US-Wahl

Kann Donald Trump als US-Präsident noch verhindert werden?

Am Montag tagt das „electoral college“ in den USA. Eine Umkehr vom Wahlergebnis scheint zwar zweifelhaft. Trotzdem fürchtet sich Trump.

Donald Trump liegt bei den Wählern zwar um 2,9 Millionen Stimmen zurück, hat aber deutlich mehr Wahlmänner auf sich vereinigen können.

Donald Trump liegt bei den Wählern zwar um 2,9 Millionen Stimmen zurück, hat aber deutlich mehr Wahlmänner auf sich vereinigen können.

Foto: LUCAS JACKSON / REUTERS

Washington.  1976 ging Martin Sheen in den Dschungel von Vietnam. In Francis Ford Coppolas Meisterwerk „Apokalypse Now“ galt es den dämonischen Colonel Kurtz (Marlon Brando) zu beseitigen. 40 Jahre später macht sich der preisgekrönte Hollywood-Mime daran, im realen Leben subjektiv empfundenes Unheil abzuwenden. Es geht um Donald Trump.

Bevor der New Yorker Milliardär am Montag im „electoral college“ zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden soll, rufen Sheen und andere Schauspiel-Größen in einem hunderttausendfach angesehenen Video-Clip die 538 Mitglieder des Wahlleute-Gremiums zur Revolte auf. Genauer: zur Stimmenthaltung.

Wahlmänner zur Umkehr aufgefordert

Sheen und seine Mitstreiter sind nicht allein. Trumps hauchdünner Sieg bei der Wahl am 8. November hat eine stattliche Widerstandsbewegung ausgelöst. Manche republikanische gepolte Wahlleute berichten von „hunderten E-Mails, Briefen und Telefonanrufen“, in denen sie zur Umkehr aufgerufen werden.

In einzelnen Bundesstaaten sind Klagen anhängig, die Trump in die Nähe von Wahlbetrug rücken. Diverse Organisationen bieten juristischen Beistand an, um potenziellen Abweichlern den Rücken zu stärken. In einer von fünf Millionen Amerikanern unterzeichneten Petition heißt es: Der Sieg steht Hillary Clinton zu.

Clinton mit Millionen-Vorsprung

Letzteres zielt auf die Tatsache, dass die Demokratin fast 2,9 Millionen mehr Stimmen bekommen hat. Und trotzdem nach den Kriterien des „electoral college“ verlor. Ein Phänomen, das in der amerikanischen Geschichte vorher erst vier Mal vorgekommen ist. Zuletzt, als der Demokrat Al Gore im Jahr 2000 knapp 500.000 Stimmen mehr errang als George W. Bush. Und trotzdem das Nachsehen hatte.

Trumps Wahlsieg, bewerkstelligt mit 80.000 Stimmen Vorsprung in drei Bundesstaaten, sei moralisch-ethisch entwertet, sagen seine Gegner. Verfassungstechnisch ist das Humbug. Denn entscheidend ist allein die Zahl der Wahlleute, die ein Kandidat auf sich vereinigen kann. Hier liegt Trump mit 306 zu 232 deutlich vorn. 270 sind nötig, um ins Weiße Haus einzuziehen.

Dieses Mal ist vieles anders

Eigentlich also eine Formalie, wenn die Wahlleute am Montag dezentral hinter verschlossenen Türen zusammentreten. Schon weil sie in 29 Bundesstaaten per Gesetz dazu verpflichtet sind, das jeweilige Stimmenergebnis abzunicken. Aber diesmal ist vieles anders.

Weil Donald Trump polarisiert wie noch kein Kandidat zuvor, reden seine Gegner eine Wechselstimmung herbei und den Wahlleuten ins Gewissen. 38 ist die magische Zahl.

So wird Trumps Präsidentschaft verhindert

Verweigern sich exakt so viele Wahlleute Donald Trump, einigen sie sich mit den 232 auf Clinton abonnierten Vertretern auf die Demokratin oder hieven sie einen konservativen Überraschungs-Kandidaten über die Schwelle von 270, ist die Präsidentschaft Trumps mausetot. Bleibt der 70-Jährige lediglich unter dem Quorum, sagen wir 269, geht der Fall ans Repräsentantenhaus im Kongress. Die Republikaner haben dort die Mehrheit. Trump würde also über einen Umweg gewählt.

Das zu verhindern, sei staatsbürgerliche Pflicht, sagen Feinschmecker der Verfassung. Sie berufen sich auf Alexander Hamilton. Einer der Gründungsväter Amerikas hatte vor über 200 Jahren das Wahlleute-Gremium als letztes Bollwerk gegen Demagogen und Hallodris beschrieben, wie sie nun mal aus Volksabstimmungen hervorgehen können. Das höchste Staatsamt, so Hamilton, dürfe niemandem in die Hand fallen, „der nicht in herausragendem Maße mit den erforderlichen Qualifkationen ausgestattet ist“.

Trump „nationale Katastrophe“

Dass Trump in diese Kategorie fällt, ist für Robert Reich ein Allgemeinplatz. Der Arbeitsminister in der Regierung Bill Clintons hält den Unternehmer wie Millionen Amerikaner für eine „nationale Katastrophe“.

Ob die Last-Minute-Aufrufe zum staatsbürgerlichen Ungehorsam fruchten? Skepsis ist angebracht. Während Harvard-Professor Lawrence Lessig bereits von mindestens 20 Abweichlern wissen will, hat eine Nachrichten-Agentur in Kleinarbeit versucht, alle 538 Wahlleute einzeln zu vernehmen. 330 wurden erreicht.

Wahlleute werden sich wohl ans Ergebnis halten

Ergebnis: Fehlanzeige. Viele fremdeln zwar mit Trump. Niemand will sich aber am Volksentscheid versündigen. „Aus Prinzip“ oder „Überzeugung“ oder „aus Angst vor sozialen Unruhen“ wollen die allermeisten für Trump stimmen. Anders würde der Wille von 63 Millionen Trump-Wählern ignoriert.

Bisher hat erst eine einziger republikanischer Wahlmann, Chris Suprun aus Texas, öffentlich seine Abtrünnigkeit bekundet. Dass ihm kaum die erforderlichen drei Dutzend Nachahmungstäter folgen, legt auch die Chronik nahe. In der US-Geschichte verspürten bisher insgesamt 82 „electorates“ Lust auf Rebellion. Die meisten auf einen Streich 1808 gegen James Madison.

Trotzdem fürchtet sich Trump

Donald Trump mag daraus aber so recht keine Beruhigung ziehen. Misstrauisch und immer für Hinterzimmer-Verschwörungstheorien zu haben, gaben sich er und seine mitten in den Regierungsvorbereitungen steckende Kampagne bis zuletzt alle Mühe, um das Feuer auszutreten. Sie haben Angst vor „faithless electors“, treulosen Funktionären, die im entscheidenden Moment von der Fahne gehen könnten.

Hillary Clinton sei eine miserable Verliererin, sagen die Trumpianer deshalb. Der Sieg sei eindeutig. Und Amerika habe keine Zeit für Spirenzchen. Damit meinte Trump das Begehren von 100 Wahllleuten, rechtzeitig vor der Abstimmung von den US-Geheimdiensten über die Verstrickung russischer Computer-Hacker in den Wahlkampf ins Bild gesetzt zu werden. Dazu sollte es bis zur Stunde nicht kommen.

Appell ans Gewissen

Für Martin Sheen umso mehr Ansporn. Der Mann, der nach dem Vietnam-Anti-Kriegs-Drama in der beliebten Fernseh-Serie „The West Wing“ als fiktiver Präsident Josiah Bartlet die Rolle seines Leben fand, packt die echten Wahlleute beim Gewissen. „Gehen Sie als amerikanische Helden in die Geschichtsbücher ein“, sagt der 76-Jährige – verweigern Sie Donald Trump am Montag die Stimme.