Syrien-Konflikt

Noch Zehntausende Zivilisten nach Evakuierung in Ost-Aleppo?

Offenbar warten weiter viele Menschen in Not, dass sie Aleppo verlassen können. Doch Russland erklärt die Evakuierung für beendet.

Ein Konvoi aus Bussen und Autos bringt am Freitag Zivilisten aus dem zerbombten Aleppo.

Ein Konvoi aus Bussen und Autos bringt am Freitag Zivilisten aus dem zerbombten Aleppo.

Foto: OMAR SANADIKI / REUTERS

Damaskus.  Syriens Regierung hat die Evakuierung der Rebellengebiete im Osten der Stadt Aleppo nur einen Tag nach Beginn wieder gestoppt. Das Regime in Damaskus und die Opposition gaben sich dafür am Freitag gegenseitig die Schuld. Russland als enger Verbündeter Syriens erklärte den Transport von Kämpfern und deren Familien aus Ost-Aleppo für beendet. Die syrische Armee habe zudem ihren Einsatz zur Rückeroberung der Rebellengebiete abgeschlossen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit.

US-Präsident Barack Obama prangerte das Vorgehen der Regierung von Präsident Baschar Al-Assad und seiner Verbündeten Russland und Iran in Syrien scharf an. Blut klebe an ihren Händen, sagte er am Freitag auf einer Pressekonferenz in Washington.

Dem Moskauer Verteidigungsministerium zufolge haben alle Frauen und Kinder aus den von der Opposition kontrollierten Vierteln Ost-Aleppo verlassen. „Zurück bleiben Gruppen radikaler und unversöhnlicher Militanter, die auf syrische Truppen feuern.“ Das Militär rücke in diesen Vierteln vor.

Aktivisten sprechen von Zehntausenden Zivilisten

Aktivisten erklärten hingegen, Zehntausende Zivilisten warteten dort noch darauf, aus der Stadt gebracht zu werden. Frankreichs Präsident François Hollande hatte beim EU-Gipfel in Brüssel gesagt, in Ost-Aleppo seien noch 50 000 Menschen eingeschlossen.

Wegen einer monatelangen Blockade durch das Regime ist die humanitäre Lage in den Rebellengebieten nach Angaben von Hilfsorganisationen katastrophal. Es fehlt akut an Trinkwasser, Nahrung und medizinischer Versorgung. Die Menschen leiden unter dem kalten Winterwetter.

Russland sieht UN-Beobachter kritisch

Die USA unterstützen einen ranzösischen Vorschlag zur Entsendung von UN-Beobachtern in die umkämpfte syrische Stadt Aleppo. Die französische Initiative für eine Sicherheitsratsresolution drücke den „Bedarf nach Beobachtung, humanitärer Hilfe und sicherer Evakuierung aus“, sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, am Freitag in New York.

Russland zeigte sich jedoch skeptisch. Einige Elemente des Vorschlags seien „fragwürdig“, sagte der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin. „Es dauert Wochen, bis Beobachter entsandt werden können. Es müssen ausgebildete Menschen sein, die wissen, was sie machen, was sie beobachten und wie das funktioniert - zu denken, dass man das in zwei oder drei Tagen organisieren kann, ist sehr unrealistisch.“

Gegenseitige Schulzuweisungen

Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, der Abzug sei gestoppt worden, nachdem „terroristische Gruppen“ auf Busse und Autos geschossen hätten. Das oppositionelle Lokale Koordinierungskomitee erklärte hingegen, regimetreue Milizen hätten das Feuer eröffnet. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kehrten Busse mit Hunderten Menschen wieder nach Ost-Aleppo zurück.

Fares Schehabi, Abgeordneter des syrischen Parlaments, sagte der Deutschen Presse-Agentur zudem, die Evakuierung sei wegen Unstimmigkeiten über die von Aufständischen belagerten Orte Fua und Kafraja ausgesetzt worden. „Die Rebellen lassen die Menschen dort nicht hinaus“, erklärte er. Er warf den Oppositionsmilizen zudem vor, sie hätten Gefangene und Waffen aus Ost-Aleppo bringen wollen.

Schiiten-Milizen fordern Gegenleistung

Fua und Kafraja im Nordwesten Syriens werden überwiegend von Schiiten bewohnt. Milizen aus dem schiitischen Iran, die an der Seite der syrischen Armee kämpfen, fordern nach Angaben aus Regierungskreisen, dass im Gegenzug für die Evakuierung der Rebellengebiete Aleppos auch die Blockade der beiden Orte aufgehoben werden müsse.

Am Donnerstag hatten sich Busse auf den Weg nach Fua und Kafraja gemacht, die jedoch nicht dorthin kamen. Rebellenkreise erklärten am Freitag, Kranke und Verwundete dürften die Orte verlassen.

Rebellen werfen Russland Kontrollverlust vor

Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, mehr als 4500 Kämpfer und 337 Verwundete seien seit dem Beginn der Evakuierung am Donnerstag aus Ost-Aleppo gebracht worden. Insgesamt verließen demnach mehr als 9500 Zivilisten Ost-Aleppo.

Aus Rebellenkreisen hieß es, Russland habe die Kontrolle über iranische Kräfte verloren, wolle aber nach außen hin nicht schlecht aussehen. Deswegen habe Moskau die Evakuierung für beendet erklärt.

Hilfsorganisationen mussten nach Angaben der Vereinten Nationen Ost-Aleppo nach dem Evakuierungsstopp verlassen. „Ich nehme an, die Nachricht kam von den Russen, die die Gegend überwachen“, sagte die Syrien-Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Elizabeth Hoff. Kontakt mit der syrischen Regierung gebe es nicht.

Syriens Armee hatte nach dem Beginn einer Offensive den allergrößten Teil der bisherigen Rebellengebiete Aleppos eingenommen. Ein Abkommen zwischen Regierung und Rebellen sieht vor, dass Kämpfer und Zivilisten die Stadt verlassen und in andere Gebiete unter Kontrolle der Opposition gebracht werden. Ein erster Anlauf zur Umsetzung war am Mittwoch gescheitert, weil neue Kämpfe ausgebrochen waren.

Russland will mit Türkei als Schutzmacht verhandeln

Russlands Präsident Putin setzt unterdessen auf ein neues Format von Syrien-Gesprächen mit der Türkei als Schutzmacht der Opposition. Russland versuche, die syrische Regierung dafür zu gewinnen, die Türkei wiederum die Gegner von Präsident Assad. Das habe er mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan vereinbart, sagte Putin am Freitag bei einem Besuch in Tokio. Die Treffen könnten in Kasachstan stattfinden.

Den Rebellen in Aleppo warf das russische Verteidigungsministerium vor, in den Gefängnissen seien Zivilisten gefoltert worden. Mit dem Abzug der Rebellen aus Ost-Aleppo kontrolliert die syrische Armee wieder alle großen Städte im Land. Russland und der Iran sind die engsten Verbündeten der Regierung in Damaskus und unterstützen sie militärisch. (dpa/rtr)