Politik

Maria und Joseph auf Zeitreise

Sie ist wahrscheinlich die am meisten nacherzählte Geschichte der Welt: die Weihnachtsgeschichte vom Kind, das in der dunklen Nacht geboren wird und das einen besonderen Auftrag hat. In unseren Breiten muss man nicht gläubig sein, um von der Weihnachtsgeschichte zumindest schon einmal gehört zu haben. Wenn nicht in der Kirche als Krippenspiel, dann ist sie einem vielleicht als Verfilmung begegnet, als eine der berühmten Darstellungen in Kirchen und Museen. Vielleicht auch als Satire, oder, nicht ganz ernst gemeint, aber angesagt, als „Krippenspiel für Hipster“, bei dem die Spielfiguren Maria und Joseph modisch gekleidet sind und Selfies machen, bevor sie die Heiligen Drei Könige einlassen.

Lohnt es sich also, diese Story ein weiteres Mal nachzuerzählen? Zumal es ja auch viele Menschen gibt, die Zweifel an ihrer Authentizität haben oder einfach gar nicht Weihnachten feiern? Doch, haben wir uns gedacht. Denn was eine gute Geschichte ausmacht, ist ja auch das, was sie über uns selbst erzählt. Und da hat Kapitel 2, Vers 1 bis 20 des Lukas-Evangeliums des Neuen Testaments einiges zu bieten. So kurz und knapp der Text auf den ersten Blick daherkommt – die Story hat es in sich. Deswegen steht sie in der Berliner Morgenpost zu Weihnachten traditionell auf der Titelseite.

Was also will uns die Geschichte von der Geburt dieses Kindes sagen, das in einer fremden Stadt unter ärmlichsten Bedingungen zur Welt kommt? Dessen Eltern keine „Promis“ sind, sondern einfache Leute? Joseph aus Nazareth, von Beruf Zimmermann, kommt mit „Maria, seinem vertrauten Weibe“, nach Bethlehem, weil Kaiser Augustus das so angeordnet hat: Es ist Volkszählung. Aber Maria ist schwanger, die Stadt ist voll, und die Dinge werden für das junge Paar kompliziert.

Wie wäre es, wenn die beiden heute nach Berlin kämen – als die biblischen Figuren, die sie sind? Wie würde das heute ablaufen mit der Volkszählung? Wie würden sie von den Berlinern aufgenommen? Und wo käme ein Heiland zur Welt, rein praktisch gesehen? Wo würde er schlafen? Zwar hat die Hauptstadt 3,5 Millionen Einwohner. Doch Ochs und Esel im Stall gibt es so nicht mehr, von einigen Milchbauern und Kinderbauernhöfen abgesehen.

Auf den folgenden Seiten erzählen wir die Weihnachtsgeschichte von einst vor der Kulisse des heutigen Berlin. Die Umsetzung war auch für uns ein Experiment. Wie sahen die biblischen Vorbilder damals eigentlich aus? Dabei halfen uns die Expertinnen des Kostümhauses Theaterkunst, das von historischen Spielfilmen bis zu aktuellen Bühnenproduktionen Kostüme für jeden Zusammenhang bereithält. Natürlich weiß man nicht wirklich, was Maria trug – aber doch, wie sie auf Gemälden vom Mittelalter bis heute dargestellt wurde: Maria trägt Schleier, Joseph Hut, beide lange Gewänder.

Verkörpert wird das biblische Paar auf unseren Bildern von unserer Kollegin Maria Bidian (28), die tatsächlich diesen Vornamen trägt und neben der journalistischen auch eine Schauspielausbildung hat. Joseph heißt in Wirklichkeit Brett Ortgiesen (33), stammt aus den USA, arbeitet als Englischlehrer und Schauspieler in Berlin.

Wie reagieren die Menschen in Berlin, wenn plötzlich Maria und Joseph vor der Tür stehen? Fühlt sich jemand veralbert, wenn man ein Marienbild in einem Schaufenster am Kudamm inszeniert? Nein. Auch wenn unsere Anfragen zunächst etwas Verwunderung auslösten, etwa beim Amt für Statistik, bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) oder beim Deutschen Roten Kreuz – am Ende waren alle überzeugt, dass es sich lohnt, die Geschichte von der „guten Mär“ ein weiteres Mal in Szene zu setzen. Jeder, der mitmachte, wurde dadurch ja auch selbst Teil der Story und Überbringer der frohen Botschaft.

Gerade die Fotos, die wir im öffentlichen Raum inszeniert haben, stießen auf viel Zustimmung. Als unser Engel am Weihnachtsbaum am Brandenburger Tor auf der Leiter stand und das Schild „Fürchtet euch nicht!“ in den Abendhimmel hielt, da taten viele Passanten dasselbe wie wir: Sie machten Fotos. Und sie schickten die Botschaft um die Welt, die wenige Tage danach noch einmal eine ganz neue, aktuelle Bedeutung bekam. Den Engel auf dem Bild spielte unsere Kollegin Johanna Ewald (21), sie ist nicht nur Journalistin, sondern auch Sängerin und, passend für einen Engel, Harfenistin.

Fürchtet euch nicht! Die Weihnachtsbotschaft wurde nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt quasi zum Motto Berlins. Ja, der Anschlag ist fürchterlich, mindestens zwölf Tote sind unvorstellbar, das Leid der Verletzten und Angehörigen ist unser aller Leid. Natürlich kann die Weihnachtsgeschichte keine offenen Wunden heilen und die Menschen nicht trösten, die in diesen Tagen um ihre Toten trauern und um Verletzte bangen. Aber die Botschaft sagt uns: Wir fühlen uns nicht verängstigt. Wir sind nicht allein.

Diese Haltung lässt sich in Berlin an vielen Orten finden, im Großen wie im Kleinen. Dazu tragen die „Hirten“ bei, die vielerorts über uns „Schafe“ wachen: Polizisten, Feuerwehrleute, Notfallretter, überhaupt die unzähligen Menschen, die etwas für andere tun. Ob nun beruflich oder als Ehrenamtliche, ohne die vieles in dieser Stadt einfach nicht ginge. Stellvertretend für sie stehen auf einem unserer Fotos die Menschen in den blauen Westen: Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission am Zoo sind rund um die Uhr für alle da, die nicht mehr wissen, wohin. Jeder bekommt hier einen Kaffee, ein Brot, ein offenes Ohr und für einen Moment das Gefühl: Sie sind nicht allein.