Politik

Der meistgesuchte Mann Europas

Er ist immer noch unterwegs. Vielleicht in Berlin. Vielleicht in Nordrhein-Westfalen. Vielleicht in einem anderen europäischen Land. Und er könnte eine Waffe haben – und womöglich eine weitere Gewalttat verüben. Das ist die schlechte Nachricht an diesem Mittwoch.

Die gute: Die Polizei hat einen neuen Tatverdächtigen. Den nur eine Stunde nach der Todesfahrt vom Breitscheidplatz an der Siegessäule festgenommenen Pakistani mussten die Beamten am Dienstagabend wieder freilassen, weil er mit dem Geschehen schlicht nichts zu tun hatte. Doch dann, in der Nacht zu Mittwoch, beginnen die Beamten mit der Fahndung nach einem 24 Jahre alten Tunesier. Zunächst verdeckt. Die Öffentlichkeit wird nicht informiert, doch Details zu dem Gesuchten und ein Foto werden am Mittwochmittag auch so bekannt. Den offiziellen Fahndungsaufruf veröffentlicht der Generalbundesanwalt erst am Abend.

Der Gesuchte heißt Anis Amri. Er soll 2011 nach Italien eingereist sein, dort in einem Auffanglager Sachbeschädigungen und „diverse Straftaten“ verübt haben, berichten italienische Medien. Laut der Zeitung „La Stampa“ soll er das Lager angezündet haben. Als Volljähriger wurde Amri festgenommen, kam vor Gericht, wurde zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und schließlich im Frühjahr 2015 des Landes verwiesen. Im April 2016 soll er im nordrhein-westfälischen Kleve Asyl beantragt haben. Im Juni lehnten die Behörden das Ersuchen ab. Doch eine Abschiebung scheiterte, weil Amri keine gültigen Papiere bei sich hatte. Die notwendigen Ersatzdokumente stellten die tunesischen Behörden erst jetzt aus – also nach dem Anschlag. In Deutschland hat sich Anis Amri unter mindestens vier verschiedenen Identitäten registrieren lassen. Gemeldet war er offenbar in einer Asylunterkunft in Emmerich in NRW.

Geldbörse lag im Fußraum der Lkw-Fahrerkabine

Auf die Spur von Anis Amri kommen die Beamten, weil sie im Fußraum der Fahrerkabine des Todes-Lkw eine Geldbörse mit einem Dokument zu seinem Aufenthaltsstatus finden. Wie Abgeordnete berichten, räumt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in einer Sondersitzung des Bundestags-Innenausschusses ein, dass das Papier erst entdeckt wurde, nachdem die Zugmaschine des Sattelschleppers vom Tatort abtransportiert worden war. Das wertvolle Beweisstück lag also mehr als zwölf Stunden in der Führerkabine – ohne dass ein Beamter es bemerkte. Das wirft Fragen nach dem korrekten Vorgehen der Kriminaltechniker auf, heißt es in Ermittlerkreisen. Immerhin, nachdem die Dokumente gefunden wurden, läuft die Suche in Berlin auf Hochtouren. Später vermuten die Fahnder Anis Amri doch eher in NRW. Eine Festnahme erfolgt bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe aber nicht.

Dabei ist der Mann den Sicherheitsbehörden schon vor dem Anschlag an der Gedächtniskirche bestens bekannt. Nach Informationen dieser Zeitung stuft die Polizei ihn im Mai dieses Jahres sogar als „Gefährder“ ein. Das heißt, dass die Beamten dem Islamisten zutrauen, jederzeit einen Anschlag zu verüben. Die Behörden fahren das volle Programm. Sie hören seine Kommunikation ab – und erfahren auch auf anderem Wege Brisantes: Einem V-Mann der Polizei erzählt Anis Amri sogar, dass er Waffen braucht, weil er einen Anschlag begehen will.

Für Aufsehen sorgt auch die Mitteilung, dass das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) gegen Amri bereits vor der Todesfahrt ermittelt habe – wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat. Das Verfahren sei zunächst an den Generalbundesanwalt abgegeben worden – und dann von der Berliner Generalstaatsanwaltschaft weitergeführt worden. Nach Morgenpost-Informationen verkehrte Anis Amri, wenn er sich nicht in NRW aufhielt, sondern in Berlin, immer wieder in einer als Treffpunkt von Sympathisanten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bekannten Moschee an der Perleberger Straße in Moabit. Gegen deren Besucher laufen etliche Terrorverfahren.

Wie die Berliner Generalstaatsanwaltschaft dann am Mittwochabend mitteilte, wurde gegen Amri bereits im März ein Verfahren eingeleitet. Es habe Hinweise gegeben, dass er einen Einbruch geplant habe, um Geld für den Kauf automatischer Waffen zu beschaffen. Zudem gab es den Verdacht, dass er im Görlitzer Park als Kleindealer tätig gewesen sein könnte. Amri soll außerdem enge Kontakte zur kürzlich verbotenen Salafisten-Gruppe „Die wahre Religion“ gehabt haben und gehört zum Netzwerk des vor einigen Monaten in Niedersachsen festgenommenen Salafisten-Predigers Ahmad Abdelaziz A. alias Abu Walaa. Der Mann gilt bis zu seiner Festnahme im November als einer der radikalsten Prediger Deutschlands – und er ist nach Angaben der Sicherheitsbehörden ein wichtiger Verbindungsmann zum IS.

Trotz dieser Kontakte, trotz der Einstufung als Gefährder, trotz seines Versuchs, an Waffen zu gelangen, gelingt es Amri, Anfang dieses Monats unterzutauchen. Einfach so. Wie kann das passieren? Dazu wollen sich Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden am Mittwoch nicht einmal hinter vorgehaltener Hand äußern.

Keine völlig sicheren, aber doch belastbaren Vermutungen gibt es dagegen zur Frage, was unmittelbar vor und während der Todesfahrt auf dem Breitscheidplatz geschah. Denn das Ergebnis der Obduktion des im Führerhaus tot aufgefundenen Fahrers der polnischen Speditionsfirma liegt vor. Es legt nahe, dass der Mann, dessen Lkw bereits am Montagnachmittag am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit gekapert wurde, während des Anschlags noch am Leben war. Die Ermittler gehen nun davon aus, dass der Attentäter, mutmaßlich Anis Amri, den Polen beim Kapern des Fahrzeugs mit einem Messer außer Gefecht setzte, dieser aber noch lebte. Während der Todesfahrt auf dem Breitscheidplatz könnte es dann zu einem Kampf und schließlich zum tödlichen Schuss auf den Speditionsmitarbeiter gekommen sein. Das würde erklären, warum der Sattelschlepper bereits nach rund 60 Metern zum Stehen kam. Ohne den Einsatz des Polen, so die Vermutung, hätte es also deutlich mehr Tote gegeben.

Anis Amri ist nun der meistgesuchte Mann Europas. Der Mann, der wohl für den bisher folgenschwersten islamistischen Terroranschlag in Deutschland verantwortlich ist. Der Mann, der aus dem Todes-Lkw geflüchtet sein soll. Für Hinweise zu seiner Ergreifung hat der Generalbundesanwalt bis zu 100.000 Euro Belohnung ausgesetzt.

Er könnte bald gefasst sein. Oder er bleibt in einem sicheren Versteck. Oder es gelingt ihm, Europa unbemerkt zu verlassen. Oder: Es war doch ein ganz anderer. Denn hundertprozentig sicher, dass sie diesmal den richtigen Tatverdächtigen im Fokus haben, können sich die Ermittler nicht sein. Das bestätigt am Mittwochnachmittag auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD). Tatsächlich könnte das Ausweisdokument mit dem Namen Anis Amri auch gefälscht sein – oder womöglich von einer anderen Person als „falsche Fährte“ in der Fahrerkabine hinterlassen worden sein. Spekulationen. Es gibt sie inner- und außerhalb der Behörden an diesem Mittwoch reichlich. Einschätzungen und Bestätigungen von offizieller Seite aber nur wenige.

Der Mann kann noch immer bewaffnet sein

Ohnehin wirft die Öffentlichkeitsarbeit der Behörden Fragen auf. Am Dienstag bemühten sich die Offiziellen erkennbar, keine Panik zu verbreiten und erwähnten erst auf Nachfrage, dass der flüchtige Täter eine Schusswaffe mit sich führen könnte. Schließlich heißt es im Fahndungsaufruf des Generalbundesanwaltes über Amri: „Vorsicht: Er könnte gewalttätig und bewaffnet sein!“