Politik

Maschinenpistolen statt Musik

Nach einem Tag Pause haben fast alle Weihnachtsmärkte in Berlin wieder geöffnet. Doch kann auf ihnen noch festliche Stimmung aufkommen?

Die weißen Dächer der Buden glänzen im Sonnenlicht wie Zuckerguss. Die ersten Stände klappen ihre Läden hoch, in den Pfannen schmoren Grünkohl und Kochwurst. Dazu das Schloss Charlottenburg im Hintergrund. Alles scheint angerichtet für einen perfekten Tag auf dem Weihnachtsmarkt.

Erst der zweite Blick verrät, dass heute etwas anders ist. Vor dem Gelände hat sich ein Mannschaftswagen der Polizei postiert, er ist voll besetzt. Wer sein Fahrrad am Zaun abschließen will, wird energisch aufgefordert, es woanders zu parken. Zwischen den Hütten patrouillieren Beamte mit Maschinenpistolen. Und dann legen Mitarbeiter des Marktes Blumen und einen Kranz ab. „Der Terror wird uns nicht besiegen!“, steht auf der Schleife.

Am Dienstag, einen Tag nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz, hatten nahezu alle Betreiber von Weihnachtsmärkten auf Bitte des Berliner Senats für einem Tag innegehalten. Mit Ausnahme vom Breitscheidplatz, wo die Läden erst am heutigen Donnerstag wieder öffnen, geht das vorfestliche Treiben am Mittwoch weiter. Wenn auch unter verschärften Bedingungen. Wie angekündigt hat die Polizei ihr Sicherheitskonzept geändert. Von den 16.500 Polizisten sind alle verfügbaren Kräfte auf die Märkte beordert worden. Wo sie fehlen, müssen Kollegen aus dem Innendienst einspringen. Dienstpläne sind so angepasst worden, dass auch wirklich jeder im Einsatz sein kann. Die nächsten Tage soll das so bleiben.

Senator Geisel verteidigt fehlende Absperrungen

Nicht nur das Personal, auch die Ausrüstung wurde aufgestockt. Maschinenpistolen gehören eigentlich nicht zur Standardausstattung. Zudem wurde mit den Betreibern vereinbart, dass einige Märkte je nach Lage, Größe und Gefährdung mit Pollern und Barrieren gesichert werden, um größeren Fahrzeugen die Zufahrt zu verwehren. „Die Mitarbeiter der Sicherheitsdienste haben Anweisungen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie etwa einen herrenlosen Rucksack entdecken“, sagt Arnold Bergmann vom Deutschen Schaustellerbund. „Sie sollen einen kühlen Kopf bewahren und sich gleich an die Kollegen von der Polizei wenden.“

Die Frage ist, ob all die Sicherheitsmaßnahmen nicht zu spät kommen. Am Dienstagabend musste sich Innensenator Andreas Geisel (SPD) in der ARD kritische Fragen anhören. Warum wurden nicht schon vor der Weihnachtszeit Sperren installiert so wie auf dem Christkindlesmarkt in Nürnberg? Geisel verwies auf „eine abstrakte Gefährdungslage ohne konkrete Hinweise“. Und darauf, dass man schließlich nicht die ganze Stadt einmauern könne.

So sehen es auch die meisten Verkäufer am Schloss Charlottenburg. Viele wollen gar nichts sagen. Schon vor der Öffnung um 14 Uhr sind mehr Reporter als Kunden da. Doch in einem sind sich alle einig: Es muss weitergehen. Bringt doch nichts. Denn die Sorge ist groß, dass die Kunden ausbleiben. Schon der Dienstag war ein Tag ohne Umsatz. Die Standmiete ist bezahlt, erstattet wird nichts – höhere Gewalt.

Christina Röll, die an ihrem Stand Früchtebrot und Lebkuchen verkauft, kann sich mit den bewaffneten Polizisten nicht anfreunden. Sie könnten schließlich nur ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Keine echte. So hat es auch Senator Geisel formuliert: „Absolute Sicherheit gibt es nicht.“ Doch für mehr Kundschaft braucht es wohl auch mehr Sicherheit. Fragt man die Besucher in Charlottenburg, sagen die meisten, dass sie die erhöhte Polizeipräsenz begrüßen. „Ich wollte erst gar nicht kommen. Jetzt bin ich etwas beruhigt“, sagt Noeline Duncan aus England.

Ein Garant für mehr Kundschaft ist die Polizei aber offenbar nicht. Laut Schaustellerbund ist der Besucherstrom auf den Berliner Märkten nicht abgerissen. Das ist die offizielle Version. Doch der Weihnachtsmarkt auf dem Gendamenmarkt in Mitte etwa, wo wie woanders auch kaum Musik gespielt wird, vermeldet 25 Prozent weniger Besucher. „Womöglich kommen im Laufe des Abends noch mehr Menschen“, hofft Organisatorin Gunda Kniep. Die die Bühnenshow hat sie erst mal abgesagt.

Auch am Einkaufszentrum Alexa ist es am Nachmittag ziemlich ruhig. An einer Holztheke nippt ein älteres Ehepaar am Glühwein. Hier wäre sonst Platz für Dutzende. Am Eingang, eine Attrappe des Brandenburger Tors, treten zwei Security-Angestellte mit signalgelben Westen auf der Stelle und schauen auf ihre Smartphones. Es gibt sowieso nichts zu tun. Und Taschenkontrollen gehören nicht zum Sicherheitskonzept.

Auf dem Alexanderplatz gegenüber fallen die vielen Polizeiwagen auf. Einer biegt gerade auf den Platz ein, vier Kastenwägen stehen entlang der S-Bahngleise. Später werden auch hier Betonpoller aufgestellt. Kai und Melanie S. vom Bodensee geben die Sicherheitsmaßnahmen ein gutes Gefühl. Sie sind seit Sonnabend in der Stadt. Am Montag, als der Lkw durch den Weihnachtsbuden fuhr, hatte das Paar den Breitscheidplatz gerade eine halbe Stunde zuvor verlassen. Im Hotelzimmer lasen sie dann die schrecklichen Nachrichten, schrieben SMS an die Familie, sie seien in Sicherheit.

Und trotzdem. „Ich lasse mich durch so etwas nicht einschüchtern“, sagt Kai S.. Er ist sicher: Die Polizei hat die Lage unter Kontrolle. Und der flüchtige Täter? Melanie S. glaubt nicht, dass es in diesen Tagen zu weiteren Anschlägen auf Weihnachtsmärkte kommen kann. „Kalt lässt uns der Anschlag nicht“, sagt sie und zieht an ihrer Zigarette, „aber deswegen keinen Glühwein mehr trinken? Auf keinen Fall!“

Auf einmal wollen alle reden. Über Terror, über Schicksal

Katharina M. hingegen ist nur noch genervt. Eigentlich verkauft sie Weihnachtssterne. Studentenjob. Jetzt wollen plötzlich alle reden. Über das, was am Montagabend auf dem Breitscheidplatz geschah. Über Terror. Über das Schicksal. Eine Frau kauft einen Stern und sagt: „Frohe Weihnachten, vor allem friedliche.“ „Genau das meine ich“, sagt die Soziologiestudentin mit dem Nasenpiercing. Für sie sei hier, in ihrer Holzbude mit den Weihnachtssternen unter dem Fernsehturm, alles wie gehabt. Am Dienstag war geschlossen, sie hatte sowieso frei. Jetzt steckt sie Lichterketten in Filzkugeln, lächelt. Auf den Preisschildern steht: 50 Prozent reduziert. Auch daran hat sich nichts geändert. Nur eine Kleinigkeit. Eigentlich steht über den Preisen in verschnörkelter Schrift „Happy Day!“ Das hat sie am Morgen verdeckt. Anweisung vom Chef.