Politik

Die Grenzen der Toleranz

Die Förderung einer deutschen Schule muss enden, wenn die Türkei nicht einlenkt

Einen stattlichen Millionenbetrag gibt der deutsche Steuerzahler jedes Jahr aus, damit türkische Kinder an einer deutschen Eliteschule in Istanbul die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere und die Entwicklung für einen weltoffenen Geist vorfinden.

Die Schüler, viele von ihnen haben deutsch-türkische Eltern, lernen Mathematik, Physik, Deutsch, Sitten und Gebräuche – natürlich auch über die der Deutschen. Man mag es kaum glauben: Aber ab sofort sollen die Themen Weihnachten und christliche Werte vom Lehrplan gestrichen sein. Nicht einmal „O du fröhliche“ darf der Schulchor angeblich noch singen.

Diese Entscheidung der türkischen Regierung macht deshalb so wütend, weil das Gleichgewicht der Toleranz zwischen der Türkei und Deutschland schon lange aus dem Lot ist. Ganz selbstverständlich behandeln deutsche Schulen im Unterricht das Zuckerfest. In Großstädten grillen Papas beim multiethnischen Kindergeburtstag ganz freiwillig kaum noch Schweinswürste. Das hat mit Toleranz und Respekt gegenüber Andersgläubigen zu tun, und deshalb ist diese Nachricht aus Istanbul besonders für weltoffene Menschen so schmerzhaft.

Nach der Debatte um das Kruzifix in Schulen und Gerichten, wo die Toleranz von Traditionalisten und gläubigen Christen bereits auf eine harte Probe gestellt wurde, stellt sich erneut die Frage: Wie viel von den eigenen Wurzeln muss für das gute Miteinander der Kulturen geopfert werden? Und wo liegt dabei die Grenze? Nämlich die Grenze, ab der eine Gesellschaft aus falsch verstandener Toleranz beginnt, ihre eigenen Wurzeln aufzugeben, wobei sie am Ende dafür nicht Respekt, sondern Verachtung erntet. Und sich gleichzeitig in eine Spirale bei der Preisgabe eigener Werte begibt, aus der es kein Zurück gibt.

Diese Definition der eigenen Werte ist nicht nur eine Herausforderung für die Deutschen. Überall in Europa stellt sich diese Frage. Unvergessen ist der Empfang des iranischen Präsidenten Hassan Ruani auf dem Kapitol in Rom. Die nackten Marmorstatuen Michelangelos verschwanden aus vorauseilendem Gehorsam in weiß lackierten Bretterkisten, um die religiösen Gefühle (und das Interesse an teuren Importgütern) des hohen Staatsgastes nicht zu verletzen.

Beim Besuch des Tempelbergs in Jerusalem legten vergangenen Oktober der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx aus falscher Rücksicht ihre Amtskreuze ab. Eine Entscheidung, die massive Kritik unter den Gläubigen in Deutschland auslöste und von beiden später bitter bereut wurde.

Im Fall der deutschen Schule von Istanbul ist diese Grenze für die Preisgabe von Werten nicht nur erreicht. Nein, sie wird eindeutig überschritten. Wenn das türkische Bildungsministerium diese politisch motivierte Entscheidung nicht zurücknimmt, muss der deutsche Staat unmissverständlich reagieren.

Auch wenn sich die ersten Erklärungen aus dem Auswärtigen Amt windelweich lesen – offenbar will man den Streit niedrig hängen und hofft auf ein Einsehen der Türken –, sollte die Bundesregierung in dieser Frage klare Kante zeigen. Die finanzielle Förderung der Schule muss nach diesem skandalösen Eingriff in den Unterricht eingestellt werden – auch dann, wenn die Einrichtung deswegen aus Geldmangel schließen muss.

In der letzten Unterrichtsstunde könnte man den türkischen Schülern ja Wilhelm Busch auf den Lehrplan setzen mit seinem klugen Motto: „Toleranz ist gut – aber nicht gegenüber den Intoleranten.“ Seite 4