Fahndung

Terror-Ermittlungen: Es riecht nach Pleiten, Pech und Pannen

Der Attentäter von Berlin ist noch immer nicht gefasst. Die Fahnder haben den tunesischen Asylbewerber Anis Amri ins Visier genommen.

Die Polizei untersucht Montagnacht das abgesperrte Areal um den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. Den mutmaßlichen Täter hatte sie schon vorher im Visier.

Die Polizei untersucht Montagnacht das abgesperrte Areal um den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. Den mutmaßlichen Täter hatte sie schon vorher im Visier.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin.  Die Blutspur vom Berliner Weihnachtsmarkt führt möglicherweise zum „Islamischen Staat“. Seit Mittwoch wird ein neuer Tatverdächtiger gesucht: Anis Amri, ein Tunesier, 24 Jahre alt. Nach ihm wird europaweit gefahndet, die Behörden nennen ihn mit vollem Namen. Für die Polizei ist die neue Zielperson ein alter Bekannter. Die Sicherheitsbehörden kennen Amri seit Langem. Er wird als islamistischer Gefährder geführt.

Gefährder sind Personen, denen Ermittler schwere Straftaten zutrauen. Von März bis September ist Amri observiert worden. Auch seine Kommunikation sei überwacht worden, teilte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft mit. Hinweise auf ein staatsschutzrelevantes Delikt seien nicht gefunden worden. Auch direkt nach der Todesfahrt über den Berliner Breitscheidplatz hatte offenbar niemand den Tunesier auf dem Schirm – bis seine Geldbörse unter dem Fahrersitz des Lastzuges gefunden wurde, der zwölf Menschen den Tod gebracht und fast 50 verletzt hatte.

Pleiten, Pech und Pannen

Es riecht nach Pleiten, Pech und Pannen. Nach Informationen dieser Redaktion wussten Ermittler des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen seit einiger Zeit genau, was Amri im Sinn hatte. Im Zuge einer Telefonüberwachung hätten die Fahnder erfahren, „dass der Mann gezielt nach Waffen und Mittätern für Anschläge suchte“, sagt ein Ermittler und fügt hinzu: „Da war Gefahr im Verzug.“

Warum dennoch kein Zugriff erfolgte, ist dem Insider bis heute „unerklärlich“. Eine konkrete Anfrage zu diesem Sachverhalt wollte das NRW-Innenministerium am Mittwoch nicht kommentieren – „um Ermittlungsergebnisse nicht zu gefährden“, wie es offiziell hieß.

Tunesier wechselte Standorte

Dass Amri seit Langem diverse Behörden beschäftigt, hatte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch bestätigt. „Etwa ab Juli 2015“ sei Anis Amri in Deutschland gewesen – erst in Freiburg, später in Berlin, bis November 2016 in Nordrhein-Westfalen, danach wieder in Berlin.

Europa erreichte Amri als Flüchtling über Italien. Das war 2011. Italienische Medien berichten, er sei dort wegen Brandstiftung in einem Flüchtlingslager zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Nach seiner Freilassung gab es Probleme mit Tunesien wegen seiner Ausweisung. Schließlich setzte er sich offenbar nach Deutschland ab. Der Tunesier sei „hoch mobil“ gewesen, erzählte Innenminister Jäger. Der 23-Jährige wechselte oft seinen Aufenthaltsort – und seine Identität.

In Berlin erfasste man ihn als Ahmad Z. oder als Mohamed H. aus Ägypten. Ein anderes Mal gab er an, aus dem Libanon zu stammen. Zuletzt gemeldet war Amri in einer Asylunterkunft in Emmerich am Niederrhein. Die dortige Asylunterkunft durchkämmten am Mittwoch 150 Beamte eines Spezialeinsatzkommandos. Doch Anis Amri war nicht da. Laut Jäger hatten die NRW-Sicherheitsbehörden ein Verfahren gegen Amri initiiert. Der Vorwurf: Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat.

Behördenchaos verhindert Abschiebung

Dieses Verfahren habe das Land NRW beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe angestoßen. Geführt worden sei es aber vom Generalstaatsanwalt in Berlin, sagte Jäger. Warum sich daraus nichts Produktives ergab, war am Mittwoch nicht zu erfahren. Eine Anfrage dieser Redaktion an die Berliner Behörde blieb bis zum Abend unbeantwortet. Ursprünglich sollte Anis Amri längst wieder in Tunesien sein. Doch offenbar verhinderte ein Behördenchaos seine Abschiebung.

Ein entsprechendes Verfahren sei eingestielt und „aus verfahrensökonomischen Gründen“ durch die nordrhein-westfälischen Behörden im niederrheinischen Kleve betrieben worden, so Jäger. Nach einem abgelehnten Asylantrag fehlten nur noch die nötigen Ausweispapiere. Tunesien habe zunächst bestritten, dass der Mann Staatsbürger des nordafrikanischen Landes sei. Auf die Papiere habe man lange gewartet.

Kämpfer für Syrien

Erst an diesem Mittwoch hätten die tunesischen Behörden die Dokumente zugestellt, zwei Tage nach dem blutigen Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. „Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren“, sagte Jäger. Unter Ermittlern gilt Amri seit Langem als „kreuzgefährlich“ – schon wegen seiner Nähe zur „Nummer eins des ‚Islamischen Staates‘ in Deutschland“: dem im November festgenommenen Ahmad Abdulaziz Abdullah A.

Der 32-jährige Iraker predigte und warb bis zu seiner Verhaftung offen für die Terrormiliz IS. Über Jahre hinweg soll er auch Kämpfer für Syrien rekrutiert haben. Anis Amri war offenbar tief verstrickt in Terrorkreise. In Dortmund wohnte er zeitweise bei Boban S., der gleichzeitig mit Abu Walaa, ein Predigername, festgenommen wurde. S., ein 36-jähriger Chemiker mit serbischen Wurzeln, gilt als Streiter und Anwerber für den bewaffneten Dschihad.

Verführer der „zweiten Stufe“

Auch Hasan C. (50) gehörte mutmaßlich dazu und wurde damals verhaftet: der Betreiber des Duisburger Reisebüros, der im Hinterzimmer unter anderem die beiden Essener „Tempelbomber“ Yussuf T. und Mohammed B. (beide 16) ausgebildet haben soll. Verführer der „zweiten Stufe“ nannte Nordrhein-Westfalens oberster Verfassungsschützer Burkhard Freier die Männer im November. Sie seien für „pseudoreligiöse Unterweisung“ und sprachliche Vorbereitung auf Syrien zuständig gewesen.

Jäger: Behörden hatten Verdächtigen für Berlin-Anschlag bereits im Visier

Und auf Anschläge wie den auf den Berliner Weihnachtsmarkt? Der „Islamische Staat“ reklamierte die Tat am Dienstag jedenfalls für sich. Beunruhigend sind Nachrichten aus dem Bundeskriminalamt. Nach Informationen dieser Redaktion gab es am Dienstag zwischen 17 und 19.30 Uhr einen Cyberangriff auf die Internetseite bka-hinweisportal.de. Das Portal sei aufgrund einer sogenannten DDoS-Attacke nicht erreichbar gewesen. Gegenmaßnahmen seien sofort ergriffen worden, sodass die Seite am Abend wieder funktioniert habe, teilte eine Sprecherin des BKA mit.

Belohnung von 100.000 Euro

In Fachkreisen wird das Portal „Boston Cloud“ genannt. Hier können Zeugen Videos oder Fotos von dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin hochladen. Nach den Anschlägen auf den Boston-Marathon 2013 hatten die US-Behörden eine Datenbank eingerichtet, mit deren Hilfe Tausende Bilder und Filme ausgewertet werden konnten. Ein Portal nach diesem Muster richtete nun auch das BKA für den Anschlag in Berlin ein.

Mit der DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service) führten die unbekannten Hacker durch massenhafte Anfragen eine Überlastung dieses Portals herbei.

Gewalttätig und bewaffnet

Seit Mittwochabend wird der neue Tatverdächtige mit vollem Namen gesucht. Anis Amri, 24 Jahre alt, geboren in Tunesien, 1,78 Meter groß, circa 75 Kilo schwer, schwarze Haare, braune Augen – so die Personenbeschreibung bei der öffentlichen europaweiten Fahndung, die der Generalbundesanwalt in Karlsruhe herausgab.

Zusammen mit dem Hinweis: „Vorsicht! Er könnte gewalttätig und bewaffnet sein!“ Die Kopfwunde des polnischen Lkw-Fahrers, der tot in der Kabine lag, stammte von einer kleinkalibrigen Waffe, offenbar einer Pistole. Gefragt sind gegenwärtige oder frühere Aufenthaltsorte des Tatverdächtigen.

Auf der Suche nach Anis Amri hat ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei im Berliner Stadtteil Kreuzberg am Mittwoch einen Mann überprüft. Es habe sich aber nicht um den Gesuchten gehandelt, erklärte Polizeisprecher Winfrid Wenzel am späten Mittwochabend. Zuvor hatte der Berliner „Tagesspiegel“ über die Kontrolle berichtet. Einen Medienbericht, wonach das SEK zwei Wohnungen gestürmt habe, wies Wenzel zurück. Der Einsatz habe nicht in einer Wohnung stattgefunden.

Am Donnerstagmorgen durchsuchte die Polizei eine Flüchtlingsunterkunft in nordrhein-westfälischen Emmerich. An der etwa einstündigen Aktion waren schätzungsweise 100 Beamte beteiligt, darunter Spezialeinsatzkräfte. Über das Ergebnis war zunächst nichts bekannt. Bereits am Mittwoch hatten in der Nähe des Heimes Polizisten Position bezogen. Ein Sprecher der Polizei wollte sich zu der Durchsuchungsaktion nicht näher äußern und verwies auf den Generalbundesanwalt. Aus Karlsruhe war zunächst keine Stellungnahme zu bekommen.

Für Hinweise zur Ergreifung des Verdächtigen ist eine Belohnung von bis zu 100.000 Euro ausgesetzt. (mit dpa)