Politik

Wie sich Essen auf Politik auswirkt

Eisbein, Currywurst und Saumagen gegen „Mince Pie“ und Truthahn – eine Frage der Identität

Ich hatte nie Verständnis für Margaret Thatcher. Außer vielleicht zu den Zeiten, als Helmut Kohl sie mehrmals eingeladen hat, mit ihm Eisbein zu essen. Was für eine Vorstellung: Er wollte versuchen, eine Ebene zu finden mit dieser eher schwierigen Politikerin. Letztlich ging es um nichts weniger als die Zukunft Deutschlands und die Zukunft Europas. Und er bietet ihr an, mit ihm gepökeltes und gekochtes Bein vom Schwein zu essen!

Wie wir von ihrer Seite hörten, hatte sie seine kulinarischen Vorlieben nie zu schätzen gelernt. Wie wir ebenfalls wissen, galt dies auch für seine politischen Ideen – zum Beispiel Deutschland zu vereinen.

Kein Wunder, dass Helmut Kohl in einem Interview neulich über sein Verhältnis zu Thatcher sagte: „Mit ihr war es immer ein Wechselbad der Gefühle.“

Ich weiß nicht, was sie ihm als „Rache“ angeboten hat, als er sie in England besucht hat. Unser klassisches Lieblingsgericht „Rindfleisch-Nieren-Pudding“, vielleicht? Mmm, lecker!

Nach jahrelangem Zögern habe ich es auch mittlerweile gewagt, Eisbein selber zu probieren. Nach einer Weile in Deutschland muss man bereit sein, einmal voll einzutauchen in die kulinarische Welt – trotz irgendwelcher Bedenken zu Eisbein oder sonstigen Gerichten. Sonst, und das ist meine Meinung, kann man sich kaum „Deutschlandkenner“ nennen. Also kann ich jetzt aus eigener Erfahrung sagen, dass Eisbein besser schmeckt, als der Name es jemals suggerieren würde. Currywurst – na ja. Ich würde es nicht jeden Tag essen, oder mich so sehr danach sehnen wie Gerhard Schröder, dass ich meinen Chauffeur an diese berühmte Currywurstbude an der Schönhauser Allee schicken würde, um eine Portion für mich zu holen. Es war die nette Novelle von Uwe Timm – „Die Entdeckung der Currywurst“ – die mich überzeugt hat, es überhaupt zu probieren. In dem Roman geht es darum, dass die Currywurst eine Zufallsentdeckung war, nachdem eine Frau, die versuchte, durch die Nachkriegszeit zu kommen, Würste, Tomatensauce und Currypulver aus Versehen auf der Treppe fallen ließ. Sie musste also überlegen, wie sie die Situation und die kostbaren Zutaten so herrlich zusammengemixt, rettet. So – laut Timm – wurde die Currywurst geboren.

Das ist jetzt natürlich schon ein paar Jahre her, aber immer, wenn ich Besuch in Berlin bekomme, steht ein Besuch bei einer Currywurstbude (für alle außer den strengsten Vegetariern) auf dem Pflichtprogramm. Und ich wiederhole die Geschichte kurz und wir essen natürlich eine Currywurst.

Als ich dieses Jahr nach Kallstadt gefahren bin, um ein Porträt von der rheinland-pfälzischen Stadt zu schreiben, aus der Donald Trumps Großvater stammte, konnte ich meinen Besuch nicht abschließen, ohne Saumagen gegessen zu haben. Man sagt, dort gebe es die besten Saumagen Deutschlands. Um Helmut Kohl nochmal zu erwähnen – wo wir hier von Essen sprechen: Sein Fahrer ist auch nicht allzu selten extra zum „Saumagen Paradies“-Fleischer nach Kallstadt gefahren, um für seinen Chef Kallstadter Saumagen zu kaufen. Keine Ahnung, ob Donald Trump es schon probiert hat, aber sicherlich kommt er auch nicht darum herum, wenn er Kallstadt besucht auf einer seiner zukünftigen Deutschlandreisen.

Der Advent ist ja die Zeit, in der Essen und Identität eine wichtige Rolle spielen. Nichts gegen Wurst und Kartoffelsalat oder Gans, aber so Deutsch bin ich noch nicht, dass ich bereit wäre, unsere englischen Weihnachtstraditionen dafür aufzugeben.

Deswegen habe ich meine „Mince Pies“ im Englisch Shop gekauft, mein Truthahn ist bestellt und wird am Freitag abgeholt. Normalerweise dürfte er seine letzten Tage in der frischen Luft der Lüneburger Heide genießen. Aber dieses Jahr, wegen der Vogelgrippe, musste er drinbleiben. Mein Fleischer sagt, er will nicht, dass ich einen schrägen deutschen Vogel zu Weihnachten bekomme. Oder noch schlimmer, dass ich selber zu einem werde.