Berlin/Ankara

Der Täter rief: „Vergesst Aleppo nicht!“

| Lesedauer: 6 Minuten
Christian Unger, Theresa Martus, Philipp Neumann

Russischer Botschafter stirbt nach brutalem Attentat in Ankara an seinen Schussverletzungen. Der Todesschütze arbeitete offenbar für die türkische Polizei

Berlin/Ankara. Nach dem Mord steht er da. Ein junger Mann, schwarzer Anzug, Krawatte, das Gesicht glatt rasiert, die Haare zur Seite gekämmt. Gerade hat Mevlüt Mert A., 22 Jahre alt, mehrere Schüsse von hinten auf den russischen Botschafter in der Türkei abgefeuert. Dann geht er langsam in den Raum. Menschen fliehen. Schreie. Neben dem Attentäter liegt der leblose Körper des Diplomaten.

Im Internet verbreiten sich Videos und Fotos kurz nach der Tat, es sind Sequenzen einer brutalen Tat: Im Vordergrund steht Andrej Karlow, der Botschafter, an einem Pult. Hinter ihm hängen zahlreiche Fotos, umrahmt mit schwarzem Rand. Es ist die Galerie „Contemporary Arts Center“ (CER) im Viertel Cankaya in Ankara. „Russland – wie es die Türken sehen“, heißt die Ausstellung.

In den Stuhlreihen vor Botschafter Karlow sollen laut türkischen Medien etwa 70 Besucher sitzen – und mindestens eine Fernsehkamera ist auf einem Stativ aufgebaut, sie filmt das Attentat – auch dann noch, als Menschen schreiend wegrennen oder offenbar verletzt am Boden liegen. Zu hören sind Schüsse. Dann sackt Karlow zusammen. In den Augenblicken vor dem Mord steht der Attentäter direkt hinter seinem Opfer. Der Mann ist nach ersten Erkenntnissen verschiedener Medien türkischer Polizist – an seinem Revers heftet die Dienstmarke der türkischen Polizei. Auch der Bürgermeister von Ankara bestätigt diese Information.

In den Stunden nach der Tat gibt es widersprüchliche und immer wieder neue Informationen über den Täter. So behauptet Ankaras Bürgermeister auch, dass der Angreifer Mitglied der in der Türkei als Terrororganisation angesehene Gülen-Bewegung sei. Türkische Medien zitieren russische Behörden, nach deren Ansicht es sich bei dem Angreifer um einen Islamisten handele.

Botschafter Karlow stirbt. Drei weitere Menschen werden verletzt. Die Aufnahme der Kamera in dem Ausstellungsraum dokumentiert das Verbrechen.

Neun Kugeln feuert der Mann in wenigen Sekunden von hinten auf den russischen Botschafter. Dann geht er langsam aus der Ecke in dem Raum, wo er bis eben offenbar noch getarnt als Wachmann gestanden hatte – denn laut ersten Informationen aus türkischen Sicherheitskreisen war der Mann am Montagabend auf der Ausstellung nicht im Dienst.

Als der Täter mit dem Schießen aufhört, hebt er den Zeigefinger. Es ist ein Gruß, den in der Öffentlichkeit vor allem Islamisten des selbsternannten „Islamischen Staates“ bekannt gemacht haben. Es ist im Westen auch der Gruß der Radikalen. Der Mann mit Anzug und Pistole ruft: „Allahu Akbar“, Gott ist groß. Und dann mehrfach: „Vergesst Aleppo nicht! Vergesst Syrien nicht!“

Laut Medienberichten ruft der Mann seine Propaganda auf Türkisch und teilweise auch Arabisch. „Nur der Tod wird mich von hier wegholen. Jeder, der Teil dieser Unterdrückung war, wird einer nach dem anderen dafür bezahlen“, ruft der Mann laut US-Sender CNN. Offenbar meint er auch hier die Angriffe der russischen, aber auch syrischen Truppen gegen die Rebellen und den IS in Syrien. Zudem ruft der Attentäter laut der Nachrichtenagentur dpa: „Wir sind diejenigen, die dem Propheten Mohammed Treue und dem Dschihad Treue schwören.“ Diesen Satz rufen auch syrische Islamisten, wenn sie ins Gefecht ziehen.

Fotos im Internet zeigen den Täter in Polizeiuniform

Viele Informationen sind am Montagabend noch unbestätigt. Schon kurz nach der Tat tauchen in den sozialen Netzwerken Fotos des Attentäters in Polizeiuniform auf. Und auch Bilder des erschossenen Attentäters. Der türkische Staatssender TRT berichtete, Spezialkräfte der Polizei seien nach dem Anschlag in die Galerie gestürmt. Unklar ist, wie der Attentäter in die Galerie gekommen war und warum es mehrere Minuten dauerte, bis Polizisten den Angreifer töten konnten. Und warum der russische Botschafter nicht durch Sicherheitsleute geschützt war. Bis zum Abend bekannte sich keine Organisation zu der Tat. Nach einem Medienbericht wurden Mutter und Schwester des Attentäters festgenommen. Das Attentat fällt in eine angespannte politische Lage – auch zwischen Russland und der Türkei. Im November des vergangenen Jahres war das Verhältnis auf einem Tiefpunkt angekommen. Damals hatte die Türkei ein russisches Kampfflugzeug an der türkisch-syrischen Grenze abgeschossen. Nachdem Moskau spürbare Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei verhängt hatte, drehte Ankara im Sommer bei: Präsident Erdogan entschuldigte sich bei Wladimir Putin für den Abschuss. Nach dem Attentat auf den Botschafter stand das russische Außenministerium mit der Regierung in Ankara in Kontakt. Präsident Wladimir Putin kündigte an, den Kampf gegen den Terror zu verstärken: „Die Banditen werden es zu spüren bekommen.“ Erdogan und Putin sollen persönlich miteinander gesprochen haben.

Im Syrienkrieg verfolgen Ankara und Moskau entgegensetzte Ziele: Russland stützt Machthaber Baschar al-Assad, die Türkei will das Regime in Damaskus stürzen. Die Russen dulden aber die türkischen Militäroperationen gegen Kurden auf syrischem Territorium. Am heutigen Dienstag soll ein Treffen der Außen- und Verteidigungsminister von Russland, der Türkei und dem Iran trotz des Attentats stattfinden. Dies berichtete die russische Nachrichtenagentur Interfax. Es soll um den künftigen Kurs im Syrien-Konflikt gehen. Regierungen weltweit sowie die Vereinten Nationen verurteilten das Attentat. Der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Steffen Seibert, schrieb auf Twitter: „Die Bundesregierung verurteilt die sinnlose Tat auf das Schärfste“. Das Auswärtige Amt erklärte: „Unsere Gedanken sind bei seiner Familie.“

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