „Alle hier in der Runde“, er zeigt auf seine Freunde, „verdienen Geld mit Fake-News.“

Fake-News, gefälschte Nachrichten, sind ein großes Geschäft im Internet. Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA hat es groß gemacht.

Viktor grinst, es ist nicht ganz klar, ob aus Verlegenheit oder aus Stolz oder einer Mischung aus beidem. Er beantwortet ein paar Fragen, aber sein Nachname soll geheim bleiben.

Was war deine beste Fake-News?

„‚Hillary ist eine Lesbe‘, das brachte

mir rund 3000 Euro.“

Hast du sie dir selbst ausgedacht?

„Ja, manchmal mit Freunden

zusammen, aber das war meine Idee.“

Deine Brille sieht teuer aus, wie

viel kostet sie?

„Das Gestell? Vielleicht 150 Euro.“

Das ist das Monatsgehalt eines Fa-brikarbeiters hier in Veles in Mazedonien. Viktor betreibt hier eine von 140 Webseiten, die Fake-News in die Welt tragen. Die 45.000-Einwohner-Stadt erlangte in diesem Jahr zweifelhafte Berühmtheit. US-Medien stürzten sich auf diese Stadt, als bekannt wurde, dass viele Falschmeldungen im US-Wahlkampf, die Donald Trump nutzten, von Webseiten aus Veles kamen. Anfang November berichtete „Buzzfeed“ von mazedonischen Teenagern, die Tausende von Euro verdienen. Angeblich sollen es bis zu 50.000 Euro im Monat sein, aber wahrscheinlich ist die Summe erfunden.

Der US-Komiker Steven Colbert sagte in seiner Sendung: „Hey ihr Teenager in Mazedonien! Hört auf mit dem Mist!“ Doch sie hören nicht auf, sie machen weiter, jede Nacht zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens füllen sie ihre Webseiten. Einige Texte denken sie sich aus, den Rest kopieren sie aus dem Internet. Niemand kennt die Webseiten; darauf kommt es auch nicht an.

Je reißerischer die Nachricht, desto mehr Klicks gibt es

Wichtiger ist, dass Viktor und seine Leute in vielen Gruppen auf Facebook Mitglied sind. Dort veröffentlichen sie ihre Fake-News, und wann immer jemand auf den Link dahinter klickt, verdienen die Nachrichtenerfinder Geld. Für 1000 Besucher auf ihrer Seite bekommen sie zwischen einem und zwei US-Dollar ausgezahlt – für die Werbung, die auf den Seiten geschaltet ist. Je reißerischer die Überschrift einer Nachricht, desto mehr Klicks generiert sie und desto höher sind die Einnahmen. Und mit Nachrichten über Donald Trump ließ sich im vergangenen Jahr besonders viel Geld verdienen. Einmal im Monat, um den 22. herum, wird es ausgezahlt. Manche Clubs in Veles, so heißt es, haben um diese Zeit eine große Party organisiert.

Einer, der den Anfang miterlebt hat, ist Nicola B. Er ist ein Webdesigner aus Veles, 33 Jahre alt, „glücklich unverheiratet“, wie er sagt, er erlebt seine letzten Tage in der Stadt. Im Januar zieht er nach Zagreb, weil er dort mehr Geld verdienen kann. „Ich habe im November 2015 die erste Fake-News-Webseite erstellt. „Das war ein Freundschaftsdienst“, sagt er, „bis dahin hatten die Teenager vor allem Seiten über Sport, Autos oder Gesundheitsthemen gefüllt.“ Das waren oft keine Falschmeldungen, sondern einfach kopierte Artikel aus dem Netz.

„Doch einer von den Jungs dachte, im US-Wahlkampf lässt sich Geld mit Politikmeldungen verdienen.“ Nikola B. schrieb die Webseite in zwei Stunden. Sie heißt „USpoliticstoday.com“ und ist noch immer online. „Mein größter Fehler war, mich nur für das Schreiben der Webseite bezahlen zu lassen, hätte ich eine monatliche Beteiligung genommen“, sagt er, „wäre ich jetzt reich.“

Das ist eine der Besonderheiten in Veles, die sich überall feststellen lässt, egal, in welche der Kneipen auf dem Hauptboulevard man geht: „Drama“, „Escape“ oder „The End“. Niemand zeigt Unverständnis für die Autoren dieser Webseiten, niemand verurteilt das Geldverdienen mit Lügen. Die Einwohner erzählen eine Geschichte vom stetigen Verfall der Stadt. Vor 20 Jahren habe Veles, einst Lieblingsstadt des jugoslawischen Staatsgründers Tito, genauso ausgesehen wie heute: ebenso arm und grau, Matratzen liegen auf dem Gehweg, ein verbrannter Geruch in der Luft, entweder vom Smog der Fabrikschlote oder von den vielen Kohleheizungen der Häuser. Wer einen besseren Job hat, verdient 250 Euro pro Monat, doch das reicht auch nicht zum Leben.

Viktor T. hat sich inzwischen eine Zigarette angezündet, obwohl Rauchen in Mazedonien in geschlossenen Räumen verboten ist. Niemand hindert ihn. Seine erste Politik-Webseite hieß „info­globepress.com“, er ist spät eingestiegen, im April 2016. Das Titelbild ist eine Hand, die eine Erde zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Er ist sich nicht sicher, welchen Einfluss Webseiten wie seine auf den US-Wahlkampf hatten. Möglich, dass sie Donald Trump geholfen und ihn an die Macht gebracht haben. Möglich, dass sie die Beziehung zwischen Medien und Lesern nachhaltig zerstört haben.

Wie hat es begonnen?

„Irgendwann haben wir gemerkt, dass

falsche Nachrichten sich mehr
verkaufen.
Die Amerikaner sind so blöd,
die
glauben alles.“

Hast du ein schlechtes Gewissen?

„Ja, manchmal schon, aber es gibt

doch überall Lügen in der Politik.“

Bist du für Trump?

„Er ist super! Ich meine, es ist leichter

für uns, weiter Nachrichten über ihn

zu schreiben, wenn er im Amt ist.“

Der Bürgermeister von Veles, Slavcho Chadiev, ist ein freundlicher Mann mit stets offener Tür. Er musste viele Fragen zu den Jugendlichen seiner Stadt beantworten in den vergangenen Wochen. Erstaunlich, dass er den schlechten Ruf seiner Stadt mit Humor nimmt: „Wenn Sie wollen“, sagt er, „können Sie gern Ihren nächsten Wahlsieger in Deutschland bei mir bestellen.“ Meint er das ironisch?

Chadiev schüttelt den Kopf: „Es kann doch nicht sein, dass ein paar Jugendliche hier Trump zur Wahl verholfen haben.“ Nein, der Bürgermeister sieht die Nachrichten über Fake-News aus Veles selbst als Falschmeldung an, schließlich gebe es auch in anderen Städten clevere Jugendliche. „Sie haben nichts Illegales getan“, sagt er. „Und sie zahlen ihre Steuern auf die Einkünfte.“ Den Vorwurf, die „Heimat der Lügen“ zu sein, will er nicht auf sich sitzen lassen. Außerdem sei es jetzt zu Ende mit den meisten Webseiten.

Webdesigner Nikola B. erzählt, dass wirklich einige Webseiten empfindliche Einbußen hatten, nachdem Journalisten auf Falschmeldungen hinwiesen. Bis zu einer halben Million Euro sollen nicht ausgeschüttet worden sein. Die Konten für die Einnahmen wurden gesperrt. „Aber sie haben einfach neue Konten eröffnet“, sagt er. „Und oft wird vergessen, dass Google mitverdient, sie schütten nur einen Teil der Werbeeinnahmen an die Betreiber aus.“ Das Interesse der Konzerne, die Webseiten zu schließen, sei gering.

Inzwischen spielt im „Inbox“ eine Live-Band. „Bed Of Roses“ von Bon Jovi. Viktor T. muss lauter reden. Bald wird er wie seine Freunde nach Hause gehen. Er wird sich im Hochhaus, in dem seine Eltern wohnen, an den Computer setzen, die House-Musik auf dem Kopfhörer lauter stellen und anfangen, zu tippen. Drei Fragen noch:

Bald sind Wahlen in Deutschland,

ist das ein Ziel für euch?

„Logisch: Wenn ihr viel klickt,

bekomme ich Geld. Wir werden auch

über Merkel schreiben, die kennt jeder.“

Worauf sparst du?

„Auf einen VW Golf 6, rot lackiert.“

Wo siehst du dich in fünf Jahren?

„Ich will auswandern, am liebsten

in die USA.“

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