Anschlag

Mama, was ist Terror? So sollten Eltern der Angst begegnen

Ereignisse wie in Berlin beunruhigen Kinder und Jugendliche. Experten raten Eltern, Geborgenheit zu vermitteln und sachlich zu bleiben.

Ein Anschlag wie der in Berlin hinterlässt viele Menschen fassungslos – und führt bei Kindern zu Beunruhigung.

Ein Anschlag wie der in Berlin hinterlässt viele Menschen fassungslos – und führt bei Kindern zu Beunruhigung.

Foto: Christian Ditsch / Christian-Ditsch.de

Berlin.  An den Bildern aus Berlin, die seit Montagabend Zeitungen, Fernsehen und soziale Medien bestimmen, kommen auch Kinder und Jugendliche nicht vorbei. Terror, Tote, Trauer – das macht Angst. Wichtig sei ein sachlicher Umgang der Eltern, sagen Experten. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie können Eltern die Ereignisse thematisieren?

Es sei wichtig, das Geschehene nicht zu ignorieren. „Wenn Eltern versuchen, die Kinder davon fern zu halten, werden diese sich in ihrer Fantasie die allerschlimmsten Dinge ausmalen“, erklärt Professor Michael Schulte-Markwort, Kinderpsychiater am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Die meisten Kinder würden unweigerlich über die Medien von den Ereignissen erfahren, sagt Kristin Langer, Mediencoach bei der Initiative „Schau hin, was dein Kind mit Medien macht“. Deshalb sei es wichtig, dass Eltern ihre Kinder damit nicht alleine lassen, „denn viele Kinder haben Angst, dass solche Attentate auch bei ihnen passieren können“.

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Anders ist es, wenn Kinder von den Ereignissen nichts mitbekommen haben. „Auch wenn es den Eltern auf der Zunge liegt, schürt ein Gespräch darüber gerade bei kleinen Kindern unnötig Ängste“, erklärt Maria Große Perdekamp, Leiterin der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (eltern.bke-beratung.de).

Jugendliche sollten auf das Thema angesprochen werden. „Sie können anders als Jüngere logisch denken und Zusammenhänge erfassen“, sagt Große Perdekamp. Außerdem sei es wichtig Werte und politische Einstellungen gemeinsam zu diskutieren.

Wie viel Wahrheit vertragen Kinder?

„Kinder haben grundsätzlich ein Anrecht auf Partizipation in dieser Welt“, sagt Kinderpsychiater Schulte-Markwort. Dazu gehörten die schönen aber auch die schrecklichen Dinge. „Wir müssen ihnen zutrauen, damit umzugehen.“ Wie viel man Kindern zumuten kann, hängt jedoch neben dem individuellen Charakter auch vom Alter ab.

Die Faustregel lautet: Je älter ein Kind ist, desto offener können Eltern über Ereignisse wie die in Berlin sprechen. „Besonders bei jüngeren Kindern ist eines ganz wichtig: dass es ein gutes Ende gibt“, erklärt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie an der Berliner Charité. Es sei ähnlich wie im Märchen, sagt auch Erziehungsexpertin Maria Große-Perdekamp. „Dort frisst auch der Wolf die Großmutter, aber am Ende wird alles gut.“ Im Fall des Berliner Anschlags könne man etwa sagen: Es ist etwas Schlimmes passiert. Aber dann waren ganz schnell die Helfer da und die Verletzten sind ganz schnell in das beste Krankenhaus gekommen. Und die Polizei hilft uns, dass die Bösen gefangen werden. Auch mit dem Begriff Terrorismus ist ein Dreijähriger überfordert. Hat das Kind diesen aufgeschnappt, kann man ihn kindgerecht erklären. Etwa: Ein Terrorist ist ein Mensch, der Gewalt in Ordnung findet, weil er es nicht gut findet, wie wir hier in Deutschland leben.

Bei der Frage nach der Herkunft des Täters, raten die Experten zu Ehrlichkeit. „Da müssen wir uns gar keinen Knoten in die Zunge machen. Eltern sollten die Dinge klar benennen. Auf der ganzen Welt gibt es Mörder. In jedem Land, in jeder Gesellschaftsschicht. Das kann man den Kindern auch so sagen“, sagt Schulte-Markwort.

Wie nehmen Eltern ihren Kindern die Angst?

Indem sie Sicherheit geben. „Das ist das oberste Gebot“, sagt Isabella Heuser von der Charité. Nichts sei so beruhigend, wie ein Kind in den Arm zu nehmen und ihm Geborgenheit zu geben oder ihm zu sagen: Wir passen immer auf dich auf.

Trotzdem müssen Eltern das Kind in seinen Ängsten ernst nehmen. „Statt Trauer, Angst und Wut zu beschwichtigen, fragen sie besser nach, was das Kind genau traurig macht“, sagt Mediencoach Kristin Langer von „Schau hin“. Allein schon dieses Wahrnehmen sei tröstlich.

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Schulte-Markwort rät Eltern, sich zunächst mit ihrer eigenen Angst auseinanderzusetzen: „Sie sollten sich klar machen: Ja, es macht mir Angst. Aber ich muss auch mein Kind vor meiner Angst schützen.“

Denn Kinder spüren, wenn Eltern Angst haben. Große Perdekamp bestätigt: „Wenn Kinder ihre Eltern in Angst erleben, ist das etwas Beunruhigendes.“ Seien die Eltern gut aufgestellt, könnten auch Kinder die Situation verarbeiten.

Sollten Kinder von der Berichterstattung fern gehalten werden?

Für sehr junge Kinder gelte: je weniger Medien desto besser, findet Mediencoach Kristin Langer. Für ältere Kinder würden sich kindgerechte Nachrichten anbieten. Die Initiative „Schau hin“ (www.schau-hin.info) empfiehlt etwa „logo!“ (tivi.de), „neuneinhalb“ (neuneinhalb.wdr.de) oder Informationsseiten im Internet wie kindernetz.de/minitz oder www.sowieso.de.

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